3. Die russische Gesamtmobilmachung

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WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > V. Die deutsch-russische Krise > 3. Die russische Gesamtmobilmachung

     Am 29. Juli mittags teilte Sasonow dem deutschen Bot-
schafter mit, daß die russische Mobilmachung gegen Österreich-
Ungarn beschlossen sei und in wenigen Stunden veröffentlicht
werden solle. Der Botschafter bezeichnete diesen Schritt als für
den Frieden äußerst gefährlich und wies, wie er dies schon wieder-
holt an den vorhergehenden Tagen getan hatte, darauf hin, daß
die Mobilmachung gegen Österreich-Ungarn sich auch gegen
Deutschland richte, da Deutschlands vertragsmäßige Verpflich-
tungen gegen diese Macht allgemein bekannt seien (Weißbuch
Nr. 343).
     Noch am gleichen Tage wurde jedoch die Gesamtmobilmachung
beschlossen*). Mit dem Befehl des Zaren in der Tasche, versicherte
der russische Generalstabschef um 3 Uhr nachmittags dem deut-
schen Militärattache, in den militärischen Vorkehrungen Ruß-
lands sei keine Änderung eingetreten. Nirgends sei bisher eine
Mobilmachung erfolgt und werde auch an den deutschen
Grenzen nicht beabsichtigt (Weißbuch Nr. 370).
     Abends zwischen 6 und 7 Uhr warnte der deutsche Botschafter
gemäß dem Telegramm vom selben Tage (Weißbuch Nr. 342)
erneut vor den Folgen einer Mobilmachung (Weißbuch Nr. 378).
Sasonow hat diese Mitteilung sehr erregt entgegengenommen
und sie, obwohl ihr Inhalt genau mit den früheren Warnungen
übereinstimmte, als Drohung ausgelegt, die er als Rechtfertigung
der bereits beschlossenen Mobilmachung gegen Deutschland zu
benutzen suchte. Er telegraphierte nach Paris und London:

     „Der deutsche Botschafter erklärte mir heute den Beschluß seiner Re-
gierung, die eigene Mobilisierung durchzuführen, wenn Rußland die von ihm
betriebenen militärischen Vorbereitungen nicht einstellt. Indessen sind diese
von uns nur infolge der bereits stattgefundenen Mobilisation von acht Korps
in Österreich und infolge der offenbaren Unlust des letzteren, auf irgendwelche
Weise der friedlichen Beilegung des eigenen Streites mit Serbien zuzustimmen,
vorgenommen worden.
     Da wir den Wunsch Deutschlands nicht erfüllen können, bleibt es uns
nur übrig, unsere Bewaffnung zu beschleunigen und mit der
wahrscheinlichen Unvermeidlichkeit des Krieges zu
rechnen. Wollen Sie die französische Regierung davon in Kenntnis setzen
und ihr gleichzeitig unseren aufrichtigen Dank aussprechen für die mir gegen-
über im Namen der französischen Regierung erfolgte Erklärung
des französischen Botschafters, daß wir im vollen
Maße auf die Unterstützung des verbündeten Frank-
reichs rechnen können. Unter den gegenwärtigen Umständen ist
diese Erklärung für uns besonders wertvoll. Es wäre äußerst wünschens-
wert, daß auch England, ohne Zeit zu verlieren,
sich Frankreich und Rußland anschließt, denn nur auf
diese Weise wird es ihm gelingen, die gefährliche Störung des europäischen
Gleichgewichts abzuwenden." (Prawda Nr. 7 vom 9. 3. 1919, Orangebuch
Nr. 58.)
     Ebenso wie er den Verbündeten gegenüber den Sachverhalt
fälschte, um den Eintritt des Bündnisfalles auch formell herbei-
zuführen, gab Sasonow dem Zaren eine falsche Darstellung der
Erklärung des deutschen Botschafters. Dies geht deutlich aus
dem Telegramm des Zaren an den Kaiser vom 29. Juli abends
hervor, in dem es heißt: „Danke für Dein versöhnliches und
freundschaftliches Telegramm. Dagegen war die heute von Deinem
Botschafter meinem Minister übergebene offizielle Mitteilung in
einem ganz anderen Tone gehalten." (Weißbuch Nr. 366.) Der
Unterschied bestand lediglich in der Auslegung Sasonows, nicht
im Wortlaut der Telegramme. Denn abgesehen davon, daß dienst-
liche Telegramme naturgemäß anders stilisiert werden als persön-
liche Mitteilungen regierender Herrscher, besteht kein Wider-
spruch zwischen der Warnung, „daß weiteres Fortschreiten der
russischen Mobilmachungsmaßnahmen Deutschland zur Mobil-
machung zwingen würde, und daß dann der europäische Krieg
kaum noch aufzuhalten sein werde", und den Worten Kaiser
Wilhelms: „Natürlich würden militärische Maßnahmen von selten
Rußlands, die Österreich als Drohung ansehen würde, ein Unheil
beschleunigen, das wir beide zu vermeiden wünschen, und meine
Stellung als Vermittler gefährden. . . . Das Telegramm des Kaisers
enthält sogar eine weitergehende Mahnung als das des Kanzlers.

Der Zar ist anscheinend von Anfang der Krise an zum Kriege
gedrängt worden. Bereits am 29. Juli telegraphierte er dem
Kaiser: „Ich sehe voraus, daß ich sehr bald dem auf mich aus-
geübten Druck erliegen und gezwungen sein werde, äußerste Maß-
nahmen zu ergreifen, die zum Kriege führen werden." (Weiß-
buch Nr. 332.) Noch am gleichen Tage erlag er dem Druck und
genehmigte die Gesamtmobilmachung. Abends ging das Tele-
gramm ein, in dem der Kaiser erklärte, daß er den Wunsch des
Zaren nach Erhaltung des Friedens teile, und daß die deutsche
Regierung ihre Bemühungen fortsetze, eine direkte Verständigung
zwischen Petersburg und Wien zu fördern (Weißbuch Nr. 359). Die
Wirkung dieses „versöhnlichen und freundschaftlichen Telegramms"
auf den Zaren ist aus den Verhandlungen des Suchomlinow-
prozesses bekannt. Der Zar rief in der Nacht vom 29. zum 30. Juli
sowohl den Kriegsminister wie auch den Generalstabschef tele-
phonisch an und befahl, die allgemeine Mobilmachung rück-
gängig zu machen und es bei der Teilmobilmachung gegen Öster-
reich-Ungarn bewenden zu lassen. Die beiden Generäle beschlossen,
diesem Befehl nicht Folge zu leisten. Zusammen mit Sasonow
stimmten sie am folgenden Tage den Zaren um, und die Gesamt-
mobilmachung nahm ihren Fortgang. Der russische General-
adjutant Fürst Trubetzkoi erklärte am 30. Juli dem General von
Chelius, das Telegramm des Kaisers habe einen tiefen Eindruck
auf den Zaren gemacht, aber dieser könne leider nichts mehr
ändern, denn die Mobilisierung gegen Österreich sei bereits be-
fohlen worden, und Sasonow habe wohl den Zaren überzeugt,
daß ein Zurückweichen nicht mehr möglich sei (Weißbuch Nr. 445).
Doch sagte er nichts von einer allgemeinen Mobilmachung. Pourta-
les berichtete ebenfalls am 30. Juli, „daß das Telegramm des Kaisers
seine Wirkung auf den Zaren nicht verfehlt habe, daß aber Sasonow
eifrig bemüht sei, daran zu arbeiten, daß der Zar fest bleibe".
(Weißbuch Nr. 401.) Die Gesamtmobilmachung wurde den
30. Juli über geheim gehalten. Sasonow verhandelte mit dem
deutschen Botschafter über die Vermittlung in Wien und stellte
die bekannte Formel auf, die in ihrer Anmaßung bereits von den
Entschlüssen zeugte, die jede Vermittlungstätigkeit vereiteln
sollten. Die allgemeine Mobilmachung verschwieg er.

Diese Geheimhaltung des Mobilmachungsbeschlusses ist viel-
leicht auf den Rat Vivianis vom 30. Juli zurückzuführen, „bei
den Vorsichts- und Verteidigungsmaßnahmen unmittelbar keinerlei

Anordnungen zu treffen, die Deutschland einen Vorwand zu einer
ganzen oder teilweisen Mobilmachung seiner Kräfte bieten würde".
(Gelbbuch Nr. 101.) Im gleichen Sinne berichtete Iswolski unter
Nr. 210, ebenfalls am 30. Juli:

„Margerit, den ich eben gesprochen habe, sagte mir, die französische
Regierung, die sich keineswegs in unsere militärischen Vorbereitungen ein-
mischen will, würde in Anbetracht der fortgesetzten Verhandlungen wegen
Wahrung des Friedens es für äußerst wünschenswert halten, daß diese
Vorbereitungen einen möglichst wenig offenen und
herausfordernden Charakter tragen. Der Kriegsminister, der
denselben Gedanken entwickelte, sagte seinerseits Graf Ignatjew (dem russischen
Militärattache), wir könnten erklären, daß wir im höchsten Interesse des Friedens
bereit seien, die Mobilisationsmaßnahmen zeitweilig zu verlangsamen, was uns
nicht hindern würde, die militärischen Vorbereitungen fort-
zusetzen und sie sogar zu verstärken, indem wir uns nach
Möglichkeit der Massentruppentransporte enthalten. Um Ql'o Uhr findet eine
Ministerberatung unter Vorsitz Poincarés statt, nach der ich sofort mit Viviani
zusammenkommen werde". (Prawda Nr. 7 vom 9. 3. 1919.)

Dieser Freundesrat blieb aber unbeachtet. Am 31. Juli früh
prangten die Mobilmachungsanschläge an allen Straßenecken
Petersburgs. Jeder Zweifel war nunmehr ausgeschlossen, und
der deutsche Botschafter meldete die Tatsache der allgemeinen
Mobilmachung nach Berlin (Weißbuch Nr. 473). Zugleich unter-
nahm er von sich aus Schritte, um die Rückgängigmachung dieses
verhängnisvollen Befehls zu erwirken (Weißbuch Nr. 535, 539).
Diese Schritte hatten keinen Erfolg.

Die russische Regierung suchte auch jetzt noch die Tatsache
der Gesamtmobilmachung im Ausland geheim zu halten, ver-
mutlich, um die deutschen Gegenmaßnahmen als Provokation
hinstellen zu können, wie dies in Frankreich mit Erfolg geschehen
ist. Asquith erklärte am 31. Juli im Unterhaus: „Wir haben soeben,
nicht aus Petersburg, sondern aus Deutschland erfahren, daß
Rußland eine allgemeine Mobilmachung seines Heeres und seiner
Flotte verkündet hat." (Weißbuch Nr. 576; vgl. auch Nr. 518.)
Sogar der russische Botschafter in Berlin war ohne Nachricht
(2. belg. Graubuch Nr. 20). Nur in Paris wußte man Bescheid.
Abends um 7 Uhr erklärte zwar die französische Regierung, noch
keine Kenntnis der Mobilmachung zu haben (Weißbuch Nr. 528,
Gelbbuch Nr. 117). Aber diese Angabe war erlogen. Denn Is-
wolski hat am 31. Juli berichtet, am Morgen sei ein Telegramm
von Paleologue eingetroffen, „das die volle Mobilisation der russi-
schen Armee ohne jede Ausnahme bestätigt". (Prawda Nr. 7,
vom 9. 3. 1919.)

Von den zahlreich einlaufenden Mobilmachungsmeldungen.
der Botschaft und der Konsulate in Rußland abgesehen, war die
deutsche Regierung auf die russische Gesamtmobilmachung nicht
vorbereitet. Der Kaiser äußerte am 1. August zum österreichisch-
ungarischen Legationsrat Graf Larisch, „daß die Tatsache der
allgemeinen Mobilmachung Rußlands ihn vollkommen überrascht
hätte". (Rotbuch 1919, III, Nr. 84.) Sasonow hat niemals
von dieser Möglichkeit gesprochen. Russischerseits war vielmehr
wiederholt versichert worden, daß eine Mobilmachung gegen
Deutschland nicht in Frage komme. Diese Tatsache ist wesent-
lich zur Beurteilung der russischen Absichten, und zweifellos wird
man damals in Berlin gerade aus der Unaufrichtigkeit dieser Er-
klärungen den Kriegswillen Rußlands gefolgert haben.

Die deutsche Regierung wurde durch die allgemeine Mobil-
machung in Rußland vor eine schwere Entscheidung gestellt.
Nicht nur Rußland hatte mobilisiert, auch in Frankreich waren
die Kriegsvorbereitungen weit vorgeschritten. Deutschland hatte
seinerseits lediglich Maßnahmen vorbeugender Art getroffen.
Es waren (am 29. Juli) die Truppen von den Übungsplätzen in ihre
Garnisonen zurückbeordert und die Urlauber zurückberufen worden.
Am 30. Juli wurde mit der Aufstellung des Grenzschutzes be-
gonnen. Keinerlei Mobilmachungsbefehl war ergangen. Nun-
mehr wurde, am 31. Juli mittags, „Drohende Kriegsgefahr" ver-
kündet und Rußland in einem mit zwölf Stunden befristeten Ulti-
matum aufgefordert, seine Kriegsmaßnahmen einzustellen (Weiß-
buch Nr. 490). Es erschien notwendig, von der russischen Re-
gierung hierbei auch die Einstellung der gegen Österreich-Ungarn
getroffenen Maßnahmen zu verlangen, um der Antwort vorzu-
beugen, die Mobilmachung sei lediglich gegen Österreich gerichtet
(Jagow zu Goschen, Blaubuch Nr. 121). Da aus Petersburg keiner-
lei Antwort einging, wurde der deutsche Botschafter am 1. August
angewiesen, den Krieg zu erklären (Weißbuch Nr. 542). Diesen
Auftrag führte er am 1. August, 7 Uhr abends, aus (Weißbuch
Nr. 588, Orangebuch Nr. 76).

Es hat niemals irgendein Zweifel darüber bestehen können,
daß die Gesamtmobilmachung der russischen Armee den Krieg
mit Deutschland bedeuten würde. Auch im Lager unserer Gegner
urteilte man nicht anders.

Nach dem französischen Gelbbuch über die französisch-
russische Allianz (Nr. 71) erklärte der französische General Bois-
deffre am 18. August 1892 bei den Verhandlungen über die Militär-
konvention dem Zaren Alexander III., daß die Mobilmachung
der Kriegserklärung gleichkomme. Mobilisieren heiße, seinen
Gegner zwingen, das gleiche zu tun. Die Mobilmachung habe
die Ausführung der strategischen Transporte und der Truppen-
zusammenziehungen zur Folge. Eine Million Mann an seiner
Grenze mobilisieren lassen, ohne gleichzeitig dasselbe zu tun,
hieße, sich jeder Möglichkeit der Sicherung begeben. Es hieße,
sich in die Lage eines Menschen zu versetzen, der mit einer Pistole
in der Tasche sich die seines Nachbarn an die Stirn drücken ließe,
ohne die seine hervorzuziehen. Der Zar Alexander pflichtete dieser
Auffassung bei.

Der Aufmarsch der zahlenmäßig weit überlegenen russischen
Streitkräfte bedeutete eine Bedrohung, welche die deutsche Re-
gierung niemals und unter keinen Umständen untätig mit-
ansehen konnte. Es mußten in solchem Falle unbedingt Gegen-
maßregeln getroffen werden, und diese Gegenmaßregeln konnten
nur in einem kriegerischen Vorgehen bestehen. Denn, wie der
ganzen Welt bekannt war, lag die Überlegenheit der deutschen
Armee in ihrer größeren Beweglichkeit. Die Sicherheit des Reiches
beruhte auf der schnellen Mobilmachung. Die Aussicht der deut-
schen Truppen, den Millionenheeren des Zaren erfolgreich zu
begegnen, begründete sich mit der Möglichkeit, sie nach rascher
vollzogenem Aufmarsch zu schlagen, ehe sie vollständig zusammen-
gezogen waren. Dies wußte alle Welt.

Rußland war es bekannt. Um Deutschland gegenüber einen
möglichst großen Vorsprung zu gewinnen, wurde die Tatsache
der Mobilmachung zunächst ängstlich geheim gehalten. Die
diplomatischen Verhandlungen scheinen zum sehr großen Teil
den Zweck verfolgt zu haben, die militärischen Vorbereitungen
Rußlands zu verschleiern. Dementsprechend heißt es in dem
„Protokoll einer besonderen Beratung über die vorbereitenden
Kriegsarbeiten bezüglich Organisation des rückwärtigen Dienstes
an der Südwestfront gemäß Plan A", Petersburg, den 8. No-
vember 1912:

„Es ist unbedingt erforderlich, daß die Anordnung, die Verkündung
der Mobilmachung sei auch die Verkündung des Krieges, geändert wird. Eine
solche Anordnung kann zu schweren Mißverständnissen in den Beziehungen
zu denjenigen Mächten führen, mit denen auf Grund dieser oder jener politischen
Umstände Krieg oder die Eröffnung der Feindseligkeiten, wenigstens nicht
gleich von Anfang an, beabsichtigt ist.

Andererseits kann es sich als vorteilhaft erweisen, den Aufmarsch zu
vollziehen, ohne die Feindseligkeiten zu beginnen, damit dem Gegner nicht
unwiederbringlich die Hoffnung genommen wird, der Krieg könne noch ver-
mieden werden. Unsere Maßnahmen müssen hierbei durch diplomatische
Scheinverhandlungen maskiert werden, um die Befürchtungen des
Gegners möglichst einzuschläfern.

Wenn solche Maßnahmen die Möglichkeit geben, einige Tage zu gewinnen,
so müssen sie unbedingt ergriffen werden." („Rußlands Mobilmachung für
den Weltkrieg," Anlage 5.)

In Frankreich haben sich Politiker und Militärschriftsteller
seit Begründung des Zweibundes mit jener Frage beschäftigt,
und Milliarden französischen Geldes sind allein zu dem Zwecke
verausgabt worden, die russische Mobilmachung zu beschleunigen.

In England war man sich über diese Lage der Dinge nicht
weniger im klaren. Der englische Botschafter hat, wie bereits
erwähnt, am 25. Juli Sasonow die ernste Hoffnung ausgesprochen,
Rußland werde nicht durch Mobilisierung den Krieg beschleunigen.
Er warnte ihn, wie das Blaubuch (Nr. 17) angibt, daß, wenn Ruß-
land mobilisiere, Deutschland nicht mit bloßer Mobilisierung
zufrieden sein, noch Rußland Zeit lassen werde, die seinige aus-
zuführen, sondern wahrscheinlich sogleich den Krieg erklären werde.

Die deutsche Regierung hat über ihre Haltung im Falle
einer russischen Mobilmachung von Anfang an keinen Zweifel
gelassen und frühzeitig darauf hingewiesen, daß eine derartige
Bedrohung der Sicherheit des Reiches nicht nur allen Verhand-
lungen ein Ende bereiten, sondern auch unabwendbar zum Kriege
führen müsse. Auf die ersten sicheren Nachrichten von russischen
Kriegsvorbereitungen an der deutschen Grenze hin hat der Reichs-
kanzler den Botschaftern in Petersburg, Paris und London am
26. Juli jene inhaltlich gleichlautenden Telegramme gesandt
(Weißbuch Nr. 198, 199, 200), in denen er auf die ernsten Folgen
hinwies, die ein derartiges Vorgehen haben müsse. Frankreich
und England wurden gebeten, einen beruhigenden Einfluß auf
Rußland auszuüben. In einem weiteren Telegramm nach Peters-
burg vom gleichen Tage heißt es wörtlich : „D i e M o b i l i -
sierung aber bedeutet den Krie g." (Weißbuch
Nr. 219.)

Als am 31, Juli die Meldung des deutschen Botschafters
einlief, daß in Rußland die allgemeine Mobilmachung angeordnet
sei, hat Deutschland weder sofort seinerseits mobilisiert, noch
sogleich den Krieg erklärt. Die deutsche Regierung sah sich aber
genötigt, „Drohende Kriegsgefahr" zu verkünden und in Form
eines Ultimatums Einstellung der militärischen Maßnahmen zu
verlangen. Die russische Regierung ließ diese Aufforderung un-
beantwortet. Sasonow erklärte dem deutschen Botschafter,
die Mobilmachung könne nicht mehr aufgehalten werden (Weiß-
buch Nr, 536). Das gleiche sagte der Zar in seinem Telegramm
vom 31. Juli (Weißbuch Nr. 487). Am 1. August telegraphierte
er dem Kaiser: „Ich verstehe, daß Du gezwungen bist, mobil zu
machen." (Weißbuch Nr. 546.) Auch ein letzter Versuch des
Botschafters, den Zaren zur Abwendung des Krieges zu bewegen,
blieb vergebens.

An Rußlands Willen, den Weltkrieg herbeizuführen,
konnte mit dem Augenblick kein Zweifel mehr bestehen, wo die
Petersburger Regierung sich zur allgemeinen Mobilmachung
entschloß. Diese Absicht bestätigt auch ein Telegramm Sasonows
nach London vom 2. August 1914, in dem er seinen Schritt zu
rechtfertigen suchte. Er telegraphierte:

„Deutschland ist offen bemüht, die Verantwortung für den Bruch auf
uns zu schieben. Unsere allgemeine Mobilmachung ist durch die riesige Ver-
antwortung hervorgerufen, die auf uns fallen würde, wenn wir nicht alle Vor-
sichtsmaßregeln treffen würden, während Österreich, sich auf Verhandlungen,
die den Charakter des Aufschubs trugen, beschränkend, Belgrad bombardiert.
Der Zar verpflichtete sich durch das Wort vor dem deutschen Kaiser, daß
er keine herausfordernden Handlungen unternehmen werde, solange die Ver-
handlungen mit Österreich fortgesetzt werden. Nach einer solchen Bürgschaft
und nach allen Friedensbeweisen Rußlands hatte Deutschland gar kein Recht
und konnte nicht unsere Behauptung bezweifeln, daß wir mit Freude jede
friedliche Lösung, die mit der Würde und der Unabhängigkeit Serbiens vereinbar
ist, annehmen würden. Ein andererAuswegwäremit unserer
eigenen Würde gänzlich unvereinbar und würde
natürlich das europäische Gleichgewicht durch Be-
festigung der Hegemonie Deutschlands erschüttern.
Dieser europäische und Weltcharakter des Konfliktes
ist unendlich wichtiger als der Anlaß, der ihn ge-
schaffen ha t." (Prawda Nr. 7 vom 9. März 1909.)

Weil Rußland in erster Linie die Prestigefrage im Auge hatte,
wollte es nicht die Tage und Stunden warten, die eine diplomatische
Lösung des Konfliktes ermöglicht hätten !

Das vom Zaren in seinem Telegramm vom 31. Juli (Weiß-
buch Nr. 487) gegebene Ehrenwort, die russischen Truppen würden
keine herausfordernde Aktion unternehmen, solange die Verhand-
lungen mit Österreich-Ungarn andauerten, konnte den bedroh-
lichen Charakter der russischen Mobilmachung in keiner Weise
verringern. Denn es hätte ja ganz in Rußlands Hand gelegen,
diese Verhandlungen zum Scheitern zu bringen, sobald seine
gewaltigen Heere fertig aufmarschiert waren, und dann mit er-
drückender Übermacht in Deutschland einzufallen. Bethmann
Hollweg telegraphierte am 31. Juli nach London:

„Eine russische mobilisierte Armee an unserer Grenze, ohne daß wir
mobilisiert haben, ist auch ohne ,provocative action' eine Lebensgefahr für
uns. Die Provokation, deren sich Rußland dadurch schuldig gemacht hat,
daß es in einem Augenblick gegen uns mobilisiert hat, wo wir auf seine Bitten
in Wien vermittelten, ist überdies so stark, daß kein Deutscher es verstehen
würde, wenn wir dagegen nicht mit scharfen Maßregeln antworteten." (Weiß-
buch Nr. 529.)

Am 2. August telegraphierte er:

„Widerspruch zwischen den nicht anzuzweifelnden Erklärungen des
Zaren und Handlungen seiner Regierung im ganzen Verlauf der Krisis so offen-
kundig, und Haltung der Regierung trotz entgegenstehender Versicherungen
faktisch so unfreundlich, daß wir uns trotz Versicherung Zaren durch Ge-
samtmobilmachung schwer provoziert fühlen mußten." (Weißbuch Nr. 696.)

Die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Mobilmachung be-
deutete bereits für unsere Verbündeten eine sehr ernste Gefahr.
Bei einer solchen teilweisen Mobilmachung hätte Rußland aber
mit dem Angriff zögern müssen, solange es nicht gegen Deutsch-
land gerüstet war, da es wußte, daß Deutschland in solchem
Falle mobilisieren und seinem Bundesgenossen zu Hilfe kommen
würde. Eine derartige Rückversicherung bestand für das Reich
nicht, sowie die russische Mobilmachung allgemein war. Deshalb
sind auch alle Vergleiche mit der russischen und österreichisch-
ungarischen Mobilisation im Jahre 1912 hinfällig. Keine Groß-
macht stand bereit, für Deutschland ins Feld zu ziehen, wenn die
russischen Heere sich in Marsch setzten, während im Gegenteil
andere Mächte auf diesen Augenblick warteten, um ebenfalls über
uns herzufallen. Deshalb konnte das Versprechen des Zaren
Deutschland keine Sicherheit bieten. Es bedurfte auch nicht
erst der Enthüllungen des Suchomlinowprozesses, um zu zeigen,
wie wenig damals das Wort des Zaren in Rußland galt. Denn,
obwohl Kaiser Wilhelm am 1. August in seinem letzten Telegramm
an den Zaren (Weißbuch Nr. 600) diesen dringend bat, seine
Truppen anzuweisen, auf keinen Fall die deutsche Grenze zu ver-
letzen, fielen noch am selben Tage russische Abteilungen in deut-
sches Gebiet ein. (Weißbuch Nr. 629, 662, 664.)

Im übrigen mag das Wort regierender Herrscher in jenen
Tagen in Berlin niedrig im Kurse gestanden haben, nachdem sich
die Zusage des Königs von England an Prinz Heinrich, England
werde sich in einem europäischen Konflikt neutral verhalten
(Weißbuch Nr. 207, 374), als gänzlich wertlos erwiesen hatte,
Kaiser Wilhelm zum mindesten scheint das Wort König Georgs
ernst genommen zu haben (Weißbuch Nr. 474; siehe auch seine
Aufzeichnung für den amerikanischen Botschafter vom 10. August
1914).

Rußlands allgemeine Mobilmachung bedeutete den Krieg,
und zwar den Weltkrieg, denn an dem Eingreifen Frankreichs
bestand kein Zweifel. Auch über die Haltung Englands war man
sich in Berlin offenbar im klaren, trotz der widerspruchsvollen
Berichterstattung Lichnowskys. Von den Versuchen abgesehen,
den Krieg auf Rußland zu beschränken, sind daher alle politischen
Handlungen vom 31. Juli mittags an als Kriegsmaßnahmen an-
zusprechen, bzw, als Versuche, die bestmöglichen Vorbedingungen
für den bevorstehenden Kampf zu schaffen. Unter der Wirkung
der ungeheuren Erregung und der beginnenden Kriegspsychose
ist dann manches geschehen, das befremden muß und sicherlich
besser unterblieben wäre.

Die Auseinandersetzung mit Frankreich und der Versuch,
England wenigstens vorläufig neutral zu erhalten, werden weiter
unten zu behandeln sein. Die nächsten Aufgaben der politischen
Leitung waren, sich mit den Verbündeten zu verständigen, wenn
möglich, neue Bundesgenossen zu werben und neutrale Staaten
zu einer wohlwollenden Haltung zu bewegen. Die weitere Auf-
gabe, Deutschlands Recht auf Selbstverteidigung der öffentlichen
Meinung der Welt gegenüber zu vertreten und den Charakter des
Krieges als Defensivkrieg vor der Geschichte zu dokumentieren,
ist nicht genügend berücksichtigt und jedenfalls nicht mit Erfolg
gelöst worden.

Es scheint zunächst eine gewisse Besorgnis geherrscht zu
haben, ob Österreich-Ungarn auch sofort seine Haupt-
kräfte gegen Rußland einsetzen und den Aufmarsch gegen Serbien
abbrechen werde (Weißbuch Nr. 503, 627). Bereits am 29. Juli
war in Berlin eine Verbalnote übergeben worden, in der es heißt:
„Der Chef des k. und k. Generalstabs hält es nun für unbedingt
geboten, ohne Verzug Klarheit darüber zu gewinnen, ob wir mit
starken Kräften gegen Serbien marschieren können oder unsere
Hauptmacht gegen Rußland zu verwenden haben werden."
(Weißbuch Nr. 352.) In Berlin hoffte man aber bis zuletzt auf
einen günstigen Ausgang der Vermittlungsaktion und ging auf
die Frage des Generals von Conrad nicht ein. Hieraus entstand
bei Kriegsausbruch ein gewisses Dilemma. Auch ist die späte
Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Rußland (5. August, Weiß-
buch Nr. 878, 879) auf den Wunsch zurückzuführen, die nun-
mehr recht verwickelte Mobilmachung ungestört durchführen
zu können (Weißbuch Nr. 772). Russischerseits herrschte übrigens
das gleiche Bestreben (Weißbuch Nr. 704).

Obwohl die Haltung Italiens nicht zweifelhaft sein
konnte, wurde von Berlin aus der Appell an die Bundestreue
immer wieder erneuert (Weißbuch Nr. 492, 628, 694). Auch wurde
der Flügeladjutant von Kleist entsandt, um insbesondere auf den
König einzuwirken (Weißbuch Nr. 745, 771, 850). Ob Italien
überhaupt in der Lage gewesen wäre, seinen Vertragspflichten
nachzukommen, erscheint zweifelhaft. Sicher ist, daß das hart-
näckige Festhalten des Wiener Kabinetts an seiner verfehlten
Auslegung des Art. VII des Dreibundvertrages jede Möglichkeit
ausschloß. Die italienische Regierung hat bereits frühzeitig
darauf hingewiesen, daß ihre Auffassung darüber, ob der Bündnis-
fall gegeben sei oder nicht, von der Frage der Kompensationen
abhängig sein werde (Weißbuch Nr. 150). Österreich-Ungarns
Hartnäckigkeit und seine Abneigung gegen den erpresserischen
Verbündeten ließ alle deutschen Bemühungen scheitern.

Auch darüber bestand kein Zweifel, daß Rumänien
seinen Bündnisverpflichtungen nicht nachkommen werde. Trotz-
dem wurde alles versucht, die rumänische Regierung zum Ein-
greifen zu veranlassen. Um ihr dies zu ermöglichen, wurde Bul-
garien zu bindenden Erklärungen über seine Haltung gedrängt
(Weißbuch Nr. 544, 549, 729). Man verstieg sich auch zu einem
Angebot Bessarabiens als Belohnung für erfüllte Bundespflicht
(Weißbuch Nr. 506, 830). In Anbetracht der intimen Beziehungen
zwischen Rom und Bukarest war aber nicht daran zu denken,
daß Rumänien eine andere Haltung einnehmen werde, als Italien
(Weißbuch Nr. 868).

Die noch schwebenden Verhandlungen über ein Bündnis
mit der Türkei wurden sofort zum Abschluß gebracht (Weiß-
buch Nr. 508, 547, 726). Auch der Vertragsschluß mit Bul-
garien wurde beschleunigt (Weißbuch Nr. 673, 697).

Von Dänemark wurde nichts anderes als eine neutrale
Haltung erwartet (Weißbuch Nr. 494) ; ebenso von Holland
(Weißbuch Nr. 674) und der Schweiz (Weißbuch Nr. 500).
Dagegen scheint man mit der Möglichkeit gerechnet zu haben,
daß Schweden in den Krieg eingreifen könnte (Weißbuch
Nr. 123, 319, 406, 520). In der Mitteilung nach Stockholm, daß
Finnland von russischen Truppen entblößt sei (Weißbuch Nr. 552),
liegt die Aufforderung versteckt, sich dieser ehemals schwedischen
Provinz zu bemächtigen. Es bedarf keiner Ausführung, wie aus-
sichtslos ein derartiges Vorgehen war. Cooperation im Kriegs-
falle ist nur nach gründlichen politischen und militärischen Vor-
bereitungen denkbar. An solchen Vorbereitungen für den Welt-
krieg hat es jedoch deutscherseits ganz gefehlt.

Die Aussichtslosigkeit allein hielt aber die Berliner Regierung
nicht vom Versuch ab, hat sie doch sogar Japan aufgefordert,
„in richtiger Würdigung des großen Momentes die gegebenen Kon-
sequenzen zu ziehen" (Weißbuch Nr. 545). In Wien wollte man
bereits am 23. Juli (!) Tokio „auf die sich bietende günstige Ge-
legenheit" aufmerksam machen (Rotbuch 1919, I, Nr. 70).

Die Festsetzung des Termins für die Mobilmachung muß als
rein militärische Frage angesehen werden. Ursprünglich wurde
anscheinend der 2. August als erster Mobilmachungstag in Aus-
sicht genommen (Weißbuch Nr, 479). Weshalb dieser Beschluß
geändert worden ist, geht aus dem Weißbuch nicht hervor.

Daß nach der Kriegserklärung der Generalstab ausgiebig
zu Worte kam, ist nur natürlich. Die Vorschläge, die er an-
brachte, sind aber zum Teil sehr befremdlich. Der Gedanke an
eine Revolutionierung Indiens, Ägyptens, Südafrikas, Polens und
des Kaukasus mutet wie ein schlechter Roman an (Weißbuch

Nr. 662, 751, 876). Das Weißbuch gibt nur einige Beispiele des
planlosen Vorgehens militärischer Stellen, wie die Absicht der
„Verhaftung verschiedener hoher luxemburgischer Beamter"
(Weißbuch Nr. 684) und des geplanten Vorgehens des Oberkom-
mandos in den Marken gegen die französische Botschaft (Weiß-
buch Nr. 721). Man kann nur sagen : „Wehe, wenn sie losgelassen !"
Andererseits ist diese Planlosigkeit und das Fehlen eines engen
Zusammenhanges zwischen politischer und militärischer Leitung
ein weiterer Beweis dafür, daß der Krieg nicht langer Hand vor-
bereitet, also auch nicht gewollt war.

Daß die Verletzung der luxemburgischen und belgischen
Neutralität nur aus militärischen Gründen erfolgte, geht aus dem
Weißbuch einwandfrei hervor. Hierüber abschließend zu ur-
teilen, wird erst möglich sein, wenn die Geschichte des Schlieffen-
planes und seiner Behandlung bekannt wird. Man möchte an-
nehmen, daß eine genügende Verständigung zwischen der poli-
tischen Leitung und den militärischen Stellen nicht stattgefunden
hat. Denn es ist bekannt, daß 1914 ein anderer Kriegsplan, der
die Schonung der belgischen Neutralität vorgesehen hätte, gar
nicht vorhanden war (Rotbuch 1919, III, Nr. 114). Der deutschen
Regierung blieb also keine Wahl. Es fragt sich aber, ob sie nicht
bereits in früheren Jahren, zum mindesten seit Einführung der
schweren Mörser, dem vorbeugen konnte, daß sie im Kriegsfalle
gezwungen würde, eine Völkerrechtsverletzung zu begehen und
den Feldzug mit einem derartig unheilvollen Schritt zu beginnen.

Erfreulich ist immerhin, daß offenbar die politische Leitung
und die militärischen Stellen in dem Wunsche übereinstimmten,
Belgien die größtmögliche Schonung angedeihen zu lassen.


*) Rene Puaux: Les Etudes de la Guerre, Heft 2, S. 131. (Amtliche 

russische Mitteilung vom 5. 9. 1917.)