Nr. 265. Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 27. Juli 1914

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Nr. 265
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 166                               London, den 27. Juli 19142

     Im Anschluß an mein heutiges Telegramm Nr. 1643 möchte
ich hervorheben, daß von dem Erfolge dieses Schrittes Sir Edward
Greys unsere gesamten zukünftigen Beziehungen zu England ab-
hängen. Gelingt es dem Minister in diesem bedeutsamen Augen-
blick, in dem zweifellos trotz aller inneren Spaltungen die gesamte
britische Nation hinter ihm steht, durch unser Eingehen auf sein
Bitten eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern, so stehe ich
dafür ein, daß unsere Beziehungen zu Großbritannien auf unabseh-
bare Zeit den vertrauensvollen und intimen Charakter tragen wer-
den, der sie seit anderthalb lahren kennzeichnet. Die britische Re-
gierung, ob liberal oder konservativ, sieht in der Erhaltung des
europäischen Friedens auf Grundlage des Gleichgewichts der Grup-
pen ihr vornehmstes Interesse4, und die Überzeugung, daß es ledig-
lich von uns abhängt, ob Österreich durch eine hartnäckige Prestige-
politik den europäischen Frieden gefährdet, bringt es mit sich, daß
jede entgegenkommende Haltung Österreichs als ein Beweis unseres
aufrichtigen Wunsches, mit Großbritannien vereint einen
europäischen Krieg zu verhindern, zugunsten unserer Freundschaft
mit England und unserer Friedensliebe gedeutet werden wird.
     Sollten wir hingegen unseren Sympathien für Österreich und
der Korrektheit unserer Bundesverpflichtungen eine so weitgehende
Auffassung zugrunde legen, daß alle übrigen Gesichtspunkte dagegen
zurücktreten, und sogar den wichtigsten Punkt unserer Auslands-
politik — unser Verhältnis zu England — den Sonderinteressen
unseres Bundesgenossen unterordnen, so glaube ich, daß es niemals
mehr möglich sein wird, diejenigen Fäden wieder anzuknüpfen,
welche in der letzten Zeit uns verbunden haben.
     Der Eindruck greift hier immer mehr Platz, und das habe ich
aus meiner Unterredung mit Sir Edward Grey deutlich entnommen,
daß die ganze serbische Frage sich auf eine Kraftprobe zwischen
Dreibund und Dreiverband zuspitzt. Sollte daher die Absicht
Österreichs, den gegenwärtigen Anlaß zu benutzen, um Serbien
niederzuwerfen (to crush Servia, wie Sir E. Grey sich ausdrückte),
immer offenkundiger in Erscheinung treten, so wird England, dessen
bin ich gewiß, sich unbedingt auf Seite Frankreichs und Rußlands
stellen, um zu zeigen, daß es nicht gewillt ist, eine moralische oder
gar militärische Niederlage seiner Gruppe zu dulden. Kommt es
unter diesen Umständen zum Krieg, so werden wir England gegen
uns haben. Denn die Empfindung, daß der Krieg angesichts des
weitgehenden Entgegenkommens der serbischen Regierung sich hätte
vermeiden lassen, wird für die Haltung der britischen Regierung von
ausschlaggebender Bedeutung sein.

                                                                 L i c h n o w s k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in London 27. Juli 58 nachm., angekommen im Auswärtigen
Amt 840 nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm.
3 Siehe Nr. 258.
4 Am Rand der Entzifferung die Bemerkung Zimmermanns: »Wo bleibt
das Gleichgewicht, wenn Österreich-Ungarn zurückweicht!«