I, 59. Graf Mensdorff an Grafen Berchtold, 23. Juli 1914

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Telegramm Nr. 107


L o n d o n , den 23. Juni 1914


C i f f r e [sic]


Ich habe eben Sir Edward Grey gesprochen und ihm gesagt, ich würde morgen Zirkularnote überbringen. Unterdessen wolle ich ihm streng vertraulich einiges über Inhalt mitteilen. Er versprach, mit keinem meiner Kollegen, überhaupt niemand vor Empfang der Note darüber zu sprechen und machte sich auch nicht Notizen von unserer Konversation.

Seinerseits sagte er mir, er habe mit mir bisher nicht von dieser Frage gesprochen, weil man sie wohl bei uns als eine Sache zwischen uns und Serbien betrachten dürfte, und er auch nicht wisse, inwieweit wir Beweise von der Mitschuld Serbiens hätten. Man habe ihm aber viel und mit lebhafter Besorgnis davon gesprochen, und diese Besorgnis sei nicht auf eine Mächtegruppe beschränkt. Seine Antwort sei gewesen, es werde davon abhängen, wieweit unsere Anklagen gegen Serbien ernstlich begründet seien, und welche Genugtuung wir verlangen. Sind unsere Griefs gut fundiert und das, was wir von Serbien fordern, für diesen Staat ausführbar, so könne man hoffen, daß Rußland auf die Belgrader Regierung mäßigend einwirken werde. Gefahr sei Aufflammen der slawischen Erregung in der öffentlichen Meinung Rußlands.

Über das, was ich ihm von unserer Demarche mitteilte (die wesentlichsten Punkte der Note), wollte er sich nicht äußern, bevor er die Note in Händen hätte. (Er schien aber von der Richtigkeit mancher unserer Punkte impressioniert.) Ich sagte ihm, ich glaubte, es würde auch eine Frist zur Antwort gesetzt werden, könne ihm das nähere aber erst morgen mitteilen. Er bedauerte Befristung, weil dadurch die Möglichkeit benommen würde, die erste Erregung zu beruhigen und auf Belgrad einzuwirken, uns eine befriedigende Antwort zu geben. Ein Ultimatum könne man immer noch stellen, wenn Antwort nicht annehmbar.

Ich führte lange unseren Standpunkt aus (Notwendigkeit der Abwehr von unausgesetzten subversiven Unternehmungen, welche Gebiete der Monarchie bedrohen, Verteidigung unserer vitalsten Interessen, vollkommster Mißerfolg aller bisherigen konzilianten Haltung gegenüber Serbien, das jetzt über drei Wochen Zeit hatte, aus eigenem Antrieb die Untersuchung gegen Teilnahme Attentat einzuleiten etc.)

Er anerkannte die Schwierigkeit unserer Stellung, sprach ernstlich von dem Ernst der Situation. Wenn vier große Staaten, Österreich-Ungarn, Deutschland, Rußland und Frankreich, in einen Krieg verwickelt werden, so folge ein Zustand, der einem wirtschaftlichen Bankerott Europas gleichkomme. Kein Kredit mehr zu erlangen, die industriellen Zentren in Aufruhr, so daß in den meisten Ländern, gleichgültig, ob Sieger oder besiegt, »so manche bestehende Institution weggefegt« werden würde.

Ich sagte ihm, meiner Ansicht nach müßten wir in diesem Falle trotz unserer bekannten Friedensliebe Serbien gegenüber »sehr fest« bleiben. Ich rechnete wieder auf ihn und sein objektives und faires Urteil. Er erwiderte, mit einfachen Vorstellungen in Petersburg sei es diesmal nicht zu machen. Man müsse Rußland beweisen können, daß unsere Griefs wohlbegründet und unsere Forderungen für einen Staat, wie Serbien, ausführbar wären. Das beste wäre wohl, wenn zwischen Wien und Petersburg direkter Gedankenaustausch geführt werden könnte. Er war kühl und objektiv wie immer, freundschaftlich und nicht ohne Sympathie für uns. Er ist unzweifelhaft sehr besorgt über die möglichen Folgen.

Ich fürchte, er wird den Charakter eines Ultimatums unserer Demarche und die kurze Frist kritisieren.



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