1. Deutsch-englische Vermittlungstätigkeit

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WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > VII. Die Haltung Englands > 1. Deutsch-englische Vermittlungstätigkeit

     Da es in erster Linie der Zusammenarbeit Deutschlands und
Englands zu danken war, daß die kritische Zeit der Balkankriege
1912/13 ohne ernsteren Konflikt der Mächte vorübergegangen
war, so lag es nahe, daß diese beiden Mächte auch bei der Krise
von 1914 gemeinsam der Sache des Friedens dienen würden. Wegen
des Bündnisses mit Österreich - Ungarn besaß Deutschland zwar
in diesem Falle nicht dieselbe Handlungsfreiheit wie in der vorher-
gehenden Krise, in der es sich in erster Linie um Konflikte zwischen
den Balkanstaaten handelte. Die deutsche Regierung konnte
aber annehmen, daß sich jeder im Interesse des Friedens notwendige
Schritt mit der Erfüllung ihrer Bündnispflichten vereinigen lassen
werde. Bis zum letzten Augenblick hat sie sich bemüht, gemeinsam
mit England die Gefahren eines europäischen Krieges zu beschwören.
Noch in der Denkschrift vom 3. August wurde gesagt: „Schulter
an Schulter mit England haben wir unausgesetzt an der Vermitt-
lungsaktion fortgearbeitet und jeden Vorschlag in Wien unter-
stützt, von dem wir die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des
Konfliktes erhoffen zu können glaubten." Damals war noch nicht
bekannt, daß die englische Regierung weder mit der gleichen Ehr-
lichkeit noch mit derselben Tatkraft für die Erhaltung des Welt-
friedens gewirkt hatte, wie die deutsche. Durch die Widersprüche,
in die sich der ewig schwankende Grey verwickelte, wurde seine
Politik zu einem Doppelspiel. Stärkere Charaktere, die ihn vor-
wärts drängten, mögen den Ausschlag gegeben haben. Sie waren
alle deutschfeindlich. Grey hat sich während des ganzen Verlaufs
der Verhandlungen bemüht, Berlin zu einem energischen Eingreifen
in Wien anzustacheln. Die deutsche Regierung wird ihre Ver-
mittlung nicht allein um der Erhaltung oder Befestigung der guten
Beziehungen zu England willen betrieben haben, sondern vor allem
im Interesse des europäischen Friedens. Sie hegte hierbei jedoch
offensichtlich die Erwartung, daß England ebenfalls das seine zur
Erhaltung des Friedens tun, also in erster Linie Rußland und
Frankreich vor militärischen Maßnahmen zurückhalten werde,
die nicht wieder gut zu machende Folgen haben mußten. Dieses
Vertrauen in Englands Verantwortlichkeitsgefühl ist jedenfalls
getäuscht worden.

     Berlin hat, wie oben dargelegt wurde, alle Londoner Vor-
schläge angenommen und befolgt, mit Ausnahme des als unzweck-
mäßig erachteten Vorschlages einer Botschafterkonferenz, den
Grey selbst fallen ließ. Der Vorschlag, (1) in Wien eine Verlängerung
der Serbien gestellten Frist zu befürworten, wurde befolgt, (2) dem
einer Vermittlung zwischen Wien und Petersburg zugestimmt. Der
österreichisch - ungarischen Regierung wurde (3), dem englischen
Wunsche entsprechend, am 25, Juli nahegelegt, die serbische Ant-
wortnote günstig aufzunehmen, ebenso (4) die englische Anregung
vom 27. Juli, die serbische Antwortnote möge als Grundlage für
Unterhandlungen angenommen werden. Der am 29. Juli erneuerte
Verschlag Greys, eine Vermittlung der vier unbeteiligten Mächte
eintreten zu lassen, wurde (5) auf das wärmste befürwortet. Eben-
so wurde (6) die Meldung aus London, daß Grey Wien bitten lasse,
die angeblich unterbrochenen direkten Besprechungen mit Peters-
burg wieder aufzunehmen, mit einer ernsten Warnung vor den
Folgen einer unberechtigten Unnachgiebigkeit nach Wien weiter-
gegeben. Der englische Vorschlag der Verhandlungen auf Grund
der Besetzung serbischer Gebietsteile als Faustpfand wurde (7)
sowohl in der Fassung der Erklärung Greys vom 29. Juli, wie in
der des Telegramms des Königs von England an den Prinzen
Heinrich von Preußen vom 30. Juli, in Wien warm empfohlen.

     Die englische Regierung hat den deutschen Vorschlag der Lokali-
sierung zwar zunächst freundlich aufgenommen und einen Eingriff
in den austro - serbischen Konflikt abgelehnt, ihre Auffassung
aber am 26. Juli völlig geändert, indem sie eine Botschafterkonferenz
zur Regelung der austro - serbischen Frage vorschlug. Der deutschen
Bitte vom 26. Juli, in Petersburg im Sinne einer besonnenen Hal-
tung zu wirken und vor militärischen Maßnahmen zu warnen,
hat sie nicht Folge geleistet. Ihren eigenen Vorschlag der Verhand-
lungen auf Grund der Besetzung serbischer Gebietsteile als Faust-
pfand hat sie erst am 30. Juli nach Petersburg mitgeteilt, als sie
aus Berlin erfuhr, daß ein ähnlicher Vorschlag bereits deutscher-
seits nach Wien gerichtet worden sei (Blaubuch Nr. 103). Statt
in Petersburg energisch auf die Annahme dieses Vorschlages und
auf die Einstellung militärischer Maßnahmen zu dringen, tele-
graphierte Grey am 30. Juli lediglich:

     „Wenn Österreich nach Besetzung von Belgrad und angrenzendem ser-
bischen Gebiet sich bereit erklärt, im Interesse des europäischen Friedens
seinen Vormarsch einzustellen und zu erörtern, wie eine vollständige Regelung
erzielt werden kann, hoffe ich, daß Rußland sich auch zu einer Erklärung
und zur Einstellung weiterer militärischer Vorbereitungen bereit erklären wird,
vorausgesetzt, daß andere Mächte das gleiche tun." (Weißbuch Nr. 460, Blau-
buch Nr. 103.)

     Das Telegramm, mit dem die deutsche Regierung den gleichen
englischen Vorschlag nach Wien weitergegeben hatte, schloß mit
den Worten:

     „Wir müssen der Erwägung des Wiener Kabinetts dringend und nach-
drücklich anheimstellen, die Vermittlung zu den angegebenen ehrenvollen
Bedingungen anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden
Folgen wäre für Österreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere." (Weiß-
buch Nr. 395.)

     Der Unterschied in der Sprache kennzeichnet die Haltung
beider Regierungen gegenüber der Gefahr eines europäischen
Krieges.
     Der deutsche Schritt hatte das Einlenken Wiens zur Folge,
der englische hingegen wurde in Petersburg erst am 31. Juli unter-
nommen, als die Gesamtmobilmachung bereits öffentlich ver-
kündet war. Er blieb ergebnislos. Sasonow gab seine Forderung
auf Einstellung der österreichisch-ungarischen Operationen nicht
auf und lehnte es ab, die Besetzung eines Faustpfandes zuzulassen.
Hinsichtlich der militärischen Maßnahmen gab er lediglich die Zu-
sicherung einer abwartenden Haltung Rußlands für den Fall, daß
Österreich-Ungarn die russischen Bedingungen (2. Sasonow- Formel)
annehme (Blaubuch Nr. 120).
     Es trifft die englische Regierung also die schwere Schuld, nichts
unternommen zu haben, um Rußland von der allgemeinen Mobil-
machung abzuhalten, deren Bedeutung sie kennen mußte, und
auf deren Gefahr deutscherseits wiederholt hingewiesen war. Noch
am 31. Juli, nachdem er von dem Einlenken der Wiener Regierung
erfahren hatte, telegraphierte Grey nach Petersburg:

     „Dem deutschen Botschafter teilte ich mit, daß, was militärische Vor-
bereitungen beträfe, ich nicht einsehe, wie Rußland bewogen werden könne,
sie einzustellen, wenn nicht Österreich dem Vormarsch seiner Truppen in Serbien
gewisse Grenzen setze." (Blaubuch Nr. 110.)

     Das Londoner Kabinett hat möglicherweise in diesem Augen-
blick die Lage nicht richtig erfaßt und die Bedeutung der russischen
Kriegsmaßnahmen unterschätzt. In Petersburg konnte diese
Stellungnahme der englischen Regierung nur als eine Billigung
der im Gange befindlichen Mobilmachung angesehen werden. Aber
selbst als Grey (aus Weißbuch Nr. 477, 488 und Blaubuch Nr. 113)
Kenntnis von der russischen Gesamtmobilmachung hatte und die
Zustimmung Österreich - Ungarns zu dem englischen Vorschlag
einer Vermittlung der Mächte in Händen hielt (Rotbuch 1919,
III, Nr. 65, 94), sah er sich nicht veranlaßt, gegen das Vorgehen
Rußlands Einspruch zu erheben. Er telegraphierte am 1. August
den Inhalt der Wiener Erklärung nach Petersburg und setzte ledig-
lich hinzu:

     „Bitte den Minister des Äußern zu benachrichtigen und ihm zu sagen,
daß,  w e n n  in Anbetracht der Annahme der Vermittlung seitens Österreichs
Rußland in die Einstellung seiner Mobilisierung einwilligen könne,
es noch immer möglich schiene, den Frieden zu bewahren. Voraussicht-
lich würde die Angelegenheit auch von der russischen Regierung mit der deut-
schen Regierung zu erörtern sein." (Blaubuch Nr. 135.)

     So entsprach Grey der wiederholten deutschen Bitte, auf
Petersburg einzuwirken, nachdem Berlin in Wien sein möglichstes
getan und viel erreicht hatte. Diese nur sehr bedingte Bekundung
des englischen Friedenswillens kam überdies viel zu spät. E n g -
l a n d   h a t t e   e s   v e r s ä u m t ,   r e c h t z e i t i g   i n   P e t e r s -
b u r g   e i n z u g r e i f e n   u n d   d i e   a l l g e m e i n e   M o b i l -
m a c h u n g   a u f z u h a l t e n. Die deutsche Regierung hat in
der Nacht vom 29. zum 30. Juli nach Wien telegraphiert:

     „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber
ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge
in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen." (Weißbuch Nr. 396.)

     Eine ähnliche Erklärung der englischen Regierung in Peters-
burg würde den Weltfrieden erhalten haben.
     Grey hat dabei die Gefahren der Lage durchaus rechtzeitig
erkannt. Am 29. Juli sagte er zum österreichisch - ungarischen
Botschafter, „heute spreche Petersburg noch mit Berlin, wie würde
es morgen sein?" (Rotbuch 1919, III, Nr. 14). Überdies hat er
noch am 31. Juli Lichnowsky zugesichert, er werde einen Druck
auf Paris und Petersburg ausüben, wenn „Österreich ein derartiges
Zugeständnis mache, daß Rußland ins Unrecht versetzt werde"
(Weißbuch Nr. 489). Am 1. August wußte er, daß Wien die Ver-
mittlung der Mächte annehme, und Rußland hatte sich nicht nur
Österreich - Ungarn, sondern auch Deutschland gegenüber durch
seine allgemeine Mobilmachung im höchsten Grade ins Unrecht
gesetzt. Grey hat aber nicht seiner Zusage gemäß gehandelt und
bewies damit, daß seine Verhandlungen mit Berlin nur eine diplo-
matische Kriegslist darstellten.