Nr. 137. Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler, 24. Juli 1914

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Nr. 137
Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler1

                                                       Belgrad, den 21. Juli 19142

     Die Erregung in der hiesigen Bevölkerung hält an, da man
noch immer nicht weiß, welche Schritte die österreichisch-unga-
rische Regierung in der Attentatsaffäre gegen Serbien unternehmen
wird. Vorläufig hat sich diese nervöse Stimmung in heftigen An-
griffen der serbischen Presse gegen Baron von Giesl entladen. In
unqualifizierbarer Weise wird der Gesandte beschuldigt, die am
12. d. M. in der hiesigen österreichisch-ungarischen Kolonie aus-
gebrochene Panik selbst heraufbeschworen zu haben, um Serbien
vor Europa zu kompromittieren. Das mindeste, was diese Presse
als Genugtuung verlangt, ist sofortige Abberufung, da Baron Giesl
für Serbien noch gefährlicher sei als der »jesuitische« Graf Forgách.
Zum Belege betuft man sich auf ein angebliches Interview, das
Baron Giesl einem Mitarbeiter des Budapester Blattes »A Nap« 
gewährt haben soll und worin er erklärt, daß alle Vorbereitungen
zum Massacre der österreichisch-ungarischen Kolonie und zur Zer-
störung des Gesandtschaftsgebäudes tatsächlich getroffen waren und
es nur seinem energischen Einschreiten zu verdanken sei, daß die
Ausführung des höllischen Planes unterblieb.
     Einen besonderen Eindruck hat hier die Haltung der reichs-
deutschen Presse gemacht durch ihre warme Unterstützung Öster-
reich-Ungarns und die einmütige Forderung von serbischerseits zu
gewährenden Garantien gegen die Gefahren der großserbischen
Agitation. Man scheint in dieser Hinsicht etwas ähnliches wie bei
den österreichischen Revisionsbestrebungen des Bukarester Ver-
trages von Deutschland erwartet zu haben und sieht sich nun unan-
genehm enttäuscht.
     Angesichts der allgemeinen Entrüstung, die sich in der Presse
aller Kulturnationen kundgibt und insbesondere im Hinblick auf
die deutliche und ernste Sprache, welche die englische Presse neuer-
dings führt, wird Herr Paschitsch es auf keinen Konflikt mit der
Nachbarmonarchie ankommen lassen und zu allen Versprechungen
bereit sein. Seine Stellung ist allerdings wegen der bevorstehenden
Wahlen und der im Lande entfesselten Agitation eine äußerst
schwierige. Jedes Entgegenkommen gegenüber der Nachbar-
monarchie wird ihm von der vereinigten Opposition als Schwäche
ausgelegt. Dazu kommt, daß die in ihrem Größenwahn und Chau-
vinismus verblendeten Militärkreise ihn zu Schrofifheiten nötigen,
die seiner konzilianten Natur sonst ganz entgegengesetzt sind.
Darauf möchte ich auch das dem Berichterstatter der »Leipziger
Neuesten Nachrichten« gewährte Interview zurückführen, das nur
aus innerpolitischen Motiven erklärlich ist. Es soll mittlerweile
zwar dementiert worden sein, hat aber tatsächlich, wie ich aus
sicherer Quelle weiß, stattgefunden.
     Je länger Österreich-Ungarn zum Abschluß der Unter-
suchung über das Attentat in Sarajevo braucht, je länger es
zögert, mit positiven Forderungen an Serbien heranzutreten, desto
mehr werden sich die beiderseitigen Beziehungen durch die uner-
müdliche Preßhetze und die vor nichts zurückschreckende Wahl-
agitation im Innern des Landes vergiften und desto schwerer wird
es Herrn Paschitsch werden, sich zu behaupten.

                                                            v.   G r i e s i n g e r


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 24. Juli vorm.