Difference between revisions of "III, 97. Graf Szápáry an Grafen Berchtold, 1. August 1914"

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Graf Szápáry an Grafen Berchtold<ref>Vgl. die Fassung im Österreichisch¬ungarischen Rotbuch, Nr. 56.    (Zurück)
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Graf Szápáry an Grafen Berchtold<ref>Vgl. die Fassung im Österreichisch¬ungarischen Rotbuch, Nr. 56.     
 
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     Fortsetzung meines Telegrammes vom 31. v. M., Nr. 189<ref>Siehe III, Nr. 75.    (Zurück)</ref>.
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     Fortsetzung meines Telegrammes vom 31. v. M., Nr. 189<ref>Siehe [[III, 75. Graf Szápáry an Grafen Berchtold, 31. Juli 1914|III, Nr. 75]].    </ref>.
 
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     Ich fragte demnach bei Herrn Sazonow an, der mich unverzüglich empfing. Ich legte dem Minister dar, daß ich chiffrierte Instrucktionen erhalten hätte, daß ich aber vorausschicken müsse, die augenblickliche, durch die russische allgemeine Mobilisierung in Wien geschaffene Lage sei mir gänzlich unbekannt, so daß ich von dieser bei Verdolmetschung meiner noch vorher abgegangenen Weisungen vollkommen absehen müsse. Der Minister unterbrach mich lebhaft mit den Worten, die Mobilisierung habe nichts zu bedeuten; und Kaiser Nikolaus habe Kaiser Wilhelm sein Wort verpfändet, die Armee werde sich nicht rühren, solange seine auf Verständigung gerichtete Konversation mit Wien im Zuge sei. Übrigens hätten wir zuerst mobilisiert, eine Behauptung, der ich lebhaft widersprach, so daß der Minister sagte: »Lassen wir diese Chronologie«. Man solle nicht fürchten, daß die Gewehre von selber losgehen würden, denn was die russische Armee betreffe, sei diese so diszipliniert, daß der Kaiser sie durch ein Wort noch von der Grenze zurückziehen könne! Ich fuhr fort und sagte, daß die beiden Weisungen Euer Exzellenz von dem Mißverständnis ausgingen, als ob wir weitere Verhandlungen mit Rußland abgelehnt hätten. Dies sei, wie ich ihm schon ohne Auftrag versichert hätte (mein Telegramm Nr. 180 vom 29. v. M.<ref>Siehe III, Nr. 19.    (Zurück)</ref> ), ein Irrtum. Euer Exzellenz seien nicht nur gerne bereit, mit Rußland auf breitester Basis zu verhandeln, sondern auch speziell geneigt, unseren Notentext einer Besprechung zu unterziehen, sofern es sich um dessen Interpretation handle.
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     Ich fragte demnach bei Herrn Sazonow an, der mich unverzüglich empfing. Ich legte dem Minister dar, daß ich chiffrierte Instrucktionen erhalten hätte, daß ich aber vorausschicken müsse, die augenblickliche, durch die russische allgemeine Mobilisierung in Wien geschaffene Lage sei mir gänzlich unbekannt, so daß ich von dieser bei Verdolmetschung meiner noch vorher abgegangenen Weisungen vollkommen absehen müsse. Der Minister unterbrach mich lebhaft mit den Worten, die Mobilisierung habe nichts zu bedeuten; und Kaiser Nikolaus habe Kaiser Wilhelm sein Wort verpfändet, die Armee werde sich nicht rühren, solange seine auf Verständigung gerichtete Konversation mit Wien im Zuge sei. Übrigens hätten wir zuerst mobilisiert, eine Behauptung, der ich lebhaft widersprach, so daß der Minister sagte: »Lassen wir diese Chronologie«. Man solle nicht fürchten, daß die Gewehre von selber losgehen würden, denn was die russische Armee betreffe, sei diese so diszipliniert, daß der Kaiser sie durch ein Wort noch von der Grenze zurückziehen könne! Ich fuhr fort und sagte, daß die beiden Weisungen Euer Exzellenz von dem Mißverständnis ausgingen, als ob wir weitere Verhandlungen mit Rußland abgelehnt hätten. Dies sei, wie ich ihm schon ohne Auftrag versichert hätte (mein Telegramm Nr. 180 vom 29. v. M.<ref>Siehe [[III, 19. Graf Szápáry an Grafen Berchtold, 29. Juli 1914|III, Nr. 19]].    </ref> ), ein Irrtum. Euer Exzellenz seien nicht nur gerne bereit, mit Rußland auf breitester Basis zu verhandeln, sondern auch speziell geneigt, unseren Notentext einer Besprechung zu unterziehen, sofern es sich um dessen Interpretation handle.
 
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Latest revision as of 18:01, 19 June 2009

WWI Archive > Dokumente zum Kriegsausbruch > III, 97. Graf Szápáry an Grafen Berchtold, 1. August 1914



Graf Szápáry an Grafen Berchtold[1]


Telegramm Nr. 190


P e t e r s b u r g , den 1. August 1914
Aufg. 10 Uhr 45 M. a. m.
Eingetr. 1 Uhr • / . p. m.


C h i f f r e   —   G e h e i m


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Fortsetzung meines Telegrammes vom 31. v. M., Nr. 189[2].

Ich fragte demnach bei Herrn Sazonow an, der mich unverzüglich empfing. Ich legte dem Minister dar, daß ich chiffrierte Instrucktionen erhalten hätte, daß ich aber vorausschicken müsse, die augenblickliche, durch die russische allgemeine Mobilisierung in Wien geschaffene Lage sei mir gänzlich unbekannt, so daß ich von dieser bei Verdolmetschung meiner noch vorher abgegangenen Weisungen vollkommen absehen müsse. Der Minister unterbrach mich lebhaft mit den Worten, die Mobilisierung habe nichts zu bedeuten; und Kaiser Nikolaus habe Kaiser Wilhelm sein Wort verpfändet, die Armee werde sich nicht rühren, solange seine auf Verständigung gerichtete Konversation mit Wien im Zuge sei. Übrigens hätten wir zuerst mobilisiert, eine Behauptung, der ich lebhaft widersprach, so daß der Minister sagte: »Lassen wir diese Chronologie«. Man solle nicht fürchten, daß die Gewehre von selber losgehen würden, denn was die russische Armee betreffe, sei diese so diszipliniert, daß der Kaiser sie durch ein Wort noch von der Grenze zurückziehen könne! Ich fuhr fort und sagte, daß die beiden Weisungen Euer Exzellenz von dem Mißverständnis ausgingen, als ob wir weitere Verhandlungen mit Rußland abgelehnt hätten. Dies sei, wie ich ihm schon ohne Auftrag versichert hätte (mein Telegramm Nr. 180 vom 29. v. M.[3] ), ein Irrtum. Euer Exzellenz seien nicht nur gerne bereit, mit Rußland auf breitester Basis zu verhandeln, sondern auch speziell geneigt, unseren Notentext einer Besprechung zu unterziehen, sofern es sich um dessen Interpretation handle.

Ich sei mir allerdings bewußt, daß Rußland auf dem Standpunkt stehe, die Form der Note sollte gemildert werden, während Euer Exzellenz der Ansicht seien, der Sinn derselben könne erläutert werden.

Dies ergebe eine Diskrepanz, die nicht übersehen werden dürfe, obwohl es mir im Wesen auf dasselbe herauszukommen schiene.

Herr Sazonow meinte, dies sei eine gute Nachricht, denn er hoffe noch immer, daß auf diese Weise die Angelegenheit auf jenes Terrain gelenkt werden könne, welches ihm von Anfang an vorgeschwebt habe. Ich betonte, wie sehr die Instruktionen Euer Exzellenz an mich einen weiteren Beweis guten Willens böten, wenn ich ihm auch noch einmal in Erinnerung rufen müsse, daß mir die durch die seitherige allgemeine Mobilisierung geschaffene Situation unbekannt sei, ich könne nur hoffen, daß uns der Gang der Ereignisse nicht schon zu weit geführt habe; jedenfalls hätte ich es für meine Pflicht gehalten, im gegenwärtigen hochernsten Augenblick den guten Willen der k. u. k. Regierung nochmals zu dokumentieren. Herr Sazonow erwiderte, er nehme von diesem Beweise guten Willens mit Befriedigung Akt; auch möchte er mich aufmerksam machen, daß ihm Unterhandlungen in Petersburg aus naheliegenden Gründen weniger Erfolg versprechend erschienen, als solche auf dem neutralen Londoner Terrain. Ich erwiderte, Euer Exzellenz gingen, wie ich schon dargelegt hätte, vom Gesichtspunkte einer direkten Fühlungnahme in Petersburg aus, so daß ich nicht in der Lage sei, zu seiner Anregung bezüglich Londons Stellung zu nehmen, doch würde ich Euer Exzellenz hievon Meldung erstatten.

Herr Sazonow war durch meine Eröffnungen wesentlich erleichtert und schien denselben eine übertriebene Bedeutung beizumessen, so daß ich immer wieder auf die geänderte Situation, auf die Diskrepanz unserer Ausgan[g]spunkte und dergleichen verweisen mußte. Außerdem wurden bei der Konversation zwei Hauptpunkte vollkommen umgangen: Meinerseits der mir aus Euer Exzellenz Telegrammen hervorzugehen scheinende, rein retrospektive und theoretische Charakter einer Konversation über den Notentext, seinerseits die Frage, was während der etwaigen Verhandlungen bezüglich der militärischen Operationen geschehen solle?

Im Hinblicke auf den Vorbehalt, welchen ich bezüglich der russischen allgemeinen Mobilisierung machte, sind Euer Exzellenz vollkommen in der Lage, meine Eröffnungen als gegenstandslos zu erklären. Andrerseits schien es mir vom Standpunkte der Rollenverteilung überaus wichtig, noch einen Schritt gemacht zu haben, der wohl als das äußerste an Entgegenkommen bezeichnet werden kann. Sollten Euer Exzellenz jedoch diplomatische Verhandlungen auch heute noch für tunlich oder opportun halten, wäre hiefür eine Unterlage geboten. Aus diesen Gründen hoffe ich, daß mein Vorgehen die Billigung Euer Exzellenz erfahren wird.




  1. Vgl. die Fassung im Österreichisch¬ungarischen Rotbuch, Nr. 56.
  2. Siehe III, Nr. 75.
  3. Siehe III, Nr. 19.



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