Nr. 245. Der Reichskanzler an den Kaiser, 27. Juli 1914

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Nr. 245
Der Reichskanzler an den Kaiser1

Telegramm 151                          Berlin, den 27. Juli 19142

     Österreich scheint erst am 12. August in kriegerische Aktion
eintreten zu können, Serbien sich lediglich auf Defensive beschränken
zu wollen. Serbiens Antwort auf Ultimatum, deren Wortlaut noch
nicht zu erhalten war, soll beinahe alle Punkte, auch Bestrafung
aller Offiziere, annehmen, außer Armeebefehl; Kollaboration nur
unter gewissen Reserven. Die diplomatische Lage nicht völlig ge-
klärt. England und Frankreich wünschen Frieden, Italien gleich-
falls, da Streitfrage unpopulär und angeblich italienische Interessen
benachteihgt. Rußland scheint nach den neusten Nachrichten noch
nicht zu mobilisieren und mit Wien Verhandlungen über mäßige
Modifikation3 der von Serbien noch nicht befriedigten Forderungen
anknüpfen zu wollen. Wiens Haltung hierzu noch unbekannt. Ich
habe bei allen Kabinetten sagen lassen, daß wir österreichisch-
serbischen Konflikt als Angelegenheit betrachten, die lediglich diese
beiden Staaten angeht, und Rußland auf die Folgen jeder mili-
tärischen Maßregel, die sich irgendwie gegen uns richtete, mit allem
Nachdruck aufmerksam gemacht. Die letzten eingegangenen Depeschen
werde ich Ew. M. auf Station Wildpark überreichen.

                                   Alleruntertänigst

                                                            B e t h m a n n   H o l l w e g



1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers.
2 Randvermerk des Kanzlers: »Wohl am zweckmäßigsten S. M. bei der
Durchfahrt durch Wittenberge zuzustellen, falls Hofzug dort hält. Sonst
auf derjenigen Station, wo letzteres der Fall.« — Telegramm aufgegeben
in Berlin 1120 vorm., angekommen im Hoflager 120 nachm. Entzifferung
vom Kaiser am 27. Juli zurückgegeben.
3 In Entzifferung des Hoflagers »mäßige Modifikation« verderbt in:
» Mäßigung, Modifikationen.«