Nr. 131. Der Botschafter In Wien an das Auswärtige Amt, 23. Juli 1914

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Nr. 131
Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt1

Telegramm 97                               Wien, den 23. Juli 19142

     Graf Szápáry meldet, Präsident Poincaré habe ihm gegenüber
bei neulichem Diplomatenempfang nachdrücklich darauf hinge-
wiesen, daß Serbien Freunde habe, die es nicht im Stiche lassen
würden. Diese Sprache sei, wie man mir hier sagt, nicht im Ein-
klang mit Haltung Herrn Sasonows, der sich sehr ruhig und zu-
rückhaltend über serbische Angelegenheit ausgesprochen habe.
     Herr Dumaine war gestern im Ministerium. Er hat in den
düstersten Farben die Gefahren eines Krieges mit Serbien geschil-
dert, der ein Guerillakrieg von unabsehbarer Dauer werden müsse.
Dabei hat der französische Botschafter aber betont, Rußland werde
Serbien selbstverständlich seine moralische Unterstützung
zuteil werden lassen.
     Herr Schebeko ist auf Urlaub abgereist. Bei seinem Ab-
schiedsbesuch bei Graf Berchtold hat er serbische Angelegenheit
nicht berührt.
     In heutigen Morgenblättern telegraphisch avisierter Artikel
der Westminster Gazette, der von Aufrüttelung des slawischen
Sentiments Rußlands und von »Attackierung eines orthodoxen
Slawenstaates« seitens der Monarchie spricht, hat hier unangenehm
berührt.
     Man ist hier fest entschlossen, sich durch alle Einschüchte-
rungsversuche nicht irre machen zu lassen.

                                                                 T s c h i r s c h k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in Wien 150 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt
550 nachm. Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow
telegraphisch dem Botschafter in Rom mitgeteilt, Telegramm 645 nachm.
zum Haupttelegraphenamt.