Nr. 180. Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 25. Juli 1914

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Nr. 180
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 154                               London, den 25. Juli 19142

     Habe soeben Sir E. Grey gesehen und Inhalt Telegramms
Nr. 1693 verwertet. Der Minister nahm meine Erklärungen mit
vollem Verständnis für unseren Standpunkt entgegen. Ohne jede
Gereiztheit oder Verstimmung und mit großer Ruhe besprach er
mit mir4 abermals die gesamte Lage und schien wieder hoffnungs-
voller zu sein als gestern, da Graf Mensdorff ihm im Auftrage
seiner Regierung mitgeteilt hat, daß Österreich nach Ablehnung
seiner Forderungen zunächst nicht beabsichtige, die serbische
Grenze zu überschreiten, sondern nur zu mobilisieren. Sir E. Grey
ist vorläufig noch ohne Nachricht über die in Petersburg gefaßten
Beschlüsse, rechnet aber mit Bestimmtheit darauf, daß der öster-
reichischen Mobilisierung die russische folgen werde. Alsdann sei
seiner Ansicht nach der Augenblick gekommen, um im Verein mit
uns, Frankreich und Italien eine Vermittelung zwischen Öster-
reich und Rußland eintreten zu lassen. Ohne unsere Mitwirkung,
meinte er, sei jede Vermittelung aussichtslos, und könne er allein
nicht an Russen und Österreicher herantreten. Ob Frankreich mit-
machen wolle, wisse er noch nicht. Er habe mit Herrn Camben
gesprochen, aber noch keine Antwort erhalten, und ihm dabei ge-
sagt, daß er mir den gleichen Vorschlag gemacht habe. Er rechnet
bestimmt auf die Zusage Frankreichs, obwohl er nicht weiß, wie
weit dieses schon mit Petersburg verpflichtet ist.
     Der Minister unterscheidet scharf, wie er mir wiederholte,
zwischen dem österreichisch-serbischen und österreichisch-russi-
schen Streit. In ersteren wolle er sich nicht mischen, da er ihn
nichts angehe. Der österreichisch-russische Streit aber bedeute
unter Umständen den Weltkrieg, den wir im vorigen Jahre durch
die Botschafterkonferenzen gemeinsam hätten verhindern wollen.
Europäische Verwickelungen aber seien auch für Großbritannien
nicht gleichgültig, obwohl es d u r c h   k e i n e r l e i   b i n d e n d e  
A b m a c h u n g e n   v e r p f l i c h t e t   w ä r e.
     Er wolle daher mit uns zusammen wie bisher, so auch jetzt,
im Sinne der Erhaltung des europäischen Friedens Hand in Hand
vorgehen, und er hoffe von unserer beiderseitigen Vermittelung,
der sich wohl auch Frankreich und Italien anschließen würden,
die Verhütung eines österreichisch-russischen Krieges.
     Was die österreichische Note betreffe, so erkenne er das be-
rechtigte Verlangen Österreichs nach Genugtuung vollkommen an,
ebenso das Begehren nach Bestrafung aller mit dem Morde in Ver-
bindung stehenden Personen, auf Einzelheiten der Note ließ er
sich nicht ein, schien aber zu hoffen, daß es unserer Vermittelung
gelingen werde, eine Einigung auch hierüber zu erzielen.
     Ich erachte es als meine Pflicht, Ew. Exz. darauf hinzu-
weisen, daß die hiesige Regierung meiner Überzeugung nach so
lange bestrebt sein wird, eine uns freundschaftliche und möglichst
unparteiische Haltung einzunehmen, als sie an unsere aufrichtige
Friedensliebe glaubt und an unser Bestreben, Hand in Hand mit
England an der Abwendung des aufsteigenden, europäischen Ge-
witters mitzuwirken. Die Zurückweisung seines Vorschlages
aber, zwischen Österreich und Rußland zu vermitteln, oder eine
schroffe Haltung, die zu der Annahme berechtigen könnte, daß wir
den Krieg mit Rußland herbeiwünschen, würde wahrscheinlich
zur Folge haben, England bedingungslos auf die Seite Frankreichs
und Rußlands zu treiben.
                                                            L i c h n o w s k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in London 22 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt
552 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm.
3Siehe Nr. 153.
4 Das Gespräch ist inhaltlich auch niedergelegt in einer Verbalnote, die der
englische Geschäftsträger Sir H. Rumbold am 25. Juli auf Grund eines
Telegramms Sir E. Greys im Auswärtigen Amt überreichte; vgl. auch das
englische Blaubuch von 1914, Nr. 11.