I, 12. Vortrag des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Tisza, 8. Juli 1914

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Vortrag des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Tisza


(8. Juli 1914)


Al l e r g n ä d i g s t e r   H e r r !

Die allerdings sehr erfreulichen Nachrichten aus Berlin, verbunden mit der sehr gerechten Entrüstung über die Vorkommnisse in Serbien haben bei allen anderen Teilnehmern der gestrigen gemeinsamen Ministerkonferenz die Absicht gereift, einen Krieg mit Serbien zu provozieren, um mit diesem Erzfeinde der Monarchie endgültig abzurechnen.

Ich war nicht in der Lage, diesem Plane in vollem Umfange zuzustimmen. Ein derartiger Angriff auf Serbien würde nach jeder menschlichen Voraussicht die Intervention Rußlands und somit den Weltkrieg heraufbeschworen, wobei ich - trotz allen Optimismus in Berlin - die Neutralität Rumäniens für wenigstens sehr fraglich halten müßte. Die dortige öffentliche Meinung würde den Krieg gegen uns leidenschaftlich fordern, und diesem Drucke würde die jetzige rumänische Regierung gar nicht und auch König Carol sehr schwer widerstehen können. Bei diesem Angriffskriege also müßte die russische und rumänische Armee ins feindliche Lager gezählt werden, was die Chancen des Krieges sehr ungünstig für uns gestalten würde.

Einer Aktion, welche den Krieg unter solchen Konstellationen provoziert, könnte ich um so weniger beipflichten, weil wir gerade jetzt den langersehnten vollen Erfolg in Berlin auch in jener Richtung erzielt haben, daß einer konsequenten, aktiven, Erfolg versprechenden Politik am Balkan von dort aus kein Hindernis mehr im Wege steht und wir somit gerade jetzt die Mittel in die Hände bekommen haben, einen maßgebenden Einfluß auf die Entwicklung am Balkan auszuüben und eine uns günstigere Konstellation daselbst durchzuführen. Dies berechtigt zu der Hoffnung, daß wir, wenn uns der Entscheidungskampf später aufgenötigt würde, denselben mit besseren Chancen aufnehmen könnten.

Auf meine Frage, wie sich die Kräfteverhältnisse bei den Großmächten infolge der überall vorgenommenen Rüstungen im Laufe der nächsten Jahre verschieben würden, hat der Chef des Generalstabes nach einigem Nachdenken geantwortet: »Eher zu unseren Ungunsten«. Aus dieser Antwort kann wohl mit Recht gefolgert werden, daß diese Verschiebung keine allzu wesentliche sein und durch die günstigere Ausgestaltung der Verhältnisse am Balkan mehr als wettgemacht werde.

Es wäre wohl müßig, die oft besprochene Aktion wiederum naher zu erörtern, welche diese Besserung der Balkanlage bewerkstelligen sollte. Der Anschluß Bulgariens ist der erste Schritt und gleichzeitig der archimedische Punkt, wo angesetzt werden muß, um die russische Position aus den Angeln zu heben. Gleich darauf hätten wir einerseits auf eine dauernde Klärung des bulgarisch-griechischen Verhältnisses hinzuarbeiten, wo trotz mancher Schwierigkeiten die Chancen des Erfolges durchaus nicht ungünstig liegen, andererseits vereint mit Deutschland einen Druck auf Rumänien auszuüben. Trotz allen Lärms, den der Anschluß Bulgariens in Bukarest gewiß hervorrufen wird, wird diese Tatsache zweifellos sofort einen sichtbaren Einfluß auf die Haltung Rumäniens ausüben. Die Sache kann also weitaus günstiger für uns ausfallen, aber selbst für den schlimmsten Fall kann wohl vorausgesetzt werden, daß im Laufe weniger Jahre die wohlwollende Neutralität Griechenlands gesichert, Rumänien durch ein wiedererstarktes Bulgarien in Schach gehalten und durch eine bulgarische Aktion in Mazedonien ein beträchtlicher Teil der serbischen Armee lahmgelegt werde.

Ich resumiere das bisher Gesagte dahin, daß ein unsererseits provozierter Krieg wahrscheinlich unter sehr ungünstigen Bedingungen durchgefochten werden müßte, während eine Verschiebung der Abrechnung auf spätere Zeit, wenn wir diese diplomatisch gut ausnützen, eine Besserung der Kräfteverhältnisse hervorrufen würde.

Wenn ich noch zu diesen politischen Gesichtspunkten die Lage der Staatsfinanzen und der Volkswirtschaft in Betracht ziehe, welche die Kriegführung kolossal erschweren und die mit dem Krieg verbundenen Opfer und Leiden beinahe unerträglich für die Gesellschaft machen würde, so kann ich nach peinlich gewissenhafter Überlegung die Verantwortung für die in Vorschlag gebrachte militärische Aggression gegen Serbien nicht mittragen.

Es steht mir fern, eine energielose und untätige Politik Serbien gegenüber empfehlen zu wollen. Wir können nicht indolente Zuschauer dessen bleiben, wie in diesem Nachbarlande gegen uns geschürt wird, wie unsere eigenen Untertanen zum Landesverrat aufgehetzt und Mordanschläge vorbereitet werden. Erklärungen nicht nur der serbischen (auch der offiziösen) Presse, sondern im Auslande akkreditierter Vertreter des Staates fordern solch einen Haß und solch einen Mangel jedes internationalen Anstandes zutage, und der Eindruck all dieser Erscheinungen im In- und Auslande ist von solcher Wirkung auf die Einschätzung der Macht und der Tatkraft der Monarchie, daß die Rücksichten sowohl auf unser Prestige wie auf unsere Sicherheit ein ernstes und energisches Vorgehen in Belgrad gebieterisch erheischen.

Ich plädiere daher keineswegs dafür, daß wir diese Provokation einstecken sollen, und bin bereit, die Verantwortung für alle Konsequenzen eines durch die Zurückweisung unserer gerechten Forderungen verursachten Krieges zu tragen. Es muß aber meines Erachtens Serbien die Möglichkeit gegeben werden, den Krieg im Wege einer allerdings schweren diplomatischen Niederlage zu vermeiden, und wenn es doch zum Kriege kommt, soll vor aller Welt Augen bewiesen werden, daß wir uns auf dem Bodert gerechter Notwehr befinden.

Es wäre also eine in gemessenem, aber nicht drohendem Tone gehaltene Note an Serbien zu richten, in welcher unsere konkreten Beschwerden aufzuzahlen und präzise Petita mit denselben zu verbinden wären. Als solche kann ich beispielsweise auf die Äußerungen der serbischen Diplomaten Spalajković in Petersburg und Joanović in Berlin, auf die Kragujevacer Herkunft der in Bosnien aufgefundenen Bomben, auf die Tatsache, daß kompromittierte Angehörige der Monarchie mit von serbischen Behörden erhaltenen falschen Passen über die Grenze zurückkommen, auf hoffentlich nächsten festzustellende feindliche und aufwieglerische Erklärungen serbischer Beamten und Offiziere, endlich auf die allgemein bekannten Mißstände in bezug auf Presse-, Vereins- und Schulwesen hindeuten, welche zum Gegenstand unserer Beschwerde gemacht werden, und für welche für jeden betreffenden Fall die entsprechende Remedur und Genugtuung gefordert werden sollte.

Sollte Serbien eine ungenügende Antwort geben oder die Sache verschleppen wollen, so wäre mit einem Ultimatum und sofort nach Ablauf desselben mit Eröffnung der Feindseligkeiten zu antworten. In diesem Falle aber hätten wir es einerseits mit einem uns auf genötigten Kriege zu tun - einen solchen aber muß eine jede Macht unverzagt durchkämpfen, wenn sie überhaupt eine staatliche Existenz fortführen will - andererseits hätten wir die Schuld des Krieges auf Serbien gewälzt, welches die Kriegsgefahr dadurch auf sich gezogen hätte, daß es sich selbst nach der Sarajevoer Greueltat geweigert habe, die Pflichten eines anständigen Nachbarn ehrlich zu erfüllen.

Ein solches Vorgehen unsererseits würde die Chancen der deutschen Aktion in Bukarest jedenfalls stark vermehren und vielleicht auch Rußland von einer Beteiligung am Kriege abhalten. Es ist vorauszusehen, daß England aller Wahrscheinlichkeit nach einen Druck in diesem Sinne auf die übrigen Ententemächte ausüben und der Gedanke auch bei dem Zaren in die Wagschale fallen würde, daß es kaum seine Aufgabe sei, anarchistische Wühlereien und antidynastische Mordanschläge unter seinen Schutz zu nehmen.

Um jedoch Verwicklungen mit Italien aus dem Wege zu gehen und die Sympathie Englands zu sichern und es Rußland überhaupt zu ermöglichen, Zuschauer des Krieges zu bleiben, müßte unsererseits in entsprechender Zeit und Form die Erklärung abgegeben werden, daß wir Serbien nicht vernichten, noch weniger annektieren wollen. Nach einem glücklichen Kriege nämlich wäre meines Erachtens Serbien durch Abtretung seiner eroberten Gebiete an Bulgarien, Griechenland und Albanien zu verkleinern, für uns aber höchstens gewisse strategisch wichtige Grenzregulierungen zu fordern. Freilich hätten wir Anspruch auf Entschädigung der Kriegskosten, was uns die Handhabe bieten würde, Serbien für lange Zeit in fester Hand zu behalten.

Das wäre die Ausgestaltung der Verhältnisse, auf die im Kriegsfalle hinzuarbeiten wäre. Sollte Serbien nachgeben, so müßten wir freilich auch diese Lösung bona fide hinnehmen und ihm den Rückzug nicht verlegen. In diesem Falle hätten wir uns mit einer starken Knickung des serbischen Hochmutes und einer schweren diplomatischen Niederlage dieses Staates zu begnügen und die bewußte intensive Aktion in Bulgarien und den anderen Balkanstaaten um so energischer in die Hand zu nehmen, da der soeben erreichte diplomatische Erfolg jedenfalls günstig auf das Ergebnis dieser Verhandlungen wirken würde.

Ich habe mir erlaubt, meine alleruntertänigste Anschauung Euer Majestät eingehend vorzulegen. Ich bin der schweren Verantwortung bewußt, welche in diesen kritischen Zeiten ein jeder zu tragen hat, der die Ehre hat das Vertrauen Euer Majestät zu besitzen. Im vollen Bewußtsein dessen, daß die Last dieser Verantwortung dieselbe bleibt, ob man sich fürs Handeln oder fürs Unterlassen entscheidet, habe ich nach peinlicher Erwägung aller einschlägigen Momente die Ehre, den in diesen Auseinandersetzungen beschriebenen Mittelweg anzuraten, welcher einen friedlichen Erfolg nicht ausschließt und die Cancen [sic] des Krieges - sollte er doch unvermeidlich sein - in mancher Beziehung bessert.

Es wird meine Pflicht sein, in dem für morgen einberufenen Ministerrate die Stellungnahme des ungarischen Kabinetts zu veranlassen; einstweilen kann ich nur im eigenen Namen die Erklärung abgeben, daß ich, trotz meiner Hingebung an den Dienst Euer Majestät, oder besser gesagt, gerade infolge derselben, die Verantwortung für die ausschließlich und aggressivkriegerische Lösung nicht mittragen könnte.

B u d a p e s t ,  den 8. Juli 1914

(gez.) Stefan Graf Tisza



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