II, 80. Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin, 28. Juli 1914

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Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin[1]


Telegramm Nr. 282


W i e n , den 28. Juli 1914            
Chiffr.11 Uhr p. m.            


T e l e g r a m m i n Z i f f e r n — S t r e n g g e h e i m


Euer Exzellenz Telegramm Nr. 297 vom 26. 1. M. erhalten[2].
Vom k. u. k. Militärattaché in St. Petersburg liegen mir analoge Meldungen über russische Rüstungen vor.
Euer Exzellenz wollen sich sofort zum Herrn Reichskanzler oder Staatssekretär begeben und ihm folgendes in meinem Namen mitteilen:
Nach übereinstimmenden Nachrichten aus Petersburg, Kiew, Warschau, Moskau und Odessa trifft Rußland umfangreiche militärische Vorbereitungen. Herr Sazonow hat zwar ebenso wie der russische Kriegsminister unter Ehrenwort versichert, daß eine Mobilisierung bisher nicht angeordnet wurde, der letztere hat jedoch dem deutschen Militärattaché mitgeteilt, daß die gegen Österreich-Ungarn gelegenen Militärbezirke Kiew, Odessa, Moskau und Kasan mobilisiert werden würden, wenn unsere Truppen serbische Grenze überschritten.
Unter diesen Umständen hält es der Chef des Generalstabes für u n b e d i n g t nötig, darüber ohne Verzug Klarheit zu gewinnen, ob wir mit starken Kräften gegen Serbien marschieren können oder unsere Hauptmacht gegen Rußland zu verwenden haben werden. Von der Entscheidung dieser Frage hängt die ganze Anlage des Feldzuges gegen Serbien ab. Falls Rußland erwähnte Militärbezirke tatsächlich mobilisiert, wäre es schon mit Rücksicht auf die große Bedeutung des Zeitgewinnes für Rußland unerläßlich, daß sowohl Österreich-Ungarn als, nach der ganzen Situation, auch Deutschland s o f o r t i g e weitestgehende Gegenmaßregeln ergreifen.
Die Ansicht Baron Conrads scheint mir h ö c h s t b e a c h t e n s w e r t und möchte ich das Berliner Kabinett dringend ersuchen, der Erwägung näher zu treten, ob nicht Rußland in freundschaftlicher Weise darauf aufmerksam gemacht werden solle, daß die Mobilisierung obiger Bezirke einer Bedrohung Österreich-Ungarns gleichkäme und daher, falls sie tatsächlich erfolgt, sowohl von der Monarchie als vom verbündeten Deutschen Reiche mit den weitestgehenden militärischen Gegenmaßregeln beantwortet werden müßte.
Um Rußland ein eventuelles Einlenken zu erleichtern, schiene es uns angezeigt, daß ein solcher Schritt vorerst von Deutschland allein unternommen werden sollte; doch wären wir natürlich bereit, den Schritt auch zu zweien zu machen.
Eine deutliche Sprache schiene mir in diesem Augenblick das wirksamste Mittel, um Rußland die ganze Tragweite eines drohenden Verhaltens zum Bewußtsein zu bringen.
Auch wäre zu überlegen, ob nicht die günstigen Dispositionen, die nach den dem Berliner Kabinette zugekommenen Nachrichten in Bukarest bestehen, zu benützen wären, um auch von Rumänien her einen Druck auf Rußland auszuüben.
Zu diesem Zwecke schiene es mir wünschenswert, daß unser und der deutsche Gesandte in Bukarest unverzüglich angewiesen werden, an König Carol mit dem Ersuchen heranzutreten, sei es durch eine solenne Demarche in St. Petersburg (eventuell auch ein geheimes Telegramm König Carols an Kaiser Nikolaus) oder durch die öffentliche Bekanntgabe des Bündnisses offen zu erklären, daß Rumänien im Falle einer europäischen Konflagration an der Seite des Dreibundes gegen Rußland kämpfen würde.
Diese Klarstellung müßte, um ihrem Zweck zu entsprechen, b i s s p ä t e s t e n s I. August erfolgen.
Euer Exzellenz wollen schließlich bemerken, daß ich annehme, daß die maßgebenden deutschen Faktoren angesichts des beide Reiche bedrohenden Verhaltens Rußlands meinen Vorschlägen zustimmen werden.




  1. Vgl. Österreichisch-ungarisches Rotbuch, Nr. 42. (Zurück)
  2. Siehe II, Nr. 49. (Zurück)



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