1. Frankreichs Haltung in der deutsch-russischen Krise

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     Die französische Regierung und ihre Auslandsvertreter zeigten
sich von Anfang an bestrebt, den österreichisch-serbischen Konflikt
zu einem deutsch-russischen zu machen. Die Politik der Ver-
dächtigung der Haltung Deutschlands und der Handlungen seiner
Regierung wurde während des ganzen Verlaufs der Krise kon-
sequent fortgesetzt.

     Gleichzeitig mit dem am 28. Juli nach Wien gerichteten Vor-
schlag, nach Besetzung eines Faustpfandes in Erörterung der
serbischen Antwortnote einzutreten (Weißbuch Nr. 323), tele-
graphierte die deutsche Regierung ihren Botschaftern in Peters-
burg, Paris und London, sie bemühe sich unausgesetzt, Wien zu
veranlassen, in Petersburg Zweck und Umfang des österreichisch-
ungarischen Vorgehens in Serbien in einer unanfechtbaren und
hoffentlich Rußland befriedigenden Weise klarzulegen. Hieran
ändere auch die inzwischen erfolgte Kriegserklärung nichts (Weiß-
buch Nr. 315).

     Schoen gab am Morgen des 29. Juli eine entsprechende Er-
klärung ab (Weißbuch Nr. 345, Gelbbuch Nr. 94). Der franzö-
sischen Regierung war ferner spätestens seit dem 28. Juli bekannt,
daß Deutschland einer Vermittlung zu vieren grundsätzlich zu-
gestimmt hatte (Weißbuch Nr. 310, Gelbbuch Nr. 92), und daß
es die direkten Besprechungen zwischen Wien und Petersburg zu
fördern suchte (Gelbbuch Nr. 81, 92). Sie wußte auch, daß die
deutsche Regierung die serbische Antwortnote als mögliche Grund-
lage zu Unterhandlungen ansah (Gelbbuch Nr. 92). Trotzdem er-
klärte der Ministerpräsident Viviani am 31. Juli, die Haltung
Deutschlands „dränge einem die Überzeugung auf, Deutschland
habe es auf die Demütigung Rußlands, die Sprengung des Drei-
verbandes und, wenn diese Ziele nicht zu erreichen seien, den Krieg
abgesehen" (Gelbbuch Nr. 114). Wahrheitswidrig behauptete er,
Deutschland habe alle Verständigungsversuche zum Scheitern
gebracht und nicht aufgehört, Wien in seiner Unversöhnlichkeit
zu bestärken.