2. Die Folgen der Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers

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     Der Mord von Sarajevo war eine unmittelbare Folge der
serbischersei ts seit Jahren offen betriebenen, von der serbischen
Regierung unterstützten großserbischen Propaganda. Er wurde
durch aktive serbische Beamte und Offiziere angestiftet, be-
günstigt und ermöglicht. Ein serbischer Major händigte den
Attentätern Waffen aus serbischen Armeebeständen aus, übte sie
in deren Gebrauch und versah sie mit Reisemitteln. Ein Beamter
im serbischen Eisenbahnministerium bestimmte ihren Reiseweg
nach Sarajevo. Serbische Grenzbeamte ermöglichten den heim-
liehen Übertritt der Attentäter auf österreichisch-ungarisches
Gebiet und sorgten für das Herüberschmuggeln der Mordwaffen.
Die österreichisch-ungarische Regierung hat die serbischen
Treibereien die längste Zeit gewähren lassen. Als aber die Gefahren
und Schäden der großserbischen Propaganda durch den Mord
von Sarajevo aller Welt offenbar geworden waren, entschloß sie
sich zu einem Vorgehen in Belgrad. Niemand erwartete etwas
anderes. Der belgische Gesandte in Berlin, ein gewiß unver-
dächtiger Zeuge, berichtete am 2. Juli 1914:
     „Das Kabinett Paschitsch, das die Augen schloß, um den Herd
anarchistischer Propaganda in Belgrad nicht zu sehen, darf nicht überrascht
sein, daß man von ihm verlangt, energisch gegen die Schuldigen vorzugehen,
anstatt sie immer weiter mit blinder Duldung zu behandeln." (Belgische
Aktenstücke 1905-1914, Nr. 119.)
     Die Österreichisch-ungarische Regierung zögerte ganz un-
gebührlich mit dem erwarteten Schritt und verlor dadurch viel von
der moralischen Unterstützung, die ihr unter dem frischen Ein-
druck der allgemein verabscheuten Mordtat sicher gewesen wäre.
Die öffentliche Meinung Europas, die eine aus dem ersten Impuls
geborene Sühneaktion geduldet hätte, auch wenn hierbei sehr
scharfe Bedingungen gestellt wurden, war weniger geneigt, sich
mit einem Vorgehen abzufinden, welches offensichtlich kaltüber-
legter politischer Berechnung entsprang. Daß man sich in Wien
zu einem Vorgehen gegen Serbien entschlossen hatte, war freilich
aller Welt aus den Reden Tiszas im Abgeordnetenhause vom
8. und vom 15. Juli 1914 bekannt. Am 15. Juli antwortete der
ungarische Ministerpräsident auf eine Interpellation: Die Be-
ziehungen zu Serbien müßten geklärt werden; er könne sich aber,
da die Frage in der Schwebe sei, über die Methode noch nicht
definitiv äußern. Der serbischen Regierung war hierdurch bekannt
gegeben, daß ihr Forderungen gestellt werden würden. Deren
Formulierung erfolgte aber erst am 19. Juli 1914.
     Das Wiener Kabinett hat der serbischen Regierung somit
sehr ausreichende Zeit gelassen, ihrerseits etwaigen österreichisch-
ungarischen Schritten dadurch zuvorzukommen, daß sie aus
eigenem Antriebe gegen die an dem Morde des Erzherzog-Thron-
folgers Mitschuldigen vorging und Maßnahmen traf, die eine Ge-
währ für die Zukunft boten. Nichts dergleichen geschah*). Der
Anstiftung des Mordes dringend Verdächtige konnten rechtzeitig
aus Belgrad verschwinden, ohne daß die serbischen Behörden
ihnen nachstellten. Serbischerseits ist der Einwand erhoben
worden, die österreichisch-ungarische Regierung habe während
dieser Zeit keinerlei Ersuchen an Serbien gerichtet, in Belgrad eine
Untersuchung einzuleiten, und daß ihr auch nicht die Ergebnisse
der Vernehmung der Attentäter in Sarajevo amtlich mitgeteilt
worden seien. Dem ist entgegenzuhalten, daß aus den Mitteilungen
der Presse aller Welt bekannt war, daß die Fäden der Verschwörung,
der der Erzherzog-Thronfolger zum Opfer fiel, nach Belgrad führten.
Auch hat der österreichisch-ungarische Geschäftsträger in Belgrad
bereits am 30. Juni auf dem Ministerium des Äußern angefragt,
welche Schritte seitens der serbischen Polizei ergriffen worden
seien (Rotbuch 1914, Nr. 2, Weißbuch Nr. 12).
     Die serbische Regierung unternahm keinerlei derartigen
Schritte. Serbien bekundete auch nicht den Willen, dem Nachbar-
staate so weit entgegenzukommen, wie dies der Anstand im inter-
nationalen Verkehr geboten hätte. Während der ersten drei
Wochen des Juli 1914 hallten die serbischen Blätter von Schmä-
hungen gegen Österreich-Ungarn wieder, während kaum eine
Stimme laut wurde, welche mehr als ein formelles Bedauern für
die nationale Trauer der Donau-Monarchie aussprach. Die ser-
bische Regierung ihrerseits hat weder Rechtshilfe angeboten,
noch irgend einen Versuch unternommen, den beleidigenden
Hetzereien gegen den Nachbarstaat entgegenzutreten. Die Mit-
glieder der Regierung wetteiferten auf ihren Wahlreisen mit den
Abgeordneten aller Parteien in Kundgebungen der Feindschaft
und Unnachgiebigkeit gegen Österreich-Ungarn. Es stand somit
zu erwarten, daß die serbische Regierung selbst angesichts der
verbrecherischen Folgen ihrer Österreich-Ungarn gegenüber ge-
führten Politik nicht bereit und geneigt war, andere Bahnen ein-
zuschlagen und das Ihre beizutragen, um ihr Verhältnis zur Nach-
barmonarchie in ein friedliches und erträgliches umzugestalten.
     Österreich-Ungarn faßte daher von vornherein scharfe Mittel
ins Auge. Allem Anschein nach hat die Haltung Serbiens während
der ersten Juli-Wochen zu einem besonders energischen Vorgehen
der Wiener Regierung beigetragen. Das neue österreichische
Rotbuch und die quellenkritische Studie von Gooss*) enthüllen
interessante Einzelheiten über die Entstehung der österreichisch-
ungarischen Note und die Verhandlungen zwischen Wien und
Budapest. Diesen Interna ist nicht allzu große Bedeutung bei-
zumessen. Ein schwankender Charakter mehr oder weniger, eine
List oder eine Lüge zuviel haben auf das Vorgehen der Wiener
Regierung sicherlich weniger Einfluß gehabt, als die allgemeine
Stimmung in den Donauländern. Das Gesamtbild, das sich aus
den österreichisch-ungarischen Akten ergibt, ist das folgende:
Berchtold strebte eine kriegerische Lösung an. Weshalb er eine
andere Lösung von vornherein ablehnte, ist nicht recht erkennbar.
Tisza wollte anfangs eine Lösung, wie sie damals wohl jeder ver-
nünftige Politiker — auch in Berlin — erwartet hatte, ein Ver-
fahren, das möglicherweise den beabsichtigten Erfolg erzielt
haben würde. Er empfahl „ein ernstes und energisches Vorgehen
in Belgrad" in Gestalt einer „in gemessenem, aber nicht drohendem
Tone gehaltenen Note", welche „konkrete Beschwerden" und
„präzise Petita" enthielt, so daß Serbien die Möglichkeit bliebe,
„den Krieg im Wege einer, allerdings- schweren, diplomatischen
Niederlage zu vermeiden". (Rotbuch 1919, I, Nr. 12.) Weshalb
sich der ungarische Ministerpräsident im Ministerrat vom 14, Juli
(Rotbuch 1919, I, Nr. 19) umstimmen ließ, ist nicht recht ersicht-
lich, doch scheint die Haltung der Belgrader Regierung das Wesent-
lichste hierzu beigetragen zu haben (Weißbuch Nr. 49). Berchtold
hat sowohl Tisza wie den Kaiser Franz Joseph besonders dadurch
im Sinne des von ihm angestrebten scharfen Vorgehens zu be-
einflussen gesucht, daß er darauf hinwies, die deutsche Regierung
erwarte ein energisches Einschreiten gegen Serbien. Es ist zweifel-
los richtig, daß in Berlin eine radikale Lösung erwartet und ge-
wünscht wurde. Dafür, daß Wien deutscherseits zu einem schär-
feren Vorgehen gedrängt worden ist, als es selbst beabsichtigte,
fehlt jeder Anhalt im Weißbuch. Hingegen fällt die Unterlassung
jeder Warnung auf, die man auf die zahlreichen Berichte der Wiener
Botschaft hin, welche über Berchtolds Absicht einer kriegerischen
Lösung des Konflikts Mitteilungen machten, erwarten könnte.
Berchtold hat aber die deutsche Regierung immer nur zu einem
geringen Teil in seine Pläne eingeweiht. Er hat ihr keinen reinen
Wein eingeschenkt. Über die im Wiener Ministerrat vom 19. Juli
(Rotbuch 1919, I, Nr. 26) vorgesehenen Annexionen oder „Grenz-
berichtigungen" ist offenbar nie ein Wort nach Berlin gelangt.
Auch sonst waren die Mitteilungen über das beabsichtigte öster-
reichisch-ungarische Vorgehen im Ausdruck wenig bestimmt ge-
halten, so daß Jagow wiederholt fragen mußte, wohin eigentlich
der Weg führen solle (Weißbuch Nr. 61, Rotbuch 1919, I, Nr. 41).
     Im übrigen muß bei der Beurteilung der Haltung der Wiener
Regierung berücksichtigt werden, daß nach der damals herrschen-
den, anscheinend gerechtfertigten Auffassung durch eine Be-
strafung der Mitschuldigen an dem Morde in Sarajevo eine dauernde
Klärung der austro-serbischen Beziehungen nicht erreicht werden
würde, daß vielmehr die Lage es als unumgänglich erheischte,
das Übel der großserbischen Agitation an der Wurzel zu packen,
wenn es gelingen sollte, in diesem Wetterwinkel Europas Ruhe zu
schaffen.
     Österreich-Ungarn sah sich demgemäß veranlaßt, die Forde-
rungen, die es zur Sühnung des Mordes von Sarajevo und zur
Erreichung von Sicherungen für Serbiens künftiges Wohlverhalten
stellte, in eine scharfe Form zu kleiden, in Kenntnis der von
Serbien beliebten Methoden, für ihre Annahme eine bestimmte
Frist zu setzen und ihre in Belgrad überreichte Note zu veröffent-
lichen.
     Die Bekanntgabe der an Serbien gerichteten Forderungen
(die vielfach als eine unnötige Verschärfung des österreichisch-
ungarischen Schrittes angesehen worden ist) erscheint selbstver-
ständlich, da Serbien durch sein Verhalten nicht nur die Pflichten
eines friedlichen Nachbarn verletzt hatte, sondern auch die Zu-
sicherungen, die es auf Drängen der Mächte in der am 31. März
1909 in Wien überreichten Note übernommen hatte. In dieser
Note verpflichtete sich Serbien, „die Richtung seiner gegenwärtigen
Politik gegenüber Österreich-Ungarn zu ändern und künftighin
mit diesem letzteren auf dem Fuße freundnachbarlicher Be-
ziehungen zu leben". Die serbische Regierung tat jedoch so gut
wie nichts, um ein friedliches Verhältnis zur Nachbarmonarchie
herbeizuführen. Sie pflegte vielmehr den Geist des Hasses gegen
Österreich-Ungarn und zettelte in den Grenzländern der Mon-
archie eine wohlorganisierte subversive Bewegung an. Gegen
diese großserbische Propaganda richtete sich letzten Endes die
österreichisch-ungarische Aktion von 1914. Insoweit die pan-
serbische Agitation nicht als Ursache des Attentates von Sarajevo
anzusehen ist, kann man sagen, daß die Ermordung des Erz-
herzogs zum „Vorwand" genommen wurde. Sofern dieser Zu-
sammenhang aber bestand, und das ist damals in Berlin jedenfalls
angenommen worden, war jener Mord ein berechtigter Anlaß
zum Einschreiten und zur Behebung der Ursachen des Übels.
Fragwürdig erscheint, auch vom damaligen Standpunkt aus, in
erster Linie die Wahl der Mittel.
     Eine Kritik der Note selbst dürfte sich heute aber erübrigen,
zumal die deutsche Regierung seinerzeit an der Abfassung selbst
nicht beteiligt war. Nur zwei Fragen sind bezüglich des Ultimatums
noch von Interesse: ob diese Note eine friedliche Lösung des
Konfliktes überhaupt zuließ, und ob sie ohne Vorgang in der
neueren Geschichte gewesen ist. Die dritte Frage, ob Serbien
seinen eigenen Entschließungen folgend, eine andere Stellung
zum österreichisch-ungarischen Ultimatum eingenommen hätte,
als geschehen ist, kann heute noch nicht beantwortet werden.
     Zur Frage, ob die Note eine friedliche Lösung zuließ, gehört
die Vorfrage, ob ihre Annahme denkbar gewesen wäre. Es sei
deshalb auf den Vorschlag der italienischen Regierung vom 27. Juli
hingewiesen, daß die vier Mächte Serbien den Rat erteilen sollten,
die Note uneingeschränkt anzunehmen (Blaubuch Nr. 57); ferner
auf die Mitteilung des serbischen Geschäftsträgers in Rom vom
28. Juli, wonach Serbien die österreichische Note nach Erläuterung
der Punkte 5 und 6 nachträglich noch annehmen würde (Blau-
buch Nr. 64; Weißbuch Nr. 357; vgl. auch Weißbuch Nr. 249).
Anscheinend hat San Giuliano diese Erklärung nur nach London
und Grey dieselbe nur nach Berlin weitergegeben. Bethmann
Hollweg bezeichnete „ein derartiges Nachgeben Serbiens als ge-
eignete Basis für Verhandlungen". (Weißbuch Nr. 384.) Warum
Grey sich nicht in ähnlichem Sinne in Petersburg und Belgrad
äußerte, ist nicht ersichtlich. Diese Grundlage einer Verständigung
hätte alle Kriegsabsichten Berchtolds vereitelt. Sie würde eine
sichere Verhandlungsbasis abgegeben haben.
     Befristete Noten, die von Kriegsdrohungen begleitet waren,
sind in der neueren Geschichte nicht selten gewesen. Es sei an
die Note Englands und Frankreichs an Ägypten 1882, Englands
an Portugal 1890, der Vereinigten Staaten von Amerika an Spanien
1898, Englands an Frankreich 1898, Englands an die Türkei 1906,
Italiens an die Türkei 1911 erinnert. Wie bereits oben erwähnt,
hat Österreich-Ungarn am 18. Oktober 1913 ein Ultimatum an
Serbien gerichtet mit der Forderung, binnen acht Tagen Albanien
zu räumen. Einzelne der genannten Ultimaten haben zu Kriegen
geführt, ohne aber, ebensowenig wie die Balkankriege, eine all-
gemeine Konflagration zu verursachen. Keine von ihnen war
durch die Bedrohung vitaler Interessen des angreifenden Staates
hervorgerufen, ein Moment, das immerhin bei der Beurteilung
des österreichisch-ungarischen Vorgehens 1914 zu berücksichtigen
wäre. So weitgehend auch die Wiener Forderungen an Serbien
waren, so werden sie doch erheblich von den Noten übertroffen,
die England, Frankreich und Rußland zu wiederholten Malen
1916 und 1917 an das damals neutrale Griechenland gerichtet haben.
Ob der österreichisch-serbische Krieg von irgend einem Gesichts-
punkte aus gerechtfertigt erscheinen kann, mag dahingestellt
bleiben. Der Krieg der Vereinigten Staaten mit Spanien, der
Burenkrieg, der russisch-japanische Krieg, der italienisch-türkische
Krieg und die Balkankriege sind jedenfalls aus geringeren An-
lässen entstanden.


 *) Siehe Hashagen, Umrisse der Weltpolitik, Bd. II, S. 125 ff.
 *) Die von Ententeseite oft hervorgehobene Erklärung Jovanowitsch'
 an Macchio vom 30. Juni (serbisches Blaubuch Nr. 5) erfolgte nicht im
 Auftrag der serbischen Regierung und ist nur als Kondolenzbesuch zu
 bewerten.
 *) Roderich Gooss: Das Wiener Kabinett und die Entstehung des Welt-
 krieges. (Wien, 1919.)