I, 15. Graf Szögyény an Grafen Berchtold, 12. Juli 1914

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Deutschlands Stellungnahme<br>
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    An Seine Exzellenz den Herrn Minister des k. u. k. Hauses und des Äußern Grafen Berchtold!
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    Wie Euer Exzellenz aus meiner telegraphischen Berichterstattung der letzten Tage und aus den persönlich hier gewonnenen Eindrücken des Grafen Hoyos entnommen haben, stehen sowohl Seine Majestät Kaiser Wilhelm als auch alle anderen maßgebenden hiesigen Faktoren nicht nur fest und bundestreu hinter der Monarchie, sondern sie ermuntern uns auch noch auf das Nachdrücklichste, den jetzigen Moment nicht verstreichen zu lassen, sondern energischest gegen Serbien vorzugehen und mit dem dortigen revolutionären Verschwörernest ein für allemal aufzuräumen, es uns dabei ganz überlassend, welche Mittel wir dazu zu wählen für richtig halten.
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    Daß Kaiser Wilhelm und das ganze Deutsche Reich &nbsp;  i n &nbsp;  j e d e m &nbsp;  F a l l e &nbsp;  seine
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Bundespflichten uns gegenüber in loyalster Weise erfüllen würde, daran habe ich &nbsp;  n i e  g e z w e i f e l t &nbsp;  und habe ich an dieser meiner Überzeugung während meiner langjährigen Tätigkeit als k. u. k. Botschafter in Berlin jederzeit festgehalten. Es hat mich daher auch nicht im geringsten erstaunt, daß Deutschland auch in dem jetzigen Momente uns sofort seiner vollkommensten Bundestreue und Mithilfe versichert hat.
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    Dagegen glaube ich daß es doch einer gewissen Erklärung berdarf, daß die maßgebenden deutschen Kreise und nicht am wenigsten Seine Majestät Kaiser Wilhelm selbst uns - man möchte fast sagen - geradezu drängen, eine eventuell sogar kriegerische Aktion gegen Serbien zu unternehmen.
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    Es liegt auf der Hand, daß nach all den nicht genug zu beklagenden Ereignissen die Monarchie energischest gegen Serbien vorgehen muß; daß die deutsche Regierung aber dazu gerade den gegenwärtigen Moment auch &nbsp;  v o n &nbsp;  i h r e m &nbsp;  Standpunkt aus politisch für den richtigsten hält, bedarf einer stärkeren Beleuchtung.
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    Für die Wahl des jetzigen Zeitpunktes sprechen nach der deutschen - von mir übrigens vollkommen geteilten - Auffassung &nbsp;  a l l g e m e i n &nbsp;  politische Gesichtspunkte und &nbsp; s p e z i e l l e , &nbsp;  durch die Mordtat in Sarajevo sich ergebende Momente.
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    Deutschland ist in letzter Zeit in seiner Überzeugung bestärkt worden, daß Rußland zum Kriege gegen seine westlichen Nachbarn rüstet und denselben nicht mehr als eine zukünftige Möglichkeit betrachtet, sondern direkt in sein politisches Zukunftskalkul eingestellt hat. Doch nur in sein &nbsp;  Z u k u n f t s k a l k u l ,&nbsp;  daß es also den Krieg beabsichtigt und sich mit allen Kräften dafür rüstet, ihn aber für jetzt nicht vor hat oder, besser gesagt, für den gegenwärtigen Augenblick noch nicht genügend vorbereitet ist.
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    Daher ist es absolut nicht ausgemacht, daß, wenn Serbien in einen Krieg mit uns verwickelt wird, Rußland demselben mit bewaffneter Hand beistehen würde, und sollte das Zarenreich sich doch dazu entschließen, so ist es zur Zeit noch lange nicht militärisch fertig und lange nicht so stark, wie es voraussichtlich in einigen Jahren sein wird.
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    Weiters glaubt die deutsche Regierung sichere Anzeichen dafür zu haben, daß England sich derzeit nicht an einem wegen eines Balkanlandes ausbrechenden Kriege, selbst dann nicht, wenn er zu einem Waffengang mit Rußland, eventuell auch Frankreich, führen sollte, beteiligen würde. Nicht nur, daß sich das englisch-deutsche Verhältnis so weit gebessert hat, daß Deutschland eine direkt feindliche Stellungnahme Englands nicht mehr befürchten zu müssen glaubt, sondern vor allem ist England zur Zeit nichts weniger als kriegslüstern und gar nicht gewillt, für Serbien oder im letzten Grunde für Rußland die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
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    Im allgemeinen ist also, nach dem Vorausgesagten, die politische Konstellation gegenwärtig für uns so günstig wie irgendmöglich.
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    Dazu kommen die durch die Bluttat selbst ausgelösten speziell politischen Momente.
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    Während bisher ein großer Teil unserer Bevölkerung nicht an die monarchiefeindlichen separistischen Tendenzen eines Teiles unserer Serben und an die nach dieser Richtung vom Königreiche bei uns unterhaltenen Umtriebe glauben wollte, ist man bei uns nunmehr darüber einig und verlangt selbst aus sich heraus ein energisches Auftreten Serbien gegenüber zur endgültigen Unterdrückung der von dort aus geschürten großserbischen Bewegung.
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    In ähnlicher Weise sind aber nunmehr der ganzen zivilisierten Welt die Augen aufgegangen, und jede Nation verdammt die Bluttat von Sarajevo und begreift, daß wir dafür Serbien zur Verantwortung ziehen müssen. Und wenn auch die auswärtigen Freunde Serbiens aus politischen Gründen nicht &nbsp;  g e g e n &nbsp;  das Königreich Stellung nehmen werden, so werden sie sich voraussichtlich im gegenwärtigen Augenblick auch nicht &nbsp;  f ü r &nbsp;  dasselbe (wenigstens nicht mit Waffengewalt) einsetzen.
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    Dies dürften die politischen Gründe sein, warum das Deutsche Reich in so richtiger Erfassung der derzeit uns gebotenen Gelegenheit unumwunden dafür eintritt, daß wir unser nun auch ihm als unhaltbar erscheinendes Verhältnis zu Serbien in einer Weise klären, die für alle Zukunft den weiteren panslawistischen Umtrieben Serbiens einen Riegel vorschiebt.
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    Zu diesen politischen Gründen seiner Regierung kommt aber bei Kaiser Wilhelm, wie ich aus zuverlässigster, das Vertrauen Seiner Majestät in hohem Grade besitzender Seite erfahren habe auch noch das rein persönliche Moment hinzu, eines unbegrenzten Enthusiasmus für unseren allergnädigsten Herrn, über die in dem allerhöchsten Handschreiben bekundete bewunderungswürdige Energie, mit der Seine k. u. k. Apostolische Majestät für die vitalen Interessen und das Prestige der Allerhöchstdemselben anvertrauten Länder einzutreten gewillt sind.
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    (gez.) Szögyény</p>
  
  

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WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > I, 15. Graf Szögyény an Grafen Berchtold, 12. Juli 1914



Bericht Nr. 60/P


B e r l i n , den 12. Juli 1914            




Gegenstand:
Deutschlands Stellungnahme
in der jetzigen serbischen Krise.

An Seine Exzellenz den Herrn Minister des k. u. k. Hauses und des Äußern Grafen Berchtold! Wie Euer Exzellenz aus meiner telegraphischen Berichterstattung der letzten Tage und aus den persönlich hier gewonnenen Eindrücken des Grafen Hoyos entnommen haben, stehen sowohl Seine Majestät Kaiser Wilhelm als auch alle anderen maßgebenden hiesigen Faktoren nicht nur fest und bundestreu hinter der Monarchie, sondern sie ermuntern uns auch noch auf das Nachdrücklichste, den jetzigen Moment nicht verstreichen zu lassen, sondern energischest gegen Serbien vorzugehen und mit dem dortigen revolutionären Verschwörernest ein für allemal aufzuräumen, es uns dabei ganz überlassend, welche Mittel wir dazu zu wählen für richtig halten.
Daß Kaiser Wilhelm und das ganze Deutsche Reich   i n   j e d e m   F a l l e   seine Bundespflichten uns gegenüber in loyalster Weise erfüllen würde, daran habe ich   n i e g e z w e i f e l t   und habe ich an dieser meiner Überzeugung während meiner langjährigen Tätigkeit als k. u. k. Botschafter in Berlin jederzeit festgehalten. Es hat mich daher auch nicht im geringsten erstaunt, daß Deutschland auch in dem jetzigen Momente uns sofort seiner vollkommensten Bundestreue und Mithilfe versichert hat.
Dagegen glaube ich daß es doch einer gewissen Erklärung berdarf, daß die maßgebenden deutschen Kreise und nicht am wenigsten Seine Majestät Kaiser Wilhelm selbst uns - man möchte fast sagen - geradezu drängen, eine eventuell sogar kriegerische Aktion gegen Serbien zu unternehmen.
Es liegt auf der Hand, daß nach all den nicht genug zu beklagenden Ereignissen die Monarchie energischest gegen Serbien vorgehen muß; daß die deutsche Regierung aber dazu gerade den gegenwärtigen Moment auch   v o n   i h r e m   Standpunkt aus politisch für den richtigsten hält, bedarf einer stärkeren Beleuchtung.
Für die Wahl des jetzigen Zeitpunktes sprechen nach der deutschen - von mir übrigens vollkommen geteilten - Auffassung   a l l g e m e i n   politische Gesichtspunkte und   s p e z i e l l e ,   durch die Mordtat in Sarajevo sich ergebende Momente.
Deutschland ist in letzter Zeit in seiner Überzeugung bestärkt worden, daß Rußland zum Kriege gegen seine westlichen Nachbarn rüstet und denselben nicht mehr als eine zukünftige Möglichkeit betrachtet, sondern direkt in sein politisches Zukunftskalkul eingestellt hat. Doch nur in sein   Z u k u n f t s k a l k u l ,  daß es also den Krieg beabsichtigt und sich mit allen Kräften dafür rüstet, ihn aber für jetzt nicht vor hat oder, besser gesagt, für den gegenwärtigen Augenblick noch nicht genügend vorbereitet ist.
Daher ist es absolut nicht ausgemacht, daß, wenn Serbien in einen Krieg mit uns verwickelt wird, Rußland demselben mit bewaffneter Hand beistehen würde, und sollte das Zarenreich sich doch dazu entschließen, so ist es zur Zeit noch lange nicht militärisch fertig und lange nicht so stark, wie es voraussichtlich in einigen Jahren sein wird.
Weiters glaubt die deutsche Regierung sichere Anzeichen dafür zu haben, daß England sich derzeit nicht an einem wegen eines Balkanlandes ausbrechenden Kriege, selbst dann nicht, wenn er zu einem Waffengang mit Rußland, eventuell auch Frankreich, führen sollte, beteiligen würde. Nicht nur, daß sich das englisch-deutsche Verhältnis so weit gebessert hat, daß Deutschland eine direkt feindliche Stellungnahme Englands nicht mehr befürchten zu müssen glaubt, sondern vor allem ist England zur Zeit nichts weniger als kriegslüstern und gar nicht gewillt, für Serbien oder im letzten Grunde für Rußland die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Im allgemeinen ist also, nach dem Vorausgesagten, die politische Konstellation gegenwärtig für uns so günstig wie irgendmöglich.
Dazu kommen die durch die Bluttat selbst ausgelösten speziell politischen Momente. Während bisher ein großer Teil unserer Bevölkerung nicht an die monarchiefeindlichen separistischen Tendenzen eines Teiles unserer Serben und an die nach dieser Richtung vom Königreiche bei uns unterhaltenen Umtriebe glauben wollte, ist man bei uns nunmehr darüber einig und verlangt selbst aus sich heraus ein energisches Auftreten Serbien gegenüber zur endgültigen Unterdrückung der von dort aus geschürten großserbischen Bewegung.
In ähnlicher Weise sind aber nunmehr der ganzen zivilisierten Welt die Augen aufgegangen, und jede Nation verdammt die Bluttat von Sarajevo und begreift, daß wir dafür Serbien zur Verantwortung ziehen müssen. Und wenn auch die auswärtigen Freunde Serbiens aus politischen Gründen nicht   g e g e n   das Königreich Stellung nehmen werden, so werden sie sich voraussichtlich im gegenwärtigen Augenblick auch nicht   f ü r   dasselbe (wenigstens nicht mit Waffengewalt) einsetzen.
Dies dürften die politischen Gründe sein, warum das Deutsche Reich in so richtiger Erfassung der derzeit uns gebotenen Gelegenheit unumwunden dafür eintritt, daß wir unser nun auch ihm als unhaltbar erscheinendes Verhältnis zu Serbien in einer Weise klären, die für alle Zukunft den weiteren panslawistischen Umtrieben Serbiens einen Riegel vorschiebt.
Zu diesen politischen Gründen seiner Regierung kommt aber bei Kaiser Wilhelm, wie ich aus zuverlässigster, das Vertrauen Seiner Majestät in hohem Grade besitzender Seite erfahren habe auch noch das rein persönliche Moment hinzu, eines unbegrenzten Enthusiasmus für unseren allergnädigsten Herrn, über die in dem allerhöchsten Handschreiben bekundete bewunderungswürdige Energie, mit der Seine k. u. k. Apostolische Majestät für die vitalen Interessen und das Prestige der Allerhöchstdemselben anvertrauten Länder einzutreten gewillt sind.

Der k. u. k. Botschafter:

(gez.) Szögyény



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