I, 3. Unterredung Graf Berchtolds mit dem deutschen Botschafter, 3. Juli 1914

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Tagesbericht Nr. 3095

W i e n , den 3. Juli 1914            

Im Laufe einer Unterredung mit dem deutschen Botschafter am 2. Juli 1. J. habe ich auf die nunmehr durch das Drama von Sarajevo neuerlich zutage getretenen äußerst bedenklichen Folgen der systematischen großserbischen Wühlarbeit hingewiesen und hiebei bemerkt, daß diesem gefährlichen Treiben nur durch rücksichtsloses Vorgehen gegen Serbien ein Ende bereitet werden könnte. Dies sei ebensosehr von unserem Interesse geboten wie von jenem Deutschlands. Die heutige Semliner Meldung, wonach 12 Mordbuben unterwegs seien mit der Absicht, ein Attentat auf Kaiser Wilhelm auszuüben, werde doch vielleicht in Berlin die Augen öffnen über die Gefahr, die von Belgrad aus droht.

Herr von Tschirschky stellte letzteres nicht in Abrede und versicherte, daß, seiner Ansicht nach, nur ein tatkräftiges Vorgehen gegen Serbien zum Ziele fuhren könne. Wie ich wisse, habe Deutschland mehrmals während der Krise erklärt, daß es hinsichtlich der Balkanpolitik stets hinter uns stehen werde, wenn sich dies als notwendig erweisen sollte.

Auf meine Bemerkung, daß mir dies wohl wiederholt versichert worden sei, daß ich aber in der Praxis nicht immer die Unterstützung des Berliner Kabinetts gefunden habe und daher nicht wisse, inwieweit ich auf dasselbe zählen könnte, entgegnete der Botschafter, daß er   —   g a n z   p r i v a t   g e s p r o c h e n   —   die Haltung seiner Regierung damit erkläre, daß unsererseits viel von Ideen gesprochen werde, daß aber niemals ein fest umschriebener Aktionsplan formuliert werde und Berlin nur, im Falle ein solcher aufgestellt würde, voll und ganz für uns eintreten könnte.

Kürzlich habe ihm Prinz Hohenlohe von der Notwendigkeit gesprochen, mit Serbien abzurechnen. Er habe dem Prinzen erwidert, dies wäre ja »ganz schön«, nur müßte man wissen und klarstellen, wie weit man gehen wolle, was man im gegebenen Falle mit Serbien anzufangen gedenke, ferner müsse Vorsorge getroffen sein für eine möglichst günstige diplomatische Situation, wobei man sich insbesondere über die Haltung Italiens und Rumäniens vergewissert haben müßte. Einen Krieg mit Serbien beginnen, ohne die Sicherheit zu haben, nicht auch von Italien und Rumänien angegriffen zu werden, schiene doch eine sehr bedenkliche Sache.

Ich erwiderte dem Botschafter, daß die Frage, wie weit man gehen wolle, und was mit Serbien eventuell zu geschehen hätte, wohl im gebotenen Momente den Umstanden gemäß von uns entschieden werden müßte. Letzteres — was im Falle des Sieges mit Serbien zu geschehen hätte — stelle übrigens eine cura posterior dar. Was Rumänien anbelange, könnten wir uns nicht auf eine Anfrage daselbst einlassen, die uns dem Verlangen unmöglicher Kompensationen aussetzen würde. Deutschland habe damals, als Rumänien ohne uns zu fragen und gegen unser ihm wohl bekanntes Interesse gemeinschaftlich mit Serbien über das wehrlose Bulgarien hergefallen sei, Rumänien gedeckt und uns zu verstehen gegeben, daß wir uns ruhig verhalten sollen. Wir verlangen von Deutschland auch nichts anderes, als daß es im gleichen Sinne auf Rumänien einwirke, wenn wir, um die Integrität der Monarchie zu schützen, gegen Serbien vorgehen sollten.

Auf die Bemerkung Herrn von Tschirschkys, daß er dies vollkommen berechtigt finde und eigentlich mehr an Italien gedacht habe, das mit Rucksicht auf das Bundesverhältnis doch vor Inangriffnahme einer kriegerischen Aktion befragt werden sollte.

Dem gegenüber bemerkte ich, daß Italien, wenn wir diese Frage an das römische Kabinett stellen würden, vermutlich Valona als Kompensation verlangen würde, was wir aber nicht konzedieren könnten. Es wäre da auch Sache des Berliner Kabinetts, in Rom begreiflich zu machen, daß wir einen Existenzkampf auszufechten haben, für welchen, nachdem kein türkisches Territorium in Frage komme, Italien kein Kompensationsanspruch auf Grund des Dreibundvertrages zukomme.



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