4. Englands Kriegserklärung an Deutschland

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WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > VII. Die Haltung Englands > 4. Englands Kriegserklärung an Deutschland

     Am 29. Juli erklärte Grey dem deutschen Botschafter, wenn
Deutschland und Frankreich in den Konflikt hineingezogen
würden, dann würde ,,die britische Regierung unter Umständen
sich zu schnellen Entschlüssen gedrängt sehen". (Weißbuch
Nr. 368, Blaubuch Nr. 89.) Der Sinn dieser Erklärung, England
werde Frankreich im Kriegsfall beistehen, war nicht mißzuver-
stehen. Die deutschen Bemühungen zur Erhaltung des Friedens
sind jedoch offensichtlich nicht wegen der Gefahr einer Verwicke-
lung mit England betrieben worden, sondern bezweckten, den
Krieg überhaupt zu vermeiden. Nachdem aber alle Versuche,
den Krieg mit Rußland zu verhindern, vereitelt waren, und auch
die letzte Aussicht, mit der Neutralität Frankreichs rechnen zu
können, zunichte geworden war, bemühte sich die deutsche Re-
gierung, wenigstens England zu einer neutralen Haltung zu be-
wegen, obwohl die Aussicht auf Erfolg von vornherein äußerst
gering war.
     Kriegsgrund für England mußten in erster Linie die Ab-
machungen mit Frankreich bilden und sein poli-
tisches Interesse, das eine Vernichtung Frankreichs nicht zu-
lassen konnte. Einen zweiten Grund bildete Englands besonderes
Interesse an B e l g i e n , dessen Neutralität im Falle eines deutsch-
französischen Krieges die Kriegführenden nicht vom Durchmarsch
abgehalten hätte.
     Diesen Gesichtspunkten entsprechend machte Bethmann
Hollweg am Abend des 29. Juli, als die russische Teilmobilmachung
die Lage äußerst bedrohlich gestaltet hatte, dem englischen Bot-
schafter ein Neutralitätsangebot. Er stellte der englischen Re-
gierung Sicherheiten dafür in Aussicht, daß Deutschland keine
Gebietserwerbungen auf Kosten Frankreichs erstrebe. Diese
Garantie sollte sich allerdings auf die französischen Kolonien
nicht erstrecken. Desgleichen sicherte er England die Achtung
der Neutralität und die Integrität der Niederlande, sowie die
Integrität Belgiens zu für den Fall, daß Deutschland zum Durch-
marsch durch Belgien gezwungen würde, vorausgesetzt, daß es
nicht gegen Deutschland Partei ergreife (Weißbuch Nr. 372, Blau-
buch Nr. 85). Dieses Neutralitätsangebot wurde von England
abgelehnt (Blaubuch Nr. 101, Weißbuch Nr. 497).
     Trotzdem hat die deutsche Regierung, als der Krieg ausbrach,
alle nur möglichen Schritte getan, um eine neutrale Haltung
Englands herbeizuführen. Sie hat sich am 1. August, wie oben
dargelegt, bereit erklärt, jeden Angriff auf Frankreich zu unter-
lassen, wenn England die französische Neutralität garantieren
würde. Am 3. August wies sie den Botschafter in London an,
zu erklären, daß deutscherseits eine Bedrohung der französischen
Nordküste nicht erfolgen werde, solange England neutral bliebe
(Weißbuch Nr. 714). Der Botschafter gab Grey noch am gleichen
Tage eine dementsprechende Versicherung ab (Weißbuch Nr. 764).
England ließ sich hiermit jedoch nicht zufriedenstellen. Es hatte
bereits am 2. August Frankreich den Schutz seiner Küsten und
Handelsschiffahrt zugesichert (Blaubuch Nr. 148, Weißbuch
Nr. 784) und war offensichtlich entschlossen, auch weitergehende
Waffenhilfe zu gewähren.
     Je geringer die Aussicht schien, daß Deutschland durch einen
Überfall auf Frankreich die Voraussetzungen für ein Eingreifen
Englands schaffen würde, desto mehr betonte Grey den belgischen
Kriegsgrund. Bereits in der Antwort auf das deutsche Neutrali-
tätsangebot hatte er am 30. Juli erklärt, daß England eine Ver-
ständigung über Belgien ablehnen müsse (Weißbuch Nr. 497,
Blaubuch Nr. 101). In der Folgezeit zeigte er sich unter dem Ein-
druck der russischen Mobilmachung und der Unvermeidlichkeit
des Krieges bestrebt, die belgische Frage als Kriegsanlaß in den
Vordergrund zu schieben. Nach Ansicht des deutschen General-
stabs war es nicht angängig, abzuwarten, ob und wann französische
oder französisch-englische Heere durch Belgien marschieren und
einen Stoß gegen die verwundbarste Stelle der deutschen West-
front führen würden. Die deutschen Heere mußten dem Gegner
unbedingt zuvorkommen. Aus diesem Grunde iconnte die deut-
sche Regierung auf die englische Anfrage vom 31. Juli (Weißbuch
Nr. 522, Blaubuch Nr. 114), ob Deutschland bereit sei, sich zur
Respektierung der belgischen Neutralität zu verpflichten, keine
Antwort geben (Blaubuch Nr, 122). England konnte Belgien
dadurch schützen, daß es die französische Neutralität gewähr-
leistete. Es hat diesen Weg nicht beschreiten wollen. England
war auch nicht bereit, die Achtung der belgischen Neutralität
dadurch zu sichern, daß es sich selbst zur Neutralität verpflichtete
(Weißbuch Nr. 596). Es wollte Frankreich unter allen Umständen
Waffenhilfe leisten. Deshalb hat am 1. August Grey es abgelehnt,
Bedingungen für die Neutralität Englands aufzustellen, auch als
ihm der deutsche Botschafter eine Garantie der Integrität Frank-
reichs und seiner Kolonien anbot (Blaubuch Nr. 123). Ängstlich
wartete man in London auf den Kriegsgrund, die Verletzung der
belgischen Neutralität, die es der englischen Regierung ermöglichen
sollte, die Erfüllung ihrer französischen Bündnispflichten vor dem
Parlament und vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Der bel-
gische Gesandte in London telegraphierte am 3. August:

     „Gesandtschaft hat größtes Interesse, Nachricht betreffend Neutralitäts-
verletzung zu erhalten. Auswärtiges Amt hat mich heute wiederholt zur Über-
mittlung diesbezüglicher Nachricht aufgefordert." (Deutsche Allgemeine
Zeitung vom 22. Mai 1919.)

     Die englische Regierung hat Deutschland am 4. August auf
Grund des Einmarsches in Belgien den Krieg erklärt. Tatsächlich
bestand jedoch bereits Kriegszustand zwischen Deutschland und
England, da England schon am 2. August den Schutz der fran-
zösischen Küste und Schiffahrt übernommen hatte.
     Wie schwierig es für England gewesen ist, den Krieg mit
Deutschland zu rechtfertigen, sieht man u. a. auch an den unge-
bührlich vielen Telegrammen des Blaubuches, die sich mit dem
Festhalten englischer Schiffe in deutschen Häfen befassen. Nicht
weniger als sechs Urkunden haben diese ganz nebensächliche
Frage zum Gegenstand. Die englische Hoffnung auf eine deutsche
Provokation ging aber nicht in Erfüllung. Die deutsche Marine
wurde ängstlich zurückgehalten. So blieb schließlich nur Belgien
als Kriegsgrund.
     Das Märchen, England habe Deutschland den Krieg wegen
der Verletzung der belgischen Neutralität erklärt, wurde zwar
anfangs geglaubt, ist aber längst fallen gelassen worden. Viele
Einzelheiten aus jenen kritischen Tagen sind in der englischen
Presse bekannt gegeben worden. Immer spielt Belgien nur die
Rolle eines Vorwandes. Die Lage Englands wird durch den Brief
gekennzeichnet, den Bonar Law und Lansdowne, die Führer der
konservativen Opposition, am 2. August an Asquith sandten.
Er lautete:

     „Lord Lansdowne und ich empfinden es als unsere Pflicht, Sie zu ver-
ständigen, daß unserer Ansicht nach, ebenso wie nach der anderer Kollegen,
die wir zu befragen in der Lage waren, es für die Ehre und Sicherheit des Ver-
einigten Königreichs verhängnisvoll wäre, unter den gegenwärtigen Verhält-
nissen mit der Unterstützung Frankreichs und Rußlands zu zögern. Wir bieten
der Regierung unsere bedingungslose Hilfe für alle Maßnahmen an, die sie für
diesen Zweck als nötig erachtet."

     Für England sind es, ganz wie für Rußland, machtpolitische
Fragen und, wie für Frankreich, Bündnisverpflichtungen gewesen,
die es zum Eintritt in den Krieg veranlaßten. Seine machtpoli-
tischen Ziele sind aber mehr als Prestige-Fragen gewesen. Der
Versailler Vertrag hat sie enthüllt.