Difference between revisions of "I, 1. Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914"

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
m
 
(5 intermediate revisions by the same user not shown)
Line 1: Line 1:
''Entwurf d. d. Wien, 2. Juli 1914, Handschreiben überreicht in Berlin am 5. Juli 1914 durch den österreich-ungarischen Botschafter; Antwortschreiben Kaiser Wilhelms siehe [[Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914 | Nr. 18]]''.
+
[[Main Page | WWI Archive]] > [[Die Österreichisch-Ungarischen Dokumente zum Kriegsausbruch|Dokumente zum Kriegsausbruch]] > '''I, 1. Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914'''
 +
<hr>
 +
 
 +
 
 +
''Entwurf d. d. Wien, 2. Juli 1914, Handschreiben überreicht in Berlin am 5. Juli 1914 durch den österreich-ungarischen Botschafter;<br>Antwortschreiben Kaiser Wilhelms siehe [[Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914 | Nr. 18 (Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914)]]''.
 +
 
 +
 
 +
 
 +
''Draft in Vienna, 2 July 1914, Handwritten correspondence handed to the Emperor in Berlin by the Austro-Hungarian ambassador on 5 July 1914;<br>For the answering correspondence by Kaiser Wilhelm, see [[Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914 | Nr. 18 (Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914)]]''.
 +
 
  
 
<hr>
 
<hr>
  
<blockquote>
 
<dd></dd>Ich habe aufrichtig bedauert, da&szlig; Du gen&ouml;tigt warst, Deine Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich h&auml;tte Dir sehr gerne pers&ouml;nlich meinen herzlichen Dank f&uuml;r Deine wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kummer ausgesprochen.
 
  
<dd></dd>Du hast mir durch Dein warmes mitf&uuml;hlendes Beileid wieder bewiesen, da&szlig; ich in Dir einen treuen, verl&auml;&szlig;lichen Freund besitze, und da&szlig; ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann.  
+
<b>Siehe auch:<br>[[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914]]
  
<dd></dd>Es w&auml;re mir auch sehr erw&uuml;nscht gewesen, die politische Lage mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht m&ouml;glich gewesen ist, erlaube ich mir, Dir die anruhende, von meinem Minister des &Auml;u&szlig;ern ausgearbeitete [[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914 | Denkschrift]] zu senden, die noch vor der furchtbaren Katastrophe in Sarajevo verfa&szlig;t wurde und jetzt nach diesem tragischen Ereignis besonders beachtenswert erscheint.
 
  
<dd></dd>Das gegen meinen Neffen ver&uuml;bte Attentat ist die direkte Folge der von den russischen und
+
<br>See also the attachment or appendix to this correspondence:<br> [[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914]].</b>
 +
 
 +
 
 +
<hr>
 +
 
 +
 
 +
<blockquote>
 +
Ich habe aufrichtig bedauert, da&szlig; Du gen&ouml;tigt warst, Deine Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich h&auml;tte Dir sehr gerne pers&ouml;nlich meinen herzlichen Dank f&uuml;r Deine wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kummer ausgesprochen.
 +
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Du hast mir durch Dein warmes mitf&uuml;hlendes Beileid wieder bewiesen, da&szlig; ich in Dir einen treuen, verl&auml;&szlig;lichen Freund besitze, und da&szlig; ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann.
 +
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Es w&auml;re mir auch sehr erw&uuml;nscht gewesen, die politische Lage mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht m&ouml;glich gewesen ist, erlaube ich mir, Dir die anruhende, von meinem Minister des &Auml;u&szlig;ern ausgearbeitete [[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914 | Denkschrift]] zu senden, die noch vor der furchtbaren Katastrophe in Sarajevo verfa&szlig;t wurde und jetzt nach diesem tragischen Ereignis besonders beachtenswert erscheint.
 +
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Das gegen meinen Neffen ver&uuml;bte Attentat ist die direkte Folge der von den russischen und
 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schw&auml;chung des
 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schw&auml;chung des
 
Dreibundes und die Zertr&uuml;mmerung meines Reiches ist.  
 
Dreibundes und die Zertr&uuml;mmerung meines Reiches ist.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Nach allen bisherigen Erhebungen hat es sich in Sarajevo nicht um die Bluttat eines Einzelnen,
+
<blockquote>
 +
Nach allen bisherigen Erhebungen hat es sich in Sarajevo nicht um die Bluttat eines Einzelnen,
 
sondern um ein wohlorganisiertes Komplott gehandelt, dessen Faden nach Belgrad reichen und, wenn es auch vermutlich unm&ouml;glich sein wird, die Komplizit&auml;t der serbischen Regierung
 
sondern um ein wohlorganisiertes Komplott gehandelt, dessen Faden nach Belgrad reichen und, wenn es auch vermutlich unm&ouml;glich sein wird, die Komplizit&auml;t der serbischen Regierung
 
nachzuweisen, so kann man wohl nicht im Zweifel dar&uuml;ber sein, da&szlig; ihre auf die Vereinigung aller S&uuml;dslawen unter serbischer Flagge gerichtete Politik solche Verbrechen fordert, und da&szlig; die Andauer dieses Zustandes eine dauernde Gefahr f&uuml;r mein Haus und f&uuml;r meine L&auml;nder bildet.  
 
nachzuweisen, so kann man wohl nicht im Zweifel dar&uuml;ber sein, da&szlig; ihre auf die Vereinigung aller S&uuml;dslawen unter serbischer Flagge gerichtete Politik solche Verbrechen fordert, und da&szlig; die Andauer dieses Zustandes eine dauernde Gefahr f&uuml;r mein Haus und f&uuml;r meine L&auml;nder bildet.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Diese Gefahr wird noch dadurch erh&ouml;ht, da&szlig; auch Rum&auml;nien, trotz des bestehenden
+
<blockquote>
 +
Diese Gefahr wird noch dadurch erh&ouml;ht, da&szlig; auch Rum&auml;nien, trotz des bestehenden
 
B&uuml;ndnisses mit uns, sich mit Serbien eng befreundet hat und auch im eigenen Lande eine ebenso
 
B&uuml;ndnisses mit uns, sich mit Serbien eng befreundet hat und auch im eigenen Lande eine ebenso
 
geh&auml;ssige Agitation gegen uns duldet, wie Serbien es tut.  
 
geh&auml;ssige Agitation gegen uns duldet, wie Serbien es tut.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Es wird mir schwer, an der Treue und den guten Absichten eines so alten Freundes, wie Carl
+
<blockquote>
 +
Es wird mir schwer, an der Treue und den guten Absichten eines so alten Freundes, wie Carl
 
von Rum&auml;nien es ist, zu zweifeln; er selbst hat aber meinem Gesandten im Laufe der letzten
 
von Rum&auml;nien es ist, zu zweifeln; er selbst hat aber meinem Gesandten im Laufe der letzten
 
Monate zweimal erkl&auml;rt, da&szlig; er angesichts der erregten und feindlichen Stimmung seines Volkes nicht in der Lage w&auml;re, im Ernstfalle seinen Bundespflichten nachzukommen.  
 
Monate zweimal erkl&auml;rt, da&szlig; er angesichts der erregten und feindlichen Stimmung seines Volkes nicht in der Lage w&auml;re, im Ernstfalle seinen Bundespflichten nachzukommen.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Dabei f&ouml;rdert die gegenw&auml;rtige rum&auml;nische Regierung ganz offen die Bestrebungen der Kulturliga, beg&uuml;nstigt die Ann&auml;herung an Serbien und strebt mit rum&auml;nischer Hilfe die Gr&uuml;ndung eines neuen Balkanbundes an, der nur gegen mein Reich gerichtet sein k&ouml;nnte.  
+
<blockquote>
 
+
Dabei f&ouml;rdert die gegenw&auml;rtige rum&auml;nische Regierung ganz offen die Bestrebungen der Kulturliga, beg&uuml;nstigt die Ann&auml;herung an Serbien und strebt mit rum&auml;nischer Hilfe die Gr&uuml;ndung eines neuen Balkanbundes an, der nur gegen mein Reich gerichtet sein k&ouml;nnte.  
<dd></dd>Schon am Beginn der Regierungszeit Carls haben &auml;hnliche politische Phantasien, wie sie jetzt von der Kulturliga verbreitet werden, den gesunden politischen Sinn der rum&auml;nischen
+
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Schon am Beginn der Regierungszeit Carls haben &auml;hnliche politische Phantasien, wie sie jetzt von der Kulturliga verbreitet werden, den gesunden politischen Sinn der rum&auml;nischen
 
Staatsm&auml;nner getr&uuml;bt, und es hat die Gefahr bestanden, da&szlig; das K&ouml;nigreich eine Abenteurerpolitik treiben w&uuml;rde. Damals hat Dein seliger Gro&szlig;vater in energischer, zielbewu&szlig;ter Weise durch seine Regierung eingegriffen und hat Rum&auml;nien so den Weg gewiesen, auf welchem es zu einer Vorzugsstellung in Europa und zu einer verl&auml;&szlig;lichen St&uuml;tze aller Ordnung geworden ist.  
 
Staatsm&auml;nner getr&uuml;bt, und es hat die Gefahr bestanden, da&szlig; das K&ouml;nigreich eine Abenteurerpolitik treiben w&uuml;rde. Damals hat Dein seliger Gro&szlig;vater in energischer, zielbewu&szlig;ter Weise durch seine Regierung eingegriffen und hat Rum&auml;nien so den Weg gewiesen, auf welchem es zu einer Vorzugsstellung in Europa und zu einer verl&auml;&szlig;lichen St&uuml;tze aller Ordnung geworden ist.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Jetzt droht dieselbe Gefahr dem K&ouml;nigreiche; ich bef&uuml;rchte, da&szlig; Ratschl&auml;ge allein nicht mehr helfen werden, und da&szlig; Rum&auml;nien nur dann dem Dreibunde erhalten werden kann, wenn wir einerseits das Entstehen eines Balkanbundes unter russischer Patronanz durch den Abschlu&szlig; Bulgariens an den Dreibund unm&ouml;glich machen und andererseits in Bukarest klar und deutlich zu erkennen geben, da&szlig; die Freunde Serbiens nicht unsere Freunde sein k&ouml;nnen, und da&szlig; auch Rum&auml;nien nicht mehr mit uns als Bundesgenossen wird rechnen k&ouml;nnen, wenn es sich nicht von Serbien lossagt und die gegen den Bestand meines Reiches gerichtete Agitation in Rum&auml;nien mit aller Kraft unterdr&uuml;ckt.  
+
<blockquote>
 
+
Jetzt droht dieselbe Gefahr dem K&ouml;nigreiche; ich bef&uuml;rchte, da&szlig; Ratschl&auml;ge allein nicht mehr helfen werden, und da&szlig; Rum&auml;nien nur dann dem Dreibunde erhalten werden kann, wenn wir einerseits das Entstehen eines Balkanbundes unter russischer Patronanz durch den Abschlu&szlig; Bulgariens an den Dreibund unm&ouml;glich machen und andererseits in Bukarest klar und deutlich zu erkennen geben, da&szlig; die Freunde Serbiens nicht unsere Freunde sein k&ouml;nnen, und da&szlig; auch Rum&auml;nien nicht mehr mit uns als Bundesgenossen wird rechnen k&ouml;nnen, wenn es sich nicht von Serbien lossagt und die gegen den Bestand meines Reiches gerichtete Agitation in Rum&auml;nien mit aller Kraft unterdr&uuml;ckt.  
<dd></dd>Das Bestreben meiner Regierung mu&szlig; in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung
+
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Das Bestreben meiner Regierung mu&szlig; in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung
 
Serbiens gerichtet sein. Die erste Etappe auf diesem Wege w&auml;re in einer St&auml;rkung der Stellung der
 
Serbiens gerichtet sein. Die erste Etappe auf diesem Wege w&auml;re in einer St&auml;rkung der Stellung der
 
gegenw&auml;rtigen bulgarischen Regierung zu suchen, damit Bulgarien, dessen reelle Interessen mit
 
gegenw&auml;rtigen bulgarischen Regierung zu suchen, damit Bulgarien, dessen reelle Interessen mit
 
den unsrigen &uuml;bereinstimmen, vor der Ruckkehr zur Russophilie bewahrt bleibt.  
 
den unsrigen &uuml;bereinstimmen, vor der Ruckkehr zur Russophilie bewahrt bleibt.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Wenn man in Bukarest erkennt, da&szlig; der Dreibund entschlossen ist, auf einen Anschlu&szlig;
+
<blockquote>
 +
Wenn man in Bukarest erkennt, da&szlig; der Dreibund entschlossen ist, auf einen Anschlu&szlig;
 
Bulgariens nicht zu verzichten, jedoch bereit w&auml;re, Bulgarien dazu zu veranlassen, sich mit
 
Bulgariens nicht zu verzichten, jedoch bereit w&auml;re, Bulgarien dazu zu veranlassen, sich mit
 
Rum&auml;nien zu verbinden und dessen territoriale Integrit&auml;t zu garantieren, so wird man dort
 
Rum&auml;nien zu verbinden und dessen territoriale Integrit&auml;t zu garantieren, so wird man dort
 
vielleicht von der gefahrlichen Richtung zur&uuml;ckkommen, in welche man durch die Freundschaft
 
vielleicht von der gefahrlichen Richtung zur&uuml;ckkommen, in welche man durch die Freundschaft
 
mit Serbien und die Ann&auml;herung an Ru&szlig;land getrieben worden ist.  
 
mit Serbien und die Ann&auml;herung an Ru&szlig;land getrieben worden ist.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Wenn dies gelingt, konnte der weitere Versuch gemacht werden, Griechenland mit Bulgarien
+
<blockquote>
 +
Wenn dies gelingt, konnte der weitere Versuch gemacht werden, Griechenland mit Bulgarien
 
und der Turkei zu vers&ouml;hnen; es w&uuml;rde sich dann unter der Patronanz des Dreibundes ein neuer Balkanbund bilden, dessen Ziel darin bestehen w&uuml;rde, dem Vordringen der panslawistischen
 
und der Turkei zu vers&ouml;hnen; es w&uuml;rde sich dann unter der Patronanz des Dreibundes ein neuer Balkanbund bilden, dessen Ziel darin bestehen w&uuml;rde, dem Vordringen der panslawistischen
 
Hochflut ein Ziel zu setzen und unseren L&auml;ndern den Frieden zu sichern.  
 
Hochflut ein Ziel zu setzen und unseren L&auml;ndern den Frieden zu sichern.  
 
+
</blockquote>
<dd></dd>Dieses wird aber nur dann m&ouml;glich sein, wenn Serbien, welches gegenw&auml;rtig den Angelpunkt der panslawistischen Politik bildet, als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird.  
+
<blockquote>
 
+
Dieses wird aber nur dann m&ouml;glich sein, wenn Serbien, welches gegenw&auml;rtig den Angelpunkt der panslawistischen Politik bildet, als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird.  
<dd></dd>Auch Du wirst nach dem j&uuml;ngsten furchtbaren Geschehnisse in Bosnien die &Uuml;berzeugung
+
</blockquote>
 +
<blockquote>
 +
Auch Du wirst nach dem j&uuml;ngsten furchtbaren Geschehnisse in Bosnien die &Uuml;berzeugung
 
haben, da&szlig; an eine Vers&ouml;hnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und da&szlig; die erhaltende Friedenspolitik aller europaischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt.  
 
haben, da&szlig; an eine Vers&ouml;hnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und da&szlig; die erhaltende Friedenspolitik aller europaischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt.  
 
</blockquote>
 
</blockquote>
 +
 +
 
<hr>
 
<hr>
  
<b>Siehe [[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914]]</b>
 
  
 +
<b>Siehe auch:<br>[[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914]]
 +
 +
 +
<br>See also the attachment or appendix to this correspondence:<br> [[Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914]].</b>
 +
 +
 +
<hr>
 +
[[Main Page | WWI Archive]] > [[Die Österreichisch-Ungarischen Dokumente zum Kriegsausbruch|Dokumente zum Kriegsausbruch]] > '''I, 1. Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914'''
 
<hr>
 
<hr>
<center>
 
Return to '''[[Die Österreichisch-Ungarischen Dokumente zum Kriegsausbruch]]'''
 
</center>
 

Latest revision as of 17:46, 17 January 2009

WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > I, 1. Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914



Entwurf d. d. Wien, 2. Juli 1914, Handschreiben überreicht in Berlin am 5. Juli 1914 durch den österreich-ungarischen Botschafter;
Antwortschreiben Kaiser Wilhelms siehe Nr. 18 (Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914)
.


Draft in Vienna, 2 July 1914, Handwritten correspondence handed to the Emperor in Berlin by the Austro-Hungarian ambassador on 5 July 1914;
For the answering correspondence by Kaiser Wilhelm, see Nr. 18 (Kaiser Wilhelm an Kaiser und König Franz Joseph, 14. Juli 1914)
.




Siehe auch:
Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914



See also the attachment or appendix to this correspondence:
Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914.




Ich habe aufrichtig bedauert, daß Du genötigt warst, Deine Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich hätte Dir sehr gerne persönlich meinen herzlichen Dank für Deine wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kummer ausgesprochen.

Du hast mir durch Dein warmes mitfühlendes Beileid wieder bewiesen, daß ich in Dir einen treuen, verläßlichen Freund besitze, und daß ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann.

Es wäre mir auch sehr erwünscht gewesen, die politische Lage mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht möglich gewesen ist, erlaube ich mir, Dir die anruhende, von meinem Minister des Äußern ausgearbeitete Denkschrift zu senden, die noch vor der furchtbaren Katastrophe in Sarajevo verfaßt wurde und jetzt nach diesem tragischen Ereignis besonders beachtenswert erscheint.

Das gegen meinen Neffen verübte Attentat ist die direkte Folge der von den russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und die Zertrümmerung meines Reiches ist.

Nach allen bisherigen Erhebungen hat es sich in Sarajevo nicht um die Bluttat eines Einzelnen, sondern um ein wohlorganisiertes Komplott gehandelt, dessen Faden nach Belgrad reichen und, wenn es auch vermutlich unmöglich sein wird, die Komplizität der serbischen Regierung nachzuweisen, so kann man wohl nicht im Zweifel darüber sein, daß ihre auf die Vereinigung aller Südslawen unter serbischer Flagge gerichtete Politik solche Verbrechen fordert, und daß die Andauer dieses Zustandes eine dauernde Gefahr für mein Haus und für meine Länder bildet.

Diese Gefahr wird noch dadurch erhöht, daß auch Rumänien, trotz des bestehenden Bündnisses mit uns, sich mit Serbien eng befreundet hat und auch im eigenen Lande eine ebenso gehässige Agitation gegen uns duldet, wie Serbien es tut.

Es wird mir schwer, an der Treue und den guten Absichten eines so alten Freundes, wie Carl von Rumänien es ist, zu zweifeln; er selbst hat aber meinem Gesandten im Laufe der letzten Monate zweimal erklärt, daß er angesichts der erregten und feindlichen Stimmung seines Volkes nicht in der Lage wäre, im Ernstfalle seinen Bundespflichten nachzukommen.

Dabei fördert die gegenwärtige rumänische Regierung ganz offen die Bestrebungen der Kulturliga, begünstigt die Annäherung an Serbien und strebt mit rumänischer Hilfe die Gründung eines neuen Balkanbundes an, der nur gegen mein Reich gerichtet sein könnte.

Schon am Beginn der Regierungszeit Carls haben ähnliche politische Phantasien, wie sie jetzt von der Kulturliga verbreitet werden, den gesunden politischen Sinn der rumänischen Staatsmänner getrübt, und es hat die Gefahr bestanden, daß das Königreich eine Abenteurerpolitik treiben würde. Damals hat Dein seliger Großvater in energischer, zielbewußter Weise durch seine Regierung eingegriffen und hat Rumänien so den Weg gewiesen, auf welchem es zu einer Vorzugsstellung in Europa und zu einer verläßlichen Stütze aller Ordnung geworden ist.

Jetzt droht dieselbe Gefahr dem Königreiche; ich befürchte, daß Ratschläge allein nicht mehr helfen werden, und daß Rumänien nur dann dem Dreibunde erhalten werden kann, wenn wir einerseits das Entstehen eines Balkanbundes unter russischer Patronanz durch den Abschluß Bulgariens an den Dreibund unmöglich machen und andererseits in Bukarest klar und deutlich zu erkennen geben, daß die Freunde Serbiens nicht unsere Freunde sein können, und daß auch Rumänien nicht mehr mit uns als Bundesgenossen wird rechnen können, wenn es sich nicht von Serbien lossagt und die gegen den Bestand meines Reiches gerichtete Agitation in Rumänien mit aller Kraft unterdrückt.

Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein. Die erste Etappe auf diesem Wege wäre in einer Stärkung der Stellung der gegenwärtigen bulgarischen Regierung zu suchen, damit Bulgarien, dessen reelle Interessen mit den unsrigen übereinstimmen, vor der Ruckkehr zur Russophilie bewahrt bleibt.

Wenn man in Bukarest erkennt, daß der Dreibund entschlossen ist, auf einen Anschluß Bulgariens nicht zu verzichten, jedoch bereit wäre, Bulgarien dazu zu veranlassen, sich mit Rumänien zu verbinden und dessen territoriale Integrität zu garantieren, so wird man dort vielleicht von der gefahrlichen Richtung zurückkommen, in welche man durch die Freundschaft mit Serbien und die Annäherung an Rußland getrieben worden ist.

Wenn dies gelingt, konnte der weitere Versuch gemacht werden, Griechenland mit Bulgarien und der Turkei zu versöhnen; es würde sich dann unter der Patronanz des Dreibundes ein neuer Balkanbund bilden, dessen Ziel darin bestehen würde, dem Vordringen der panslawistischen Hochflut ein Ziel zu setzen und unseren Ländern den Frieden zu sichern.

Dieses wird aber nur dann möglich sein, wenn Serbien, welches gegenwärtig den Angelpunkt der panslawistischen Politik bildet, als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird.

Auch Du wirst nach dem jüngsten furchtbaren Geschehnisse in Bosnien die Überzeugung haben, daß an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und daß die erhaltende Friedenspolitik aller europaischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt.




Siehe auch:
Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914



See also the attachment or appendix to this correspondence:
Beilage zu I, 1: Denkschrift zum Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914.



WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > I, 1. Handschreiben Kaiser und König Franz Josephs an Kaiser Wilhelm, 2. Juli 1914