2. England und Rußland

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WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > VII. Die Haltung Englands > 2. England und Rußland

     Die englische Regierung hat ursprünglich erklärt, daß sie
wegen der serbischen Frage nicht zum Kriege schreiten würde.
Wenn sie trotzdem der Gefährdung des europäischen Friedens
durch Rußland untätig zusah und sich anscheinend ohne Wider-
streben der sicheren Gefahr aussetzte, selbst in einen Weltbrand
hineingezogen zu werden, so ist dies nur aus der Tendenz der eng-
lischen Ententepolitik der letzten Jahre zu erklären. Daß die
Regierung des Zaren mit ihren übereilten Maßnahmen auf den
Krieg zusteuerte, konnte weder in London noch in Paris verborgen
bleiben, und man mußte hier ebenso wie in Berlin erkennen, daß
das Vorgehen Rußlands jede Vermittlungsaktion zu vereiteln be-
stimmt war. England und Frankreich ließen dieses gefährliche
Treiben gewähren, indes sich die deutsche Regierung während des
ganzen Verlaufs der Krise bestrebt zeigte, in enger Fühlung mit
der englischen die Gefahr eines Weltkrieges abzuwenden. Sie hat
mit dem nach Wien gerichteten Vorschlag, sich mit der Besetzung
eines Faustpfandes zu begnügen, und auf dieser Basis eine Ver-
mittlung anzunehmen, eine Ausgleichsmöglichkeit gefunden, die
auch nach englischer Auffassung die friedliche Beilegung des
Konfliktes herbeiführen mußte. Dieser Ausgleich konnte deshalb
nicht verwirklicht werden, weil Rußland trotz der dringenden
Warnungen der deutschen Regierung nicht das Ergebnis der Ver-
mittlung abwarten wollte, sondern darauf bestand, den Konflikt
durch Anwendung militärischer Druckmittel zu lösen, während
die englische Regierung, obwohl sie von den deutschen Schritten
in Wien fortlaufend unterrichtet worden war, es unterließ, Ruß-
land auch nur für die Tage und Stunden zurückzuhalten, deren
es bedurfte, um die Einigung herbeizuführen.

     Sie konnte sich nicht entschließen, eine Warnung nach Peters-
burg zu richten, die dort unwillkommen gewesen wäre und mög-
licherweise den Abschluß der g e h e i m e n   e n g l i s c h - r u s -
s i s c h e n   M a r i n e k o n v e n t i o n   beeinträchtigt hätte. Die
Sorge um die Aufrechterhaltung der Entente mit Rußland, des
Schlußsteins in dem Bau der englischen Einkreisungspolitik,
verhinderten Grey daran, in seinen Friedensbemühungen in Pe-
tersburg „bis an die äußerste Grenze dessen zu gehen, was einem
verbündeten und souveränen Staat zugemutet werden konnte",
wie es die deutsche Regierung getan hatte (Weißbuch Nr. 513,
553). Die Erhaltung des eisernen Ringes, den er um Deutschland
gelegt hatte, stand ihm eben höher als die Erhaltung des Welt-
friedens I

     Es ist sehr zweifelhaft, ob die Regierung des Zaren zum
Kriege bereit gewesen wäre, wenn sie nicht mit Sicherheit auf die
Unterstützung Englands gerechnet hätte. Ganz gewiß wäre
jedoch der Frieden erhalten worden, wenn die englische Re-
gierung dem Kriegswillen Rußlands und Frankreichs entgegen-
getreten wäre.
     In Petersburg waren die englisch-französischen Abmachungen
bekannt, die England die moralische, wenn auch nicht vertrag-
liche Verpflichtung auferlegten, Frankreich in jedem Kriege mit
Deutschland beizustehen, der nicht offensichtlich von Frankreich
provoziert war. Die russische Regierung durfte also mit Gewiß-
heit auf die englische Unterstützung in einem Kriege gegen Deutsch-
land rechnen, wenn England nicht ausdrücklich die Waffenhilfe
ablehnte. Rußland konnte durch Mobilisierung seiner gesamten
Streitkräfte Deutschland zur Mobilmachung und Kriegserklärung
zwingen und hierdurch für Frankreich den Bündnisfall herbei-
führen. Deutschland, zum Zweifrontenkrieg gezwungen, sah sich
dann vor die Notwendigkeit gestellt, Frankreich den Krieg zu
erklären, wodurch angesichts der englisch-französischen Ab-
machungen der deutsch-englische Krieg unvermeidlich wurde.
Dieser Weg zum Weltkriege war der russischen Kriegspartei klar
vorgezeichnet. Die Petersburger Regierung hat ihn beschritten.

     Für Rußland bestand zunächst nur die einzige Sorge, ob
nicht die enghsche Regierung, für die diese Zusammenhänge nicht
weniger klar erkennbar waren, erklären würde, in einen über den
serbischen Streit entbrennenden Krieg nicht eingreifen zu wollen.
Daher bemühte sich Sasonow, vom französischen Botschafter
unterstützt, bereits am 24. Juli, von der englischen Regierung
eine Erklärung ihrer Solidarität mit den Zweibundsmächten zu
erwirken (Blaubuch Nr. 6). Am 25. Juli erneuerte er seine Bitte
(Blaubuch Nr. 17). Keinerlei englisches Dokument aus Peters-
burg vom 26. Juli ist bekannt gegeben worden. Am 27. Juli
(Blaubuch Nr. 44, 45) und an allen späteren Tagen ist von dem
Wunsche nach einer Solidaritätserklärung Englands nicht mehr
die Rede.

     Am 25. Juli lehnte es Grey noch ab, über einen serbischen
Streit zum Kriege zu schreiten (Blaubuch Nr. 24). Ein Tele-
gramm von London nach Petersburg vom 26. Juli ist nicht bekannt,
doch zeigt der englische Vorschlag einer Botschafterkonferenz in
London (Weißbuch Nr. 304, Blaubuch Nr. 36) eine grundsätzliche
Änderung in der Haltung der englischen Regierung an. Am
27. Juli telegraphierte (gemäß Blaubuch Nr. 47) Grey nach Peters-
burg, der russische Botschafter habe sich bei ihm darüber beklagt,
daß England in seiner Haltung die Zugehörigkeit zum Dreiverband
nicht deutlich genug bekunde. Als Antwort habe er den Bot-
schafter darauf hingewiesen, daß die englische Flotte nach Be-
endigung ihrer Manöver nicht demobilisiere und nicht auseinander-
gehe. Diese Tatsache konnte Petersburg vollauf befriedigen,
trotz der Einschränkung des englischen Ministers, er könne Ruß-
land nur „diplomatisches" Vorgehen versprechen. Benckendorff
berichtete ebenfalls über dies Gespräch. Sein Telegramm schloß
mit den Worten: „Die Zuversicht Berlins und Wiens in bezug auf
die Neutralität Englands hat keinen Grund mehr."
     Jeder Zweifel, ob Frankreich und damit Rußland im Kriegs-
falle auf Englands Unterstützung rechnen könne, war jedenfalls
am 29. Juli bereits behoben. Das Blaubuch (Nr. 87) gibt an,
daß Grey an diesem Tage dem französischen Botschafter erklärte,
er beabsichtige, die deutsche Regierung zu warnen, daß England
nicht bei Seite stehen würde, wenn es zum Kriege kommen sollte.
Frankreich gegenüber behalte er sich jedoch die Entscheidung
über das Eingreifen Englands noch vor. Diese Erklärung an
Deutschland konnte jedenfalls für die Zwecke des Zweibundes
vollauf genügen. Der französische Botschafter antwortete daher,
Grey habe „die Lage sehr deutlich auseinandergesetzt".
     Der Umschwung in der ursprünglichen Haltung Englands,
die Entschlüsse, die es angesichts der drohenden Kriegsgefahr
gefaßt hatte, und die Rückwirkung dieser Stellungnahme in Ruß-
land sind nicht verborgen geblieben. Der belgische Geschäfts-
träger in Petersburg berichtete am 30. Juli:
     „England gab anfänglich zu verstehen, daß es sich nicht in einen Konflikt
hineinziehen lassen werde. Sir George Buchanan sprach das offen aus. Heute
aber ist man in St. Petersburg fest davon überzeugt, ja, man hat sogar die Zu-
sicherung, daß England Frankreich beistehen wird. Dieser Beistand fällt
ganz außerordentlich ins Gewicht und hat nicht wenig dazu beigetragen, der
Kriegspartei Oberwasser zu verschaffen." (Norddeutsche Allgemeine Zeitung
vom 12. September 1914.)
     Der Entschluß zur allgemeinen Mobilmachung, die nur den
Zweck haben konnte, den Krieg mit Deutschland herbeizuführen,
war gefaßt worden, als die Gewißeit bestand, daß England an
der Seite Frankreichs und Rußlands eingreifen werde. Das hat
auch der Petersburger Reuter-Korrespondent erkannt, der am
30. Juli telegraphierte:
     „Das Auslaufen der englischen Flotte aus Portland hat einen ungeheuren
Eindruck hervorgerufen und hat, in Verbindung mit den friedlichen Versiche-
rungen Japans, den festen Entschluß Rußlands, es auf eine kriegerische Ent-
scheidung ankommen zu lassen, mehr als bekräftigt."
     Die Würfel waren gefallen. Die Schwankungen in der Haltung
Englands während der folgenden Tage sind nur auf innerpolitische
Gründe und taktische Erwägungen zurückzuführen.