Nr. 238. Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt, 27. Juli 1914

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Nr. 238
Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt1

Telegramm 163                          St. Petersburg, den 26. Juli 19142

     Graf Szäpary hatte heute nachmittag längere Unterredung mit
Sasonow. Beide Beteiligte, die ich nachher sprach, hatten von
derselben befriedigenden Eindruck. Die Versicherung des Botschafters,
daß Österreich-Ungarn keine Eroberungspläne habe und nur endlich
an seinen Grenzen Ruhe halten wolle, hat Minister sichtlich beruhigt.
Zwischen Sasonow und Graf Szápáry ist österreichische Note ruhig
durchgesprochen worden. Es hat sich dabei herausgestellt, daß
Sasonow gegen eine Reihe von Punkten keine Bedenken hatte.
Über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, könnte man sich
vielleicht durch Änderung der Formen der Forderung einigen. Es
handele sich vielleicht nur um Worte. Österreich stelle einige Zu-
mutungen, die die serbische Regierung tatsächlich nicht erfüllen
könne, ohne seine Verfassung zu ändern, was in diesem Augenblick
nicht möglich. Vielleicht ließe sich aber doch ein Modus finden, um
Österreich zu befriedigen, ohne die scharfe Forderung dem Buch-
Stäben nach zu erfüllen. — Sasonow ist meinem österreichischen
Kollegen gegenüber auch auf Vermittelungsgedanken gekommen und
hat Vermittelung des Königs von Italien und Englands angeregt.
Der Minister bat mich dringend, ihm zu sagen, ob ich nicht auch
irgendeinen Vorschlag machen könnte. Ich erwiderte unter Betonung,
daß ich zu keinen Vorschlägen ermächtigt sei und daher nur meine
eigenen Gedanken aussprechen könnte, der folgende Weg schiene
mir vielleicht gangbar. Falls, wie es nach den Äußerungen des
Grafen Szapäry nicht ganz ausgeschlossen erscheine, das Wiener
Kabinett darauf einginge, seine Forderungen in der Form etwas zu
mildem, wäre vielleicht der Versuch zu machen, mit Österreich-
Ungarn zu diesem Zweck unverzüglich Fühlung zu nehmen. Sollte
dabei eine Einigung erfolgen, so . . . . . . . . . . . 3 Serbien durch Rußland
geraten werden, die österreichischen Forderungen auf der zwischen
Österreich und Rußland vereinbarten Basis anzunehmen und dies
die österreichische Regierung durch Vermittelung dritter Macht wissen
zu lassen. — Sasonow, den ich nochmals dringend darauf aufmerksam
machte, daß ich nicht im Namen meiner Regierung spräche, erklärte,
er wolle sofort im Sinne meines Vorschlages an russischen Botschafter
in Wien telegraphieren.
     Ich habe Eindruck, daß Sasonow, vielleicht infolge von Nach-
richten aus Paris und London, etwas die Nerven verloren hat und
jetzt nach Auswegen sucht. — Minister bat dringend, daß deutsche
Presse tunlichst beruhigt werden möchte. Er versprach, dasselbe
hier zu tun.

                                                                 Pourtalès


1 Nach der Entzifferung. Vgl. deutsches Weißbuch Mai 1915, S. 27 Nr. 5.
2 Aufgegeben in Petersburg 26. Juli 1010 nachm., angekommen im Aus-
wärtigen Amt 27. Juli 1245 vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In
dem vom Reichskanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Exemplar
sind, abgesehen von kleinen stilistischen Änderungen, der Satz »Sollte
dabei . . . . . . . . . . . wissen zu lassen« und die Worte »im Sinne meines Vor-
schlages« fortgelassen. Randvermerk des Kanzlers vom 27. Juli : S. M.
vorgetragen, v. B. H. 27. Pourtalès' Telegramm am 27. Juli von Jagow
nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung
der Worte »im Sinne meines Vorschlages« sowie der Sätze »Sollte
dabei . . . . . . . . . . . wissen zu lassen« und »Minister bat . . . . . . . . . dasselbe hier
zu tun« telegraphisch dem Botschafter in London, desgleichen, nach
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Sätze
»Sollte dabei . . . . . . . . . . wissen zu lassen« und »Ich habe Eindruck . . . . . . . . .
dasselbe hier zu tun« telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt,
Telegramm 180 nach London 1210 nachm., Telegramm 161 nach Wien
455 nachm. zum Haupttelegraphenamt.
3 Hier fehlt eine Zifferngruppe.