Nr. 27 Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

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Nr. 27
Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat
(Privatbrief)

                                                            Berlin, den 31. Juli 1914

                         Hochverehrter Freund!

     Ich glaube auf den drei Wegen des heutigen Verkehrs, Telephon,
Telegraph und Post, alles gemeldet zu haben, was zu melden ge-
wesen ist. Trotzdem will ich mit diesen Zeilen das gegebene Bild
noch etwas vervollständigen.
     Zunächst möchte ich sagen, daß ich sehr damit einverstanden
bin, daß Ew. Exz. nicht hierher kommen. Sie sind in Bayern not-
wendiger als hier, und die Rückkehr wäre zum mindesten schwierig.
Das ist auch die Überzeugung Delbrücks. Er hat auch in diesem
Sinne an Dusch und Weizsäcker telegraphiert.
     Der deutsch-englische Vermittlungsvorschlag, der noch eine ge-
wisse Hoffnung auf Erhaltung des Friedens bot, ist durch die Mobil-
machung in ganz Rußland erledigt. Sasonow hat vor einigen Tagen
verlangt, daß Österreich-Ungarn auf die Erfüllung einiger Punkte
seines Ultimatums verzichte. Das war für Österreich unmöglich.
Den englisch-deutschen Vorschlag hätte man in Wien annehmen
können.
     Die Haltung Englands ist dunkel. Der König hatte vor kurzem
noch dem preußischen Prinzen Heinrich in London versichert, Eng-
land werde zunächst neutral bleiben. Auch der heute in unsern
Blättern abgedruckte Artikel der »Westminister Gazette« läßt auf solche
Absicht schheßen. Da der Redakteur dieses Blattes ein intimer
Freund Sir E. Greys ist, haben Äußerungen der »Westminister Gazette« 
eine gewisse Bedeutung. Dem stelit-aber gegenüber, daß Sir E. Grey
dem Fürsten Lichnowsky erklärt hat, England könne den Ereig-
nissen nicht untätig zusehen. Ob dies den Zweck hatte, uns zu
einer Pression auf Österreich zu veranlassen, oder ob England sich
schon für ein Eintreten für die anderen Ententemächte entschlossen
hat, muß sich erst zeigen.
     Während ich dies schreibe, hat es sich bereits gezeigt. England
geht mit der Entente1.
     Von Italien glaubt man, daß es bei dem Dreibund beharren werde,
daß es aber bei dieser Gelegenheit etwas erwerben wolle. Nicht aber
Valona, das lehnt es ab.
     Rumänien sollte nach Ansicht des Auswärtigen Amts wenigstens
neutral bleiben. Man glaubt genügende Pressionsmittel zu haben,
es dazu bestimmen zu können.
     In hiesigen militärischen Kreisen ist man des besten Mutes.
Schon vor Monaten hat der Generalstabschef Herr von Moltke sich
dahin ausgesprochen, daß der Zeitpunkt militärisch so günstig sei,
wie er in absehbarer Zeit nicht wiederkehren kann. Die Gründe,
die er anführt, sind: 1. Überlegenheit der deutschen Artillerie. Frank-
reich und Rußland besitzen keine Haubitzen und können daher keine
Truppe in gedeckter Stellung mit Steilfeuer bekämpfen. 2. Überlegen-
heit des deutschen Infanteriegewehres. 3. Ganz ungenügende Aus-
bildung der französischen Truppe infolge zweijähriger Dienstzeit
bei der Kavallerie und der gleichzeitigen Einberufung zweier Jahr-
gänge bei allen Waffengattungen infolge der Wiedereinführung der
dreijährigen Dienstzeit, darunter muß die Ausbildung gelitten haben.
     Auch in den Kreisen der Bevölkerung ist die Stimmung eine
ruhige und zuversichtliche. Die Sozialdemokraten haben für den
Frieden pflichtmäßig demonstriert, halten sich aber jetzt ganz still.
Ein Abgeordneter, allerdings revisionistischer Richtung, mit dem
der Reichskanzler gesprochen hat, hat versichert, daß an Aufruhr
oder Generalstreik in der Sozialdemokratischen Partei von niemand
gedacht werde.
     Was den Kaiser betrifft, so weiß ich, daß er nach einigem
Wechsel in der Stimmung während des Beginns der Krisis, jetzt
sehr ernst und sehr ruhig ist.
     Prinz Oskar wird heute im Hausministerium getraut werden.
Alle preußischen Prinzen treten in der Front ein. Der Kronprinz
erhielt die 1. Garde-Infanterie-Division.
     Wie man annimmt, wird das Hauptquartier zunächst in Berlin
bleiben. Wie im Jahre 1870, werden zwei Staffeln gebildet werden.
In der ersten der Kaiser, in der zweiten die anderen Bundesfürsten,
die den Krieg mitmachen wollen.

     Mit besten Grüßen

                                                                                       Ihr

                                                                                Lerchenfeld


1 Vgl. Nr. 24 Anm. 2.