III, 22. Herr Otto an Grafen Berchtold, 29. Juli 1914

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Telegramm Nr. 199


C e t i n j e , den 29. Juli 1914
Cattaro, Aufg. 9 Uhr • / . p. m. 30 7.
Eingetr. 9 Uhr • / . a. m. 31./7.


C h i f f r e — G e h e i m


Montenegrinische Wünsche Euer Exzellenz Telegramm Nr. 140 vom 28. d. M.
Ich hatte gestern und heute I 1/2stündige Unterredung mit dem Minister des Äußern. Bei der heutigen erwähnte derselbe, er sei beauftragt, gegenüber meinem Wunsche, auch mit Seiner Majestät dem König zu sprechen, mir zu sagen, Höchstderselbe wäre gerne bereit, mich zu empfangen, dies sei aber wegen Abwesenheit Seiner Majestät nicht möglich. Heute, wo die ersten Nachrichten darüber vorlagen, daß die Feindseligkeiten begonnen und hierbei serbisches Blut geflossen, hoffe Seine Majestät, daß ich auf meinem bezüglichen Wunsche nicht bestehen werde, da er dadurch als serbischer Souverän gegenüber gewissen hiesigen Elementen in eine schwierige Lage geraten würde.
Ich erwiderte, ich begriffe dies bis zu einem gewissen Grade und insistierte um so weniger, als ich den Gedanken nach einer Aussprache mit Seiner Majestät dem König nicht über Auftrag, sondern aus eigener Initiative geäußert.
Minister des Äußern fuhr dann fort:
Seine Majestät und die dermalige Regierurig seien nach wie vor entschlossen, strikte Neutralität zu beobachten » à moins que nous ne soyons débordés par l'opinion publique«.
Die Position des Königs und der Regierung würde sehr gestärkt werden, wenn wir hier Erklärung abgeben würden, daß der Krieg mit Serbien kein Eroberungskrieg sei.
Eine solche Erklärung sei, wie er von meinem italienischen Kollegen und vom deutschen Geschäftsträger streng vertraulich gehört habe, in Rom und in Berlin abgegeben worden.
König von Montenegro habe während seiner über 50jährigen Regierung sein Land um nahezu das vierfache vergrößert, Montenegro sei aber dessenungeachtet auch in seiner jetzigen Ausdehnung noch nicht in der Lage, auf eigenen Füßen zu stehen, auf auswärtige Unterstützung angewiesen, ein Zustand, welcher angesichts der großen territorialen Veränderungen am Balkan im Verlaufe der letzten zwei Jahre, bei welchen Montenegro so schlecht abgeschnitten habe, unhaltbar sei.
Wir hätten Montenegro, indem wir ihm bei dem Versuche, sich nach dem Süden zu erweitern, in den Arm gefallen seien, schweres Unrecht getan und dies um so mehr, als wir ihm vorher wiederholt zu verstehen gegeben hätten, daß wir mit einer solchen Erweiterung einverstanden wären. Allerdings habe auch Montenegro sich der Monarchie gegenüber manches zuschulden kommen lassen, im großen ganzen aber habe sein Verhalten stets erkennen lassen, daß wir in ihm — unserem eigensten Interesse entsprechend — leicht einen guten, ergebenen und dankbaren Freund zu gewinnen vermöchten.
Seine Majestät der König und die Regierung rechnen noch immer auf uns und setzten in Euer Exzellenz vollstes Vertrauen; dagegen seien beide von größtem Mißtrauen gegen unsere militärischen Kreise und namentlich gegen Feldzeugmeister Potiorek erfüllt, gegen letzteren insbesondere wegen des Metalka¬Zwischenfalles respektive wegen der Art, in welcher derselbe inszeniert wurde.
Seine Majestät und die Regierung fragten bei Euer Exzellenz an, ob die k. u. k. Regierung geneigt und in der Lage wäre, Montenegro eine Garantie für seinen selbständigen Weiterbestand zu bieten. Eine solche Garantie würde man hier in der Zusicherung einer derartigen Vergrößerung (élargissement) Montenegros erblicken, welche es ermöglichen würde, ohne die bisherige fremde Unterstützung neben den anderen Balkanstaaten und in erster Linie neben Serbien in voller Selbständigkeit und Unabhängigkeit weiter zu bestehen.
Die in vorstehendem resumierten Äußerungen Ministers des Äußern sind das Resultat langer Konferenzen desselben mit Seiner Majestät dem Könige und dem Ministerpräsidenten.
Er bat um streng vertrauliche Behandlung und um je ehere, wenn auch nur vorläufige Antwort, wobei er eine Anspielung auf die Skupschtina machte, die übermorgen zusammentritt.



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