Nr. 11 Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 4 > Anhang IV. > Nr. 11
Nr. 11
Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

Bericht 402                                    Berlin, den 27. Juli 1914

     Wie ich Ew. Exz. telegraphisch gehorsamst gemeldet habe1, wird
die Lage heute im Auswärtigen Amt weniger kritisch beurteilt, als
es gestern der Fall war. Es hat sich nämlich inzwischen erwiesen,
daß die gestern verbreiteten russischen Mobilmachungsmeldungen2 den
Tatsachen zum mindesten vorauseilen.
     Sowohl Herr Sasonow als der russische Kriegsminister haben,
und zwar dieser ehrenwörtlich, dem Grafen Pourtales versichert, daß
kein Befehl zur Mobilisierung, auch nicht zu einer teilweisen, er-
gangen sei. Nach einer Meldung des deutschen Militärattaches
sollen allerdings vorbereitende Maßnahmen für eine eventuelle Mobil-
machung in ziemlich weitgehendem Maße getroffen werden, aber vor
dem Erlaß der Mobilmachungsordre scheut die russische Regierung
offensichtlich in der Erkenntnis der Folgen, die dieser Schritt haben
würde, noch zurück. Man dürfte sich in Petersburg darüber klar
geworden sein, daß Deutschland ihr schon deshalb nicht ruhig zu-
sehen würde, um nicht den Vorsprung zu verlieren, den unsere
schnellere Kriegsbereitschaft uns bietet.
     So wird man von Petersburg aus in den nächsten Tagen zunächst
mit diplomatischen Mitteln versuchen, das Ärgste von Serbien ab-
zuwenden. Kritisch wird die Lage, wie Herr von Stumm mir heute
sagte, erst in dem Augenblick werden, in dem die österreichisch-
ungarische Armee in Serbien einrückt. Dies wird aber nach einer
Äußerung, die General Conrad von Hötzendorf dem Botschafter
Freiherrn von Tschirschky gegenüber gemacht haben soll, nicht vor
dem 10., vielleicht erst am 12. August der Fall sein.
     Daß Frankreich alles tun wird, um Rußland von kriegerischem
Vorgehen abzuhalten, beweist die Haltung der französischen Presse.
Wie groß die Bestürzung in Paris war, zeigt der Umstand, daß die
französische Rente an der vorgestrigen Börse einen Tiefstand erreicht
hat, wie er seit dem Jahre 1870 nicht verzeichnet worden ist, und
der die Schheßung des Rentenmarktes nötig gemacht hat.
     Was die von den Zeitungen gebrachte Meldung von einer Ver-
mittlungsaktion der Mächte betrifft, so habe ich von dem Gesandten
Grafen Mirbach erfahren, daß Sir Edward Grey allerdings eine
démarche à quatre (Deutschland, England, Italien, Frankreich) an-
geregt hat. Bei dieser démarche könnte es sich aber nicht um eine Ver-
mittlung zwischen Österreich und Serbien handeln, da Österreich eine
solche als unfreundliche Einmischung empfinden würde, sondern nur um
Bemühungen, die die Lokalisierung des Konflikts zum Ziele haben.
     Die italienische Regierung hat, wie heute auch amtlich bekannt
gegeben worden ist, dem Wiener Kabinett erklären lassen, daß
sie in einem allenfallsigen bewaffneten Konflikt zwischen Öster-
reich und Serbien eine freundschaftliche und dem Bundesver-
hältnisse entsprechende Haltung einnehmen werde. Sie hat aber,
wie ich ganz vertraulich von österreichischer Seite erfahren habe,
dabei bemerkt, daß sie auf Grund des Artikels VII des Bündnis-
vertrages auch bei nur provisorischer Besetzung serbischen Gebiets
durch Österreich Kompensationen für sich beanspruchen werde.
     In Wien will man eine so weitgehende Auslegung dieses Artikels
nicht gelten lassen und hat demgemäß in Rom geantwortet, daß
Kompensationen nicht in Frage kämen, da eine dauernde Besetzung
serbischen Territoriums österreichischerseits nicht in Aussicht ge-
nommen sei. In dem Auswärtigen Amt bedauert man das Auftauchen
dieser Kontroverse zwischen Wien und Rom und hätte es, um
Italien auf alle Fälle »an der Stange zu halten«, für ratsam gehalten,
wenn Graf Berchtold sich dem, zunächst nur vorsorglich erhobenen
italienischen Anspruch gegenüber entgegenkommend gezeigt hätte.
     Wie weit die Verhandlungen zwischen Wien und Sofia gediehen
sind, ist hier nicht bekannt. Es liegt nur eine etwas unklare
Erklärung der bulgarischen Regierung vor, wonach sie in dem
Konflikt neutral bleiben werde.
     Das Auswärtige Amt hat daher heute nach Sofia zwecks Klar-
stellung der Haltung Bulgariens telegraphiert.
     Auch die Stellungnahme der Türkei ist eine für Österreich
günstige. Nach einem Telegramm des Grafen Pallavicini an Graf
Berchtold hat der Großwesir den Botschafter der Sympathien der
Türkei versichert und ihn zu dem Vorgehen Österreichs gegen Serbien
beglückwünscht.
     Wie mir der serbische Geschäftsträger erzählte, dem ich heute
begegnete, wäre die serbische Regierung bereit gewesen, die sämt-
lichen österreichischen Forderungen mit Ausnahme jener zu erfüllen,
die sich auf die Vornahme von Amtshandlungen durch österreichische
Organe in Serbien beziehen. Sogar die verlangte Proklamation und
den Tagesbefehl an die serbische Armee hätte die Regierung zuge-
standen und die Verhaftung des angeschuldigten Majors Tankositsch
tatsächlich schon vor Ablauf der 48 stündigen Frist vorgenommen.
     Der Geschäftsträger glaubt, daß die serbische Armee sich zu-
nächst aus Belgrad zurückziehen werde, damit die Stadt nicht
beschossen werden könne. Man werde sich dann auch weiter auf
die Defensive beschränken und so vielleicht die Möglichkeit zu
weiteren diplomatischen Verhandlungen lassen.
     Die Reise des Präsidenten der französischen Republik ist infolge
der Ereignisse vorzeitig abgebrochen worden, und auch die Besuche
in Petersburg und Stockholm scheinen keinen großen Erfolg gebracht
zu haben.
     Wie ich ganz vertraulich erfahren habe, ist die Haltung, die
Schweden im Falle eines Krieges zwischen Dreibund und Zweibund
einzunehmen erklärt hat, eine derartige, daß sie für alle, die in
Petersburg und Paris an die Reise des Herrn Poincaré nach Stock-
holm irgendwelche, dem Zweibund günstige Hoffnungen geknüpft
haben, eine bittere Enttäuschung bedeuten würde.

     Genehmigen Ew. usw.

                                                                           v.   S c h o e n


1 Siehe Nr. 10.
2 Siehe Nr. 9, S. 136 Absatz 1.