Nr. 291 Der Militär bevollmächtige am russischen Hofe an den Kaiser, 28. Juli 1914

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Nr. 291
Der Militärbevollmächtigte am russischen Hofe an den Kaiser1

                                             St. Petersburg, den 13/26. Juli 19142

     Meinem Telegramm von heute nacht3 lasse ich nachstehendes
alleruntertänigst folgen:
     Gestern war der Kaiser mit der ganzen Suite von morgens
bis abends zu Besichtigungen in Krasnoje. Der Inhalt der öster-
reichischen Note war durch die Zeitungen gerade bekannt geworden
und hat durch den scharfen Ton und zu detaillierten Inhalt große
Entrüstung hervorgerufen. Im Ministerrat tags zuvor war be-
schlossen, eine Verlängerung der Frist von Wien zu erbitten. Die
ablehnende Antwort Berchtolds traf vormittags in Krasnoje ein.
Bis dahin war die Stimmung im Hauptquartier ernst und unruhig.
Nach dem Frühstück schlug sie in tiefgehendste Empörung gegen
Österreich um. Der Kriegsminister, Großfürst Nikolai, General-
stabschef etc. wurden zum Kaiser gerufen, und es entstand eine
Unruhe im Lager, die auf wichtige Beschlüsse hindeutete. Bei der
Nachmittagsbesichtigung wurde bekannt, daß die Lagerübungen
abends ihren Abschluß finden, die Manöver abgesagt sind und alle
Truppen zurückkehren. General Adlerberg, der Gouverneur von
St. Petersburg, verschnappte sich hierbei und sagte zur »Mobilisie-
rung«. Baron Grünwald, der Oberstallmeister, ein sehr deutsch-
freundlich gesinnter Herr, saß neben mir beim Diner und sagte, »die
Lage ist sehr ernst; was heute mittag beschlossen ist, darf ich Ihnen
nicht sagen, Sie werden es wohl selbst bald erfahren ; nehmen Sie
aber an, daß es sehr ernst aussieht.« Er stieß mit mir noch an mit
den Worten: »Hoffentlich sehen wir uns in besseren Zeiten wieder.« 
Nach dem Essen kamen drei Herren der Suite einzeln zu mir, ver-
mutlich im höheren Auftrage, um zu erfahren, ob man in Berlin die
österreichische Note wohl gekannt und vor Überreichung in Belgrad
gebilligt habe. Ich konnte nur antworten, daß wohl hierzu kaum
Zeit vorhanden gewesen sei. Von der Abend-Theatervorstellung bin
ich fern geblieben, was insofern gut war, als der Kaiser eine lange,
demonstrative Ovation bekam, die vom Großfürsten Nikolai vor-
bereitet war. Der Kaiser war sonst ungemein ruhig und ließ von
einer Erregung nichts merken. S. M. begrüßte mich zweimal mit
Händedruck ungemein freundlich, aber ohne ein Wort zu sagen.
Vor Tisch hielt S. M. die beifolgende Ansprache4 an die Kriegs-
schüler und beförderte sie zu Offizieren, was als Ausnahmemaß-
regel angesehen werden muß, da die Beförderung, wie alljährlich,
erst später erfolgen sollte.
     Im Lager wurde die Kunde von der Mobilisierung der an der
österreichischen Grenze stehenden Militärbezirke Kiew und Odessa
verbreitet. Wenn dies auch unbestätigt ist und durch die strenge
Zensur, die über die militärischen Maßnahmen verhängt wurde, kaum
vor einigen Tagen zu erfahren sein wird, hatte man den bestimmten
Eindruck, daß eine Mobilisierung angeordnet ist. Dies haben wohl
folgende Umstände veranlaßt: Erstens der Ton der Note, Ruß-
land fühlt sich hierdurch schwer verletzt; noch nie habe ein Staat
gegen einen schwächeren eine solche Sprache geführt; Rußland
müsse seinen Stammesgenossen beistehen und könne nicht dulden,
daß Serbien zermalmt werde. »Was daraus entsteht, ist uns ganz
gleich, wir würden mit unserer Geschichte brechen, wenn wir hier
einfach gleichgültig zusehen. Österreich hätte Rußland von einer
solchen Note verständigen müssen ; so aber ist es eine Beleidigung
einer Großmacht, welche mit Serbien befreundet ist und dieses nicht
der Willkür Österreichs preisgeben kann.« Dies die Ansicht des
Kriegsministers.

     Zweitens die Ablehnung einer Fristverlängerung.

     »Rußland hat den guten Willen gezeigt, noch vor Ablauf der
Frist vermittelnd einzugreifen; die Ablehnung ist ein unerhörter
Affront Österreichs, das uns behandelt, als wenn wir nicht da wären.
Unter Anerkennung aller Empörung in Österreich über das Atten-
tat in Sarajevo durfte es nicht in einer Weise handeln, die allen
diplomatischen Gepflogenheiten widerspricht. Ein Krieg zwischen
Österreich und Serbien ist Krieg mit Rußland.« Dies die Ansicht
der Umgebung des Kaisers. Alle Einwendungen prallten ab, da
diese Parole ausgegeben war.
     Drittens die Ansicht, daß man in Berlin von der Note Kenntnis
gehabt und sie gebilligt habe. Letzteres wurde bereits dementiert,
aber die Annahme hat den Eindruck hervorgerufen, daß nach dem
Besuch von Poincaré, der ein festeres Zusammenschließen Rußlands
und Frankreichs erzielt habe, vom Dreibund aus der russischen
Monarchie ein Schlag mit der Faust ins Gesicht versetzt werden
sollte, und dazu habe man das unglückliche Serbien gewählt, um es
mit einem Fuß zu zertreten und den Ententemächten die Stirn zu
bieten.
     Diese drei Faktoren haben eine ungeheure Erregung entfacht.
Auf der anderen Seite erhoffen die älteren Herrn, wie General
Fredericksz, der großen Einfluß beim Kaiser hat, eine Vermittlung
Englands, dessen Desinteressement nach den Erklärungen der
»Westminster Gazette« ihnen nicht sehr willkommen, aber doch in
diesem Falle praktisch erscheint.
     Die Besorgnis, einen Krieg führen zu müssen, während in ganz
Rußland der Aufruhr der Arbeitermassen brennt, steht doch
manchem höher als das Interesse an Serbien, denn man fürchtet,
daß die Demonstrationen von mehreren hunderttausend Arbeitern,
die besonders in Petersburg beinahe revolutionären Charakter trugen,
auch der Mobilmachung dadurch Eintrag tun könnten, daß man in
allen großen Städten starke Truppenkontingente zurücklassen muß.
     Gestern abend 6 Uhr lief die Frist der Note in Belgrad ab. Ein
General der Suite, mit dem ich gerade in Krasnoje im Gespräch
war, sah nach der Uhr und sagte: »Nun werden wohl die Kanonen
auf der Donau mit dem Feuer begonnen haben, denn eine solche
Note kann man doch nur dann absenden, wenn die Kanonen geladen
sind.« 
     Dies ist jedoch nicht geschehen, und Österreich scheint abzu-
warten. Damit ist wohl die Krisis vorüber, und der Vermittlung
sind die Tore geöffnet. Sasonow freut sich, denn die Arbeit der
Diplomaten, die beinahe aufgehört hätte, kann nun von neuem be-
ginnen. Hätte Österreich noch gestern abend Belgrad besetzt, wäre
die Welt vor ein Fait accompli gestellt worden. Ein Tropfen
serbisches Blut konnte als Sühne angesehen werden, Österreich hatte
es in der Hand, weiteres Blutvergießen zu vermeiden und in Ver-
mittlungsvorschläge einzutreten. Die Meinung Rußlands »l'Autriche
aboie mais ne mord pas« wird nun von neuem Nahrung erhalten. —
     Zum Besuch Poincares bemerke ich noch alleruntertänigst, daß
der Kaiser, so oft ich es beobachten konnte, ihn sehr kühl und von
oben herab behandelte, was auch in der ganzen Umgebung auf-
gefallen ist. Unter den alten Herren im Hauptquartier will man
überhaupt von der Entente mit Frankreich wenig wissen und neigt
vielmehr zum Monarchenbund mit Deutschland hin. Dem Kaiser
selbst ist, wie mir Baron Grünwald sagte, die ganze Franzosen-
freundschaft unsympathisch, was S. M. oft geäußert haben soll. Der
Tod des alten Fürsten Meschtschersky, des Herausgebers des »Grash-
danin«, den S. M. täglich liest, bedeutet hierfür einen großen Ver-
lust, und die deutschfreundliche Presse hat mit ihm eine ihrer
wenigen Stützen verloren. In der jetzigen Krisis hätte er ein
kräftiges Wort gesprochen.

                                                  von   C h e l i u s
                                   Generalleutnant und General à la suite


1 Der Chef des Militärkabinetts übersandte das Original des Cheliusschen
Berichtes dem Auswärtigen Amt; auf Verfügung des Reichskanzlers vom
28. Juli wurde der Bericht — am 31. Juli — an den Chef des Militär-
kabinetts zurückgeschickt.
2 Nach einer bei den Akten befindlichen Abschrift des Berichts.
3 Siehe Nr. 194.
4 Text der Ansprache des Zaren (nach der bei den Akten befindlichen
Abschrift): »Ich wollte Euch sehen und befahl, Euch zu versammeln, um
Euch vor dem Euch bevorstehenden Dienste einige Worte zu sagen.
Gedenket Meines Gebotes: Glaubt an Gott, sowie an die Größe und den
Ruhm Unseres Vaterlandes. Trachtet ihm und Mir aus allen Kräften zu
dienen und Euere Pflicht zu erfüllen, in welcher Lage Ihr auch wäret
und welche Stelle Ihr einnehmen solltet. Begegnet Eueren Vorgesetzten
mit Ehrerbietung und seid kameradschaftlich gegeneinander, welcher
Truppe Ihr auch angehören möget, dessen eingedenk, daß jeder von Euch
als ein Teil Unserer großen Armee einem Vaterlande und seinem Herr-
scher dient. Verhaltet Euch streng, jedoch gerecht gegen die Euch unter-
stellten Mannschaften und seid bemüht, ihnen in allem als Vorbild zu
dienen, sowohl im als außerhalb des Dienstes. Ich wünsche Euch von
Herzen in allem Erfolg und bin überzeugt, daß jeder von Euch sich unter
allen Verhältnissen als würdiger Nachkomme Unserer Vorfahren erweisen
sowie Mir und Rußland ehrenhaft dienen wird. Ich gratuliere Euch zur
Beförderung als Offizier.«