Nr. 258. Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 27. Juli 1914

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Nr. 258
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 164                               London, den 27. Juli 19142

     Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exz.
nachstehendes zu übermitteln.
     Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut
der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt3
Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen For-
derungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es nie-
mals für möglich gehalten habe ; bis auf einen Punkt, der Teilnahme
österreichischer Beamter an den gerichtlichen Untersuchungen,
habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von ihm ver-
langt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit Serbiens
lediglich auf einen Druck von Petersburg zurückzuführen sei4.
     Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. werde
diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche Unter-
handlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung von
Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es vollkommen
klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um Serbien
zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland getroffen
werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es sei klar,
daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und es als eine
direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus würde der
fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals gesehen habe,
und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg führen könne.
     Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so
noch gestern5 mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in mäßi-
gendem Sinne vorstellig zu werden. Er habe diesen Bitten stets
gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vorwürfe
aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und zu
wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte an
uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bringen, daß
man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte
oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, daß
es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen die
Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vorbedeutung
für die Zukunft, wenn es ims beiden abermals gelänge, durch
unseren beiderseitigen Einßuß auf unsere Verbündeten den Frieden
Europas gesichert zu haben.
     Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach
mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu
erwarten, daß es unserem Einfluß gelingen möge, die Frage beizu-
legen. Er wird auch heute ein Statement im House of Commons
machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf
jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch
zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der
britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in
dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken
würde. Auch ist hier alle Welt davon überzeugt, und ich höre es
auch aus dem Munde meiner Kollegen, daß der Schlüssel der Lage
in Berlin liegt und, falls man dort den Frieden ernstlich will, Öster-
reich davon abzuhalten sein wird, eine, wie Sir E. Grey sich aus-
drückt, tollkühne Politik zu treiben6.
                                                            L i c h n o w s k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in London 131 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 437
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Betr. Mitteilung von
Lichnowskys Telegramm an den Kaiser und den Botschafter in Wien
siehe Nr. 283 und 277.
3 Abgedruckt im österreichisch-ungarischen Rotbuch I Nr. 25. Französischen
Text siehe auch Nr. 271.
4 In der dem Kaiser vorgelegten Abschrift am Rand Fragezeichen des Kaisers.
5 Siehe Nr. 199 und 218.
6 Siehe Nr. 265, 277 und 278.