III, 108. Herr von Mérey an Grafen Berchtold, 2. August 1914

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    Wir knüpfen Annahme der italienischen Interpretation an Bedingungen. Das wäre bei einer Vertragsänderung möglich, aber nicht bei Auslegung, das heißt der Konstatierung der bei Vertragsabschluß obgewalteten Absicht.
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    Jetzige Krise sei vorübergehend, Dreibund noch für 12 Jahre gültig. Italien müßte daher darüber Beruhigung haben, daß die Interpretation auch in Friedenszeiten und auch in dem Falle gelte, als es an dem Krieg nicht teilnimmt.
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    Übrigens könnte Annahme italienischer Auslegung allein nicht genügen, um alle gewichtigen Gründe zu beseitigen, welche für Neutralität sprechen. Unsere allgemeine Formel bildet noch kein Einvernehmen über Natur und Wert der eventuellen Kompensationen und über deren Proportion zu den enormen Gefahren und Opfern der Teilnahme Italiens am Kriege.
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    Trotz aller dieser schweren Bedenken würde Italien seine Pflicht erfüllen, wenn dieselbe existierte. Casus foederis sei aber auf diesen Krieg nicht anwendbar.
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    M i n i s t e r r a t  b e s c h l o ß  d a h e r  g e s t e r n  a b e n d s  N e u t r a l i t ä t ,  vorbehaltlich den Wünschen der Allierten mehr konformer Entscheidungen, falls Pflicht oder Interessen Italiens ihm dies raten werden.
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    Gleichgewicht Europas, Balkans und der Adria sei ein vitales Interesse Italiens, und letzteres werde zum Schutz seiner Existenz und Zukunft vor keinem Opfer zurückscheuen (offenbar eine Drohung bezüglich Sandschaks und Lovcen).
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    Wie Euer Exzellenz ersehen, ist somit Neutralität beschlossen und außerdem nunmehr der mathematische Beweis erbracht, daß  —  wie ich immer behauptet hatte  —  die uns von Deutschland suggerierte Nachgiebigkeit in der Kompensationsfrage nur das Eingehen auf eine Chantage war und das damit erhoffte Ziel nicht erreicht.
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    Ich telegraphiere in den nächsten Stunden Text des Briefes des Marquis San Giuliano.</blockquote>
  
  

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WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > III, 108. Herr von Mérey an Grafen Berchtold, 2. August 1914



Telegramm Nr. 579


R o m , den 2. August 1914
Aufg. 2 Uhr 15. p. m.
Eingetr. 7 Uhr • / . p. m.


C h i f f r e — G e h e i m


Soeben schickt mir Minister des Äußern in Briefform Antwort hinsichtlich Artikels VII des Dreibundes.
Dieselbe ist durchaus ungünstig und hat folgenden Inhalt:
Wir knüpfen Annahme der italienischen Interpretation an Bedingungen. Das wäre bei einer Vertragsänderung möglich, aber nicht bei Auslegung, das heißt der Konstatierung der bei Vertragsabschluß obgewalteten Absicht.
Jetzige Krise sei vorübergehend, Dreibund noch für 12 Jahre gültig. Italien müßte daher darüber Beruhigung haben, daß die Interpretation auch in Friedenszeiten und auch in dem Falle gelte, als es an dem Krieg nicht teilnimmt.
Übrigens könnte Annahme italienischer Auslegung allein nicht genügen, um alle gewichtigen Gründe zu beseitigen, welche für Neutralität sprechen. Unsere allgemeine Formel bildet noch kein Einvernehmen über Natur und Wert der eventuellen Kompensationen und über deren Proportion zu den enormen Gefahren und Opfern der Teilnahme Italiens am Kriege.
Trotz aller dieser schweren Bedenken würde Italien seine Pflicht erfüllen, wenn dieselbe existierte. Casus foederis sei aber auf diesen Krieg nicht anwendbar.
M i n i s t e r r a t b e s c h l o ß d a h e r g e s t e r n a b e n d s N e u t r a l i t ä t , vorbehaltlich den Wünschen der Allierten mehr konformer Entscheidungen, falls Pflicht oder Interessen Italiens ihm dies raten werden.
Gleichgewicht Europas, Balkans und der Adria sei ein vitales Interesse Italiens, und letzteres werde zum Schutz seiner Existenz und Zukunft vor keinem Opfer zurückscheuen (offenbar eine Drohung bezüglich Sandschaks und Lovcen).
Wie Euer Exzellenz ersehen, ist somit Neutralität beschlossen und außerdem nunmehr der mathematische Beweis erbracht, daß — wie ich immer behauptet hatte — die uns von Deutschland suggerierte Nachgiebigkeit in der Kompensationsfrage nur das Eingehen auf eine Chantage war und das damit erhoffte Ziel nicht erreicht.
Ich telegraphiere in den nächsten Stunden Text des Briefes des Marquis San Giuliano.



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