Nr. 11. Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler, 4. Juli 1914

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Nr. 11
Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler1

Geheim!                                  Wien, den 2. Juli 19142

Im Anschluß an meine anderweite Berichterstattung3 beehre ich
mich, über meine heutige Audienz bei Sr. M. dem Kaiser Franz Joseph
nachstehendes zu melden.
     Der Kaiser kam mir bei meinem Eintritte in sein Kabinett mit
elastischem Schritte entgegen und forderte mich nach Entgegennahme
meines Allerhöchsten Auftrages auf, an seinem Schreibtische Platz
zu nehmen. Der Kaiser sagte dann, die Zeiten seien sehr ernst.
Er wisse ja nicht, wie lange ihm noch zu leben beschieden sein
werde, aber er fürchte, in seinen letzten Lebenstagen würde ihm
keine Ruhe vergönnt sein. Der Kaiser sprach dann über die wachsende
Gefahr »da unten« und meinte, »ich sehe sehr schwarz in die Zukunft«.
Man müsse aber an die Zukunft denken und schon jetzt nach Mög-
lichkeit Vorsorge treffen. Er hätte sehr gern sich mit unserem Aller-
gnädigsten Herrn über alle die ihn beschäftigenden politischen Fragen
ausgesprochen. Nun sei das leider für jetzt unmöglich geworden.
Statt dessen werde er aber den Prinzen Hohenlohe tunlichst bald
nach Berlin senden, der mit seinen Anschauungen wohl vertraut sei.
Er hoffe zuversichtlich, daß mein Kaiser dem Prinzen volles Vertrauen
entgegenbringen werde, »denn er verdient es«. Er habe den Prinzen
beauftragt, ganz offen und rückhaltlos mit Sr. M. dem Kaiser und
dessen Ratgebern zu sprechen.
     Der Kaiser berührte dann die albanische Frage. In Albanien
gehe es sehr schlecht. Mit den Leuten dort sei nichts zu machen :
Jeder Albanese sei bestechlich, und auf keinen könne man sich ver-
lassen. Prinz Wied habe gewiß den besten Willen, aber anscheinend
sei er nicht der Mann für die ihm gestellte Aufgabe, wobei er aber
nicht entscheiden wolle, ob ein anderer es besser gemacht haben
würde. Man habe wohl die Verpflichtung, den Fürsten von Albanien
so lange wie möglich zu halten und seine persönliche Sicherheit zu
garantieren. Weiter könne er aber nicht gehen. Die Albaner möchten
dann sehen, wie sie untereinander fertig werden würden. Österreich
interressiere nur die Integrität des albanischen Staates. Solange
diese gewahrt werde, denke man hier an keine Intervention.
     Turkan Pascha scheine auch ein recht übler Herr zu sein,
der jetzt nun schon zum zweiten Male seinen Fürsten und sein Land
im Stiche lasse. Daß man ein so übel beleumrmdetes Subjekt wie
Herrn AHotti von Rom aus nach Durazzo geschickt habe, sei be-
dauerlich und zeige von der Schwäche der italienischen Regierung.
Doch sei Marquis di San Giuliano durchaus korrekt, und es gehe ja
jetzt glücklicherweise entschieden besser im Verhältnis mit Rom.
     Erfreulich sei es, daß die Beziehungen zu Griechenland wärmer
geworden seien. Mit so vernünftigen Leuten wie die Herren Veniselos
und Streit werde man gewiß auf diesem guten Wege weiterkommen.
     Wenn er, der Kaiser, auch gewiß nichts für König Ferdinand
übrig habe, so sei doch Bulgarien ein großes Land und bedeutender
Entwicklung fähig. Bulgarien sei, außer vielleicht Griechenland, der
einzige Balkanstaat, der gar keine widerstreitenden Interessen mit
Österreich habe. Er halte es deshalb für richtig, die Beziehungen
zu diesem Lande zu pflegen und fester zu gestalten.
     Traurig dagegen sei das Kapitel »Rumänien«. »Ich weiß, daß
Ihr Kaiser volles Vertrauen zu König Carol hat«, meinten S. M.
wörtlich. »Ich habe es nicht.« Wenn der König auch versuche,
sich möglichst gut mit Worten nach allen Seiten hin zu decken, so
sei er, der Kaiser, doch fest überzeugt, daß der König nicht mehr
die Kraft habe, sein Land zu führen, sondern er werde von der
Volksstimmung geführt. Übrigens habe der König ja mit aller
Deutlichkeit seinerzeit schon dem Prinzen Fürstenberg erklärt, er
fühle sich nicht imstande, seinen Verpflichtungen dem Dreibunde
gegenüber nachzukommen. Die von ihm oft gerühmte Politik der
freien Hand werde notwendig dahin führen, daß er gegen Österreich
werde marschieren müssen.
     Ein Lichtblick in der sonst so trüben politischen Lage sei die
Besserung der Beziehungen zwischen Berlin und London, die natur-
gemäß auch eine günstige Rückwirkung auf die Beziehungen zwischen
Wien und London zur Folge gehabt hätten. Sir Edward Grey habe
sich im Laufe der Jahre entschieden in politischer Beziehung zu
seinem Vorteil verändert, und er glaube, daß die sonst nicht gerade
brillante Londoner Konferenz doch das Gute gehabt habe, Deutsch-
land und auch Österreich dem Minister näherzubringen, der unsere
Politik jetzt wohl richtiger beurteilt wie früher. »Wenn wir England
nur ganz von seinen Freunden Frankreich und Rußland abbringen
könnten«, meinte S. M. Ich bemerkte hier, daß S. M. überzeugt sein
könnten, daß S. M. unser allergnädigster Kaiser, und der Herr
Reichskanzler auch weiter auf dem bisher mit großer Geduld
und Beharrlichkeit verfolgten Wege weiterschreiten würden, um
England mehr und mehr von der Kongruenz unserer Interessen zu
überzeugen. Ein völliges Abdrängen von seinen jetzigen Entente-
freunden würde aber wohl in absehbarer Zeit kaum möglich sein. Wir
müßten mit einer allmählich fortschreitenden Besserung unseres Ver-
hältnisses zu England uns für jetzt zufrieden geben. Vielleicht
würden einmal Ereignisse in der Welt eintreten, durc h welche unsere
Bemühungen rascher zum Ziele geführt werden würden.
     S. M. kam dann zum Schluß nochmals auf den serbischen Nach-
bar zu sprechen. Die Belgrader Intrigen seien unerträglich. Mit
den Leuten sei eben im guten nichts anzufangen. S. M. erwähnten
hier die Stellung, die Herr von Hartwig in Belgrad einnehme, und
die Besorgnisse, die ihm die russischen sogenannten Probemobilisierungen
im Herbst, also zu einer Zeit, wo hier die Rekruten eingestellt
würden und die Armee nicht vollkommen schlagfertig sei, einflößten.
Er hoffe, daß mein Kaiser und die Kaiserliche Regierung die Ge-
fahren ermäßen, die für die Monarchie in der serbischen Nachbar-
schaft lägen. Man müsse, wie gesagt, an die Zukunft denken und
die Machtstellung der im Dreibund Verbündeten wahren. Ich be-
nutzte diese Bemerkung des Kaisers, um auch Sr. M. gegenüber —
wie ich es in diesen Tagen dem Grafen Berchtold gegenüber sehr
nachdrücklich bereits getan habe — nochmals darauf hinzuweisen, daß
S. M. sicher darauf bauen könne, Deutschland geschlossen hinter der
Monarchie zu finden, sobald es sich um die Verteidigung eines ihrer
Lebensinteressen handele. Die Entscheidung darüber, wann und wo
ein solches Lebensinteresse vorliege, müsse Österreich selbst überlassen
bleiben. Aus Stimmungen und Wünschen heraus, wenn sie auch noch
so verständhch seien, könne verantwortliche Politik nicht gemacht
werden. Es müsse vor jedem entscheidenden Schritt sehr genau erwogen
werden, wie weit man gehen wolle und müsse und mit welchen
Mitteln das ins Auge gefaßte Ziel zu errreichen sei. In erster Linie
müsse bei jedem folgenschweren Schritte die allgemeine politische
Lage erwogen und die voraussichtliche Haltung der anderen Mächte
und Staaten in Rücksicht gezogen und das Terrain sorgfältig vor-
bereitet werden. Ich könne nur wiederholen, daß mein Kaiser hinter
jedem festen Entschlüsse Österreich -Ungarns stehen werde. S. M.
stimmten diesen meinen Worten lebhaft zu und meinten, ich hätte
gewiß recht.
     Der Kaiser erwähnte dann noch, daß der plötzliche Tod des
Generals Pollio ein herber Verlust für Italien und auch für uns sei.
»Alles stirbt um mich herum,« sagte S. M., »es ist zu traurig.« 
     Der Kaiser sprach dann noch über seine Sommerpläne in Ischl,
die Aussichten der Hirschjagd und geruhten mich nach fast ein-
stündiger Audienz in gnädigster Weise zu entlassen.
     Während ich diesen Bericht — zwischen 12 und 1 Uhr nachts —
niederschreibe, hör ich das Johlen und Pfeifen einer großen Menschen-
menge, die eine Demonstration vor der nahe gelegenen russischen
Botschaft veranstalten. Zahlreichen Schutzmannschaften ist es soeben
gelungen, die Demonstranten von der russischen Botschaft abzu-
drängen, und nach einer Ansprache, die von jemandem an die Menge
gerichtet wurde, die ich aber nicht verstehen konnte, zieht die Menge
soeben ab unter Absingung des »Gott erhalte« und der »Wacht am
Rhein«.
                                               v o n   T s c h i r s c h k y


1 Nach einer bei den Akten befindlichen Abschrift
2 Eingangsvermerk, des Auswärtigen Amts: 4. Juli nachm. Dazu die Notiz:
11 Vom Unterstaatssekretär persönlich beantwortet«. Die Antwort ist nicht
bei den Akten.
3 Siehe Nr. 9.