II, 81. Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin, 28. Juli 1914

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Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin<ref>Vgl. Österreichisch-ungarisches Rotbuch, Nr. 38. </ref></center>
  
  
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    Graf Mensdorff telegraphiert unterm 27. d. M. wie folgt<ref>Siehe [[II, 72. Graf Mensdorff an Grafen Berchtold, 27. Juli 1914|II, Nr. 72]]. </ref>.
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    »Ich hatte Gelegenheit, Sir E. Grey heute ausführlich darzulegen, daß unsere Aktion nicht Aggression, sondern Selbstverteidigung und Selbsterhaltung sei und wir keine territorialen Eroberungen noch Vernichtung serbischer Unabhängigkeit beabsichtigen. Wir wollen gewisse Genugtuung für Vergangenheit und Garantien für die Zukunft.
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    Hiebei verwertete ich einige Anhaltspunkte aus dem Erlaß Euer Exzellenz an Graf Szápáry.
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    Sir E. Gre[y] sagte mir, er sei sehr enttäuscht darüber, daß wir die serbische Antwort so behandeln, als wenn sie ganz ablehnend wäre.
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    Er hätte geglaubt, diese Antwort würde eine Basis liefern, auf welcher die vier anderen Regierungen ein befriedigendes Arrangement ausarbeiten könnten.
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    Das war seine Idee beim Vorschlag der Konferenz.
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    Die Konferenz würde sich versammeln unter der Voraussetzung, daß sowohl Österreich-Ungarn und Rußland sich jeder militärischen Operation enthalten würden während des Versuchs der anderen Mächte, einen befriedigenden Ausweg zu finden.
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    (Heutige Erklärung Sir E. Greys im Unterhause führte Konferenzprojekt aus.) Als er vom Enthalt militärischer Operationen unsererseits gegen Serbien sprach, machte ich die Bemerkung, ich fürchte, es sei vielleicht schon zu spät. Staatssekretär meinte, wenn wir entschlossen sind, unter allen Umständen mit Serbien Krieg zu führen und voraussetzen, daß Rußland ruhig bleiben wird, so nehmen wir ein großes Risiko auf uns.  Können wir Rußland dazu bewegen, ruhig zu bleiben, sei alles gut und er habe nichts mehr zu sagen, wenn nicht, sind die Möglichkeiten und Gefahren unberechenbar.
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    Als Symptom der Beunruhigung sagte er mir, die große englische Flotte, die nach den Manövern in Portsmouth konzentriert wurde und heute auseinandergehen sollte, würde vorläufig dort bleiben. »Wir hätten keine Reserven einberufen, aber nachdem sie versammelt sind, können wir sie in diesem Augenblick nicht nach Hause schicken.« Staatssekretär war betrübt und beunruhigt, nicht aber gereizt, wie mir mein deutscher Kollege heute früh sagte.
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    Seine Idee von Konferenz hat den Zweck, wenn möglich Kollision zwischen den Großmächten hintanzuhalten und dürfte also auf Isolierung des Konfliktes hinzielen. Falls aber Rußland mobilisiert und Deutschland in Aktion tritt, so fällt die Konferenz von selbst in Bruch.
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    Ich glaube Euer Exzellenz gegenüber nicht besonders darauf hinweisen zu sollen, daß der englische Konferenzvorschlag, insoweit er unseren Konflikt mit Serbien im Auge hat, angesichts des bereits eingetretenen Kriegszustandes durch die Ereignisse überholt ist.
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    Vorstehendes zu Euer Exzellenz Information und zur Mitteilung an den Herrn Staatssekretär oder dessen Stellvertreter.
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WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > II, 81. Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin, 28. Juli 1914



Graf Berchtold an Grafen Szögyény in Berlin[1]


Telegramm Nr. 283


W i e n , den 28. Juli 1914            
Chiffr. 11 Uhr p. m.            


C h i f f r e


Graf Mensdorff telegraphiert unterm 27. d. M. wie folgt[2].
 »Ich hatte Gelegenheit, Sir E. Grey heute ausführlich darzulegen, daß unsere Aktion nicht Aggression, sondern Selbstverteidigung und Selbsterhaltung sei und wir keine territorialen Eroberungen noch Vernichtung serbischer Unabhängigkeit beabsichtigen. Wir wollen gewisse Genugtuung für Vergangenheit und Garantien für die Zukunft.
Hiebei verwertete ich einige Anhaltspunkte aus dem Erlaß Euer Exzellenz an Graf Szápáry.
Sir E. Gre[y] sagte mir, er sei sehr enttäuscht darüber, daß wir die serbische Antwort so behandeln, als wenn sie ganz ablehnend wäre.
Er hätte geglaubt, diese Antwort würde eine Basis liefern, auf welcher die vier anderen Regierungen ein befriedigendes Arrangement ausarbeiten könnten.
Das war seine Idee beim Vorschlag der Konferenz.
Die Konferenz würde sich versammeln unter der Voraussetzung, daß sowohl Österreich-Ungarn und Rußland sich jeder militärischen Operation enthalten würden während des Versuchs der anderen Mächte, einen befriedigenden Ausweg zu finden.
(Heutige Erklärung Sir E. Greys im Unterhause führte Konferenzprojekt aus.) Als er vom Enthalt militärischer Operationen unsererseits gegen Serbien sprach, machte ich die Bemerkung, ich fürchte, es sei vielleicht schon zu spät. Staatssekretär meinte, wenn wir entschlossen sind, unter allen Umständen mit Serbien Krieg zu führen und voraussetzen, daß Rußland ruhig bleiben wird, so nehmen wir ein großes Risiko auf uns. Können wir Rußland dazu bewegen, ruhig zu bleiben, sei alles gut und er habe nichts mehr zu sagen, wenn nicht, sind die Möglichkeiten und Gefahren unberechenbar.
Als Symptom der Beunruhigung sagte er mir, die große englische Flotte, die nach den Manövern in Portsmouth konzentriert wurde und heute auseinandergehen sollte, würde vorläufig dort bleiben. »Wir hätten keine Reserven einberufen, aber nachdem sie versammelt sind, können wir sie in diesem Augenblick nicht nach Hause schicken.« Staatssekretär war betrübt und beunruhigt, nicht aber gereizt, wie mir mein deutscher Kollege heute früh sagte.
Seine Idee von Konferenz hat den Zweck, wenn möglich Kollision zwischen den Großmächten hintanzuhalten und dürfte also auf Isolierung des Konfliktes hinzielen. Falls aber Rußland mobilisiert und Deutschland in Aktion tritt, so fällt die Konferenz von selbst in Bruch.
Ich glaube Euer Exzellenz gegenüber nicht besonders darauf hinweisen zu sollen, daß der englische Konferenzvorschlag, insoweit er unseren Konflikt mit Serbien im Auge hat, angesichts des bereits eingetretenen Kriegszustandes durch die Ereignisse überholt ist.
Vorstehendes zu Euer Exzellenz Information und zur Mitteilung an den Herrn Staatssekretär oder dessen Stellvertreter.




  1. Vgl. Österreichisch-ungarisches Rotbuch, Nr. 38.
  2. Siehe II, Nr. 72.



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