Nr. 30. Der Botschafter in London an den Reichskanzler, 11. Juli 1914

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Nr. 30
Der Botschafter in London an den Reichskanzler1

Vertraulich !                                         London, den 9. Juli 19142

     Sir E. Grey ließ mich heute zu sich bitten und gab mir zunächst
Kenntnis von der Aufzeichnung, die er über unsere Unterredung3
gemacht hatte, die kurz vor meiner Reise nach Berhn und Kiel
stattfand. Er sagte, er habe seinen damaligen Worten auch heute
nichts hinzuzufügen und könne nur wiederholen, daß geheime Ab-
machungen zwischen Großbritannien einerseits und Frankreich und
Rußland andererseits, welche Großbritannien im Falle eines europä-
ischen Krieges Verpflichtungen auferlegten, nicht bestünden. England
wolle sich vollkommen freie Hand bewahren, um bei festländischen
Verwickelungen nach eigenem Ermessen handeln zu können. Die
Regierung habe gewissermaßen dem Parlament gegenüber die Ver-
pflichtung übernommen, sich in keine geheimen Verbindlichkeiten
einzulassen. Auf keinen Fall werde bei festländischen Verwickelungen
die britische Regierung auf seiten des Angreifenden zu finden sein.
     Da er mich aber nicht habe irreführen wollen — as I did not
want to mislead you — , habe er gleich hinzugefügt, daß nichts-
destoweniger seine Beziehungen zu den genannten Mächten nichts
von ihrer früheren Innigkeit verloren hätten. Wenn auch also keine
Abmachungen bestünden, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegten,
so wolle er doch nicht in Abrede stellen, daß von Zeit zu Zeit
Unterhaltungen (conversations) zwischen den beiderseitigen Marine-
oder Militärbehörden stattgefunden hätten, und zwar die erste schon
im Jahre 1906, dann während der Marokkokrisis, als man hier ge-
glaubt habe, wie er lachend hinzufügte, daß wir die Franzosen
angreifen wollten. Aber auch diese Unterhaltungen, von denen er
meist nichts Näheres gewußt habe, hätten durchaus keine aggressive
Spitze, da die englische Politik nach wie vor auf Erhaltung des
Friedens gerichtet sei und in eine sehr peinliche Lage käme, wenn
ein europäischer Krieg ausbräche.
     Ich wiederholte dem Minister ungefähr dasselbe, was ich ihm
schon neulich gesagt hatte, und gab ihm dann zu verstehen, daß es
wünschenswert wäre, daß solche militärischen Konversationen auf
ein Mindestmaß beschränkt blieben, da sie sonst leicht zu uner-
wünschten Folgen führen könnten.
     Seit unserer letzten Unterhaltung, fügte Sir Edward hinzu, habe
er sich über die Stimmung, die in Rußland uns gegenüber bestehe,
eingehend erkundigt und keinen Grund zu einer beunruhigenden
Auffassung gefunden ; er schien auch bereit zu sein, falls wir es
wünschten, in irgendeiner Form auf die Haltung Rußlands einzu-
wirken. Auch sei er bestrebt gewesen, für den Fall, daß das Wiener
Kabinett sich genötigt sehe, infolge des Sarajevoer Mordes eine
schärfere Haltung gegen Serbien einzunehmen, die russische Regierung
bereits jetzt für eine ruhige Auffassung und versölmliche Haltung
gegen Österreich zu gewinnen. Sehr viel würde freilich, so meinte
Sir Edward, von der Art der etwa gedachten Maßnahmen abhängen,
und ob dieselben nicht das slawische Gefühl in einer Weise erregten,
die es Herrn Sasonow unmöglich machen würde, dabei passiv zu
bleiben.
     Im allgemeinen war der Minister in durchaus zuversichtlicher
Stimmung und erklärte in heiterem Tone, keinen Grund zu haben
zu einer pessimistischen Auffassung der Lage.

                                                                 L i c h n o w s k y


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juii vorm.
3 Siehe Nr. 5.