Nr. 14 Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

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Nr. 14
Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat1

Bericht 408                                    Berlin, den 29. Juli 1914

     Die Lage sieht heute vormittag etwas friedlicher aus als gestern
abend. Man konnte erwarten, daß die Kriegserklärung Österreichs
an Serbien Rußland zu einem entscheidenden Schritt veranlassen
werde. Daß ein solcher Schritt bisher nicht gemeldet ist, dürfte
schon beweisen, daß man in St. Petersburg vorläufig nicht zum
Äußersten entschlossen ist. Es liegt aber auch die Nachricht vor,
daß Rußland den Konferenzvorschlag Grey's im Prinzip angenommen
hat, sich aber vorbehält, weiter unmittelbar mit Österreich-Ungarn
zu verhandeln, und endlich hat nach einer Mitteilung aus dem
Auswärtigen Amt Minister Sasonow dem Grafen Pourtales gesagt,
Rußland wünsche den Weltfrieden zu erhalten und suche nach dem
Wege, dieses Ziel zu erreichen. Von London wird gemeldet, daß
Sir Edward Grey dem Fürsten Lichnowsky gesagt habe, England
würde in Zukunft mit Deutschland gehen, wenn dieses jetzt das
Seine tue, um den Krieg zu vermeiden.

     All diesen Nachrichten scheint mir aber nur ein symptomatischer
Wert beizumessen zu sein. Eine Klärung der Lage liegt nicht vor.

     Die Politik des Deutschen Reiches ist darauf gerichtet, daß der
Alliierte mit einem Gewinn an Prestige aus der Sache hervorgeht,
aber der Weltfrieden erhalten bleibt.

     Wie ich schon gestern Ew. Exz. berichtet habe, ist die Lage
dadurch sehr erschwert, daß Österreich-Ungarn dabei bleibt, den
Einmarsch in Serbien bis zum 12. August aufschieben zu müssen. Wie
es möglich sein wird, die jetzige Spannung so lange dauern zu
lassen, ohne daß etwas reißt, scheint mir sehr schwierig.

     Ew. Exz. werden die Wolff'sche Depesche vom Gestrigen gelesen
haben, welche die Antwort Serbiens auf das Ultimatum enthält.
Danach wird sich schwerlich bestreiten lassen, daß Serbien fast in
allen Punkten den Forderungen Österreich- Ungarns zu entsprechen
bereit gewesen ist. Daß Österreich-Ungarn Zweifel hegt, daß Serbien
das gegebene Versprechen auch erfüllt haben würde, ist sicherlich
berechtigt, aber andererseits muß das große Entgegenkommen
Serbiens es Rußland erschweren, diesen slawischen Bruder im Stiche
zu lassen.

     Ich werde heute den Reichskanzler voraussichtlich sehen und
dann wieder berichten.

     Die gestrigen sozialdemokratischen Versammlungen und De-
monstrationen gegen den Krieg sind ziemlich ruhig verlaufen. Die
Stimmung der hiesigen Bevölkerung ist im allgemeinen eine gemessene.
Man verlangt nicht den Krieg, aber man hat sich mit dem Gedanken
abgefunden.

     Genehmigen Ew. Exz. usw,

                                                                 G.  H.  L e r c h e n f e l d


1 Telephonische Mitteilung erfolgte vorher um 21 nachm.