Nr. 120. Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler, 23. Juli 1914

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Nr. 120
Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler1

























das Bild paßt viel
besser auf Peters-
burg !












Narr selber Herr
Sazonoff ! ! !
















ja



richtig








ja

gut







echt Russisch











Donnerwetter !







richtig



und Rußland für
seine Spione, die
überall auf-
gegriffen werden !






wäre auch das
Beste !





nein! Rußland ja!
als den Thäter und
Vertreter des Für-
stenmordes ! ! !


richtig


ist bereits da!





er irrt !




















qui vivra verra!

                    St. Petersburg, den 21. Juli 19142
     Herr Sasonow, der in der vorigen Woche mehrere
Tage auf seinem Landgut im Gouvernement Grodno
verbracht hatte, ist seit seiner Rückkehr von dort
recht nervös wegen der Beziehungen zwischen Öster-
reich-Ungarn und Serbien. Er erzählte mir, daß er
sehr alarmierende Berichte aus London, Paris und
Rom erhalten habe, wo überall die Haltung Öster-
reich-Ungarns wachsende Besorgnis einflöße. Auch
Herr Schebeko, der im allgemeinen ein ruhiger Be-
obachter sei, melde, daß die Stimmung in Wien
gegen Serbien immer schlechter werde.
     Der Minister ergriff die Gelegenheit, um seinem
Groll gegen die österreichisch-ungarische Politik wieder
in gewohnter Weise freien Lauf zu lassen. Daß Kaiser
Franz Joseph und auch Graf Berchtold friedliebend
wären, wollte Herr Sasonow zwar zugeben, es seien
aber sehr mächtige und gefährliche Einflüsse an
der Arbeit, die in beiden Reichshälften immer mehr
an Boden gewännen und die vor dem Gedanken
nicht zurückscheuten, Österreich in einen Krieg zu
stüi-zen, selbst auf die Gefahr hin, einen allgemeinen
Weltbrand zu entfesseln. Man müsse sich mit Be-
sorgnis fragen, ob der greise Monarch und sein
schwacher Minister des Äußern diesen Einflüssen
gegenüber auf die Dauer die nötige Widerstands-
kraft finden würden.
     Früher hätten kriegslustige Elemente, bei denen
besonders auch klerikale Intrigen eine große Rolle
spielten, ihre Hoffnungen auf den verstorbenen
Erzherzog Franz Ferdinand gesetzt. Der Tod des
Erzherzogs habe sie keineswegs entmutigt, sie seien
vielmehr diejenigen, welche die gefährliche Politik,
die Österreich-Ungarn gegenwärtig treibe, inspi-
rierten3. Die eigentlichen Leiter dieser Politik
seien besonders zwei Männer, deren zunehmender
Einfluß im höchsten Maße bedenklich erscheine,
nämlich Graf Forgách, der »ein Intrigant der
schlimmsten Sorte« und Graf Tisza, der »ein halber
Narr sei.
« 
     Ich entgegnete Herrn Sasonow, seine maßlosen,
gegen die österreichisch-ungarische Politik gerichteten
Vorwürfe schienen mir durch seine allzu großen
Sympathien für die Serben stark beeinflußt und in
keiner Weise gerechtfertigt. Man könne billiger-
weise nicht umhin, die von dem Wiener Kabinett
seit dem Attentat in Sarajevo beobachtete maß-
volle Zurückhaltung anzuerkennen. Es scheine mir
überhaupt verfrüht, schon jetzt, bevor das Ergebnis
der Untersuchung über das Attentat vorliege, dar-
über zu urteilen, inwieweit Österreich-Ungarn be-
rechtigt sei, die serbische Regierung für die groß-
serbische Agitation verantwortlich zu machen. Nach
allem aber, was schon jetzt bekannt sei, könne
man kaum daran zweifeln, daß die großserbische
Agitation von Serbien aus unter den Augen der
serbischen Regierung geschürt werde, und daß
auch das schändliche Attentat in Serbien vorbereitet
worden
sei. Ein großer Staat könne aber auf die
Dauer unmöghch an seinen Grenzen eine Propa-
ganda dulden, durch die seine Sicherheit direkt be-
droht werde. Sollten daher, wie es allerdings den
Anschein habe, durch den Prozeß gegen die Ur-
heber des Attentates wirklich Fäden aufgedeckt
werden, welche von Serbien ausgingen, und sollte
bewiesen werden, daß die serbische Regierung
gegenüber den gegen Österreich gerichteten Machen-
schaften eine bedauerliche Konnivenz gezeigt habe,
so sei die österreichisch-ungarische Regierung zweifel-
los berechtigt, in Belgrad eine ernste Sprache zu führen.
Ich könnte mir nicht denken, daß in diesem Falle
solche Vorstellungen des Wiener Kabinetts bei der
serbischen Regierung dem Widerspruch irgendeiner
Macht begegnen könnten.
     Der Minister hielt diesen Ausführungen gegen-
über aufrecht, daß eine Unterstützung der groß-
serbischen Propaganda in Österreich-Ungarn von
Serbien aus oder gar von der serbischen Regierung
keineswegs erwiesen sei4. Man könne für die Taten
Einzelner nicht
ein ganzes Land verantwortlich
machen
. Der Mörder des Erzherzogs sei überdies
nicht einmal serbischer Untertan. Eine groß-
serbische Propaganda gäbe es allerdings in Öster-
reich
, sie sei aber die Folge der schlechten Re-
gierungsmethode, durch die Österreich sich von
jeher ausgezeichnet habe. Ebenso wie es eine groß-
serbische Agitation gebe, höre man auch von der
italienischen Irredenta und von der Los-von-Rom-
Bewegung sprechen. Das Wiener Kabinett habe
nicht den geringsten Grund, sich über die Haltung
der serbischen Regierung
zu beklagen, diese be-
nehme sich vielmehr vollständig
korrekt.
     Ich warf hier ein, es genüge wohl nicht, daß
die Mitglieder der serbischen Regierung selbst sich
der Teilnahme an der antiösterreichischen Pro-
paganda enthielten. Österreich-Ungarn sei vielmehr
berechtigt, zu verlangen, daß von Seiten der
serbischen Behörden aktiv gegen die österreich-
feindliche Propaganda vorgegangen werde, denn die
Regierung könne sich unmöglich jeder Verantwortung
für das, was im Lande vor sich gehe, entziehen.
     Nach diesem Prinzip, entgegnete Herr Sasonow,
müßte Rußland auch die schwedische Regierung
für die antirussische Agitation, die seit etwa
anderthalb Jahren in Schweden betrieben werde,
verantwortlich machen.
     Ich wies darauf hin, daß es sich in Schweden
nur um eine politische Agitation und nicht wie in
Serbien um eine Propaganda der Tat handele.
     Herr Sasonow bemerkte darauf, daß diejenigen,
welche in Österreich einem Vorgehen gegen Serbien
das Wort redeten, sich anscheinend nicht mit Vor-
stellungen in Belgrad begnügen wollten, sondern
daß ihr Ziel die Vernichtung Serbiens sei. Ich er-
widerte, daß ich immer nur von einem Ziele hätte
reden hören, nämhch: der »Klärung« des Verhält-
nisses Österreich-Ungarns zu Serbien.
     Der Minister fuhr erregt fort, auf jeden Fall
dürfe Österreich-Ungarn, wenn es durchaus den
Frieden stören wolle, nicht vergessen, daß es in
diesem Falle mit Europa zu rechnen habe. Rußland
würde seinem Schritt in Belgrad, der auf eine Er-
niedrigung Serbien[s]5 absehe, nicht gleichgültig zu-
sehen können. Ich bemerkte, ich vermöchte in
ernsten Vorstellungen, in welchen Serbien an seine
völkerrechthchen Pflichten erinnert würde, noch
keine Erniedrigung [zu6] erblicken. Herr Sasonow
erwiderte, es komme darauf an, wie dieser Schritt
erfolge, auf jeden Fall dürfe von einem Ultimatum
nicht die Rede
sein7.
     Der Minister wies im Laufe des Gesprächs
wiederholt darauf hin, daß nach den ihm vorliegen-
den Nachrichten die Lage auch in Paris und London
ernst angesehen werde, er war dabei sichtlich be-
strebt, bei mir den Eindruck zu erwecken, daß auch
in England die Haltung Österreich-Ungarns sehr
gemißbilligt werde.
     Am Schluß der Unterhaltung frug ich Herrn
Sasonow, was nach seiner Ansicht an dem in der
letzten Zeit in der Presse viel erörterten angeblicher.
Plan einer Vereinigung von Serbien und Montenegro
wäre. Der Minister bemerkte, eine solche Vereini-
gung werde nur von Montenegro gewünscht, welches
auch den größten Vorteil dabei haben würde. In
Serbien denke man gar nicht an diese Vereinigung,
was der verstorbene Herr von Hartwig noch in
einem seiner letzten Berichte besonders hervor-
gehoben habe. Höchstens wünsche man auf wirt-
schaftlichem Gebiet ein engeres Verhältnis mit
Montenegro, von einer Personalunion wolle man
aber nichts wissen.
     Herr Sasonow hat seinen Besorgnissen wegen
der österreichisch-serbischen Spannung auch meinem
italienischen Kollegen gegenüber Ausdruck gegeben
und dabei bemerkt, Rußland würde es nicht dulden
können,
daß Österreich-Ungarn Serbien gegenüber
eine drohende Sprache führe oder militärische Maß-
regeln treffe.
 »La politique de la Russie«, hat Herr
Sasonow gesagt, »est pacifique, mais pas passive«.

                                                   F.   P o u r t a l è s


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 23. Juli vorm. Bericht lag dem
Kaiser vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. Gemäß k. Randverfügung
am 30. Juli durch Erlaß den Botschaften in Wien, Rom, London und
Paris mitgeteilt.
3 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers.
4 Am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers.
5 Ausfertigung irrig: Serbien.
6 In Ausfertigung fehlt irrig: zu.
7 »Ultimatum nicht die Rede« vom Kaiser zweimal unterstrichen.