Nr. 301 Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 28. Juli 1914

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 2 > Nr. 301.
Nr. 301
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 171                          London, den 28. Juli 19142

     Die Mitglieder der hiesigen österreichischen Botschaft, einschließ -
lich des Grafen Mensdorff, haben in ihren Gesprächen mit den Mit-
gliedern der Botschaft und mit mir nie das geringste Hehl daraus
gemacht, daß es Österreich lediglich auf Niederwerfung Serbiens
ankomme, und daß die Note absichtlich so gefaßt wurde, daß sie
abgelehnt werden mußte. Als die Nachricht am Sonnabend Abend
hier von der »Central News« verbreitet wurde, Serbien habe nach-
gegeben, waren die genannten Herren geradezu niedergeschmettert.
Graf Mensdorff sagte mir gestern noch vertraulich, man wolle in
Wien unbedingt den Krieg, da Serbien »niedergebegelt« werden solle.
Auch erzählten die genannten Herren, man beabsichtige, Teile von
Serbien an Bulgarien (und vermutlich auch an Albanien) zu ver-
schenken3. Ich möchte aber dringend bitten, diese Äußerungen nicht
in Wien zu verwerten, da ich meine freundschaftlichen Beziehungen
zu Graf Mensdorff nicht aufs Spiel setzen will. Ob die Herren sich
auch anderen Personen gegenüber in ihren Gesprächen ähnlich äußerten,
weiß ich nicht, die Annahme dürfte aber nicht unberechtigt sein,
daß es sich nicht bloß um so harmlose, pädagogische Monita handeln
sollte, zu denen die mangelhafte Vigilanz des polnischen Schwätzers
Bilinski den Anstoß gab.
     Ich bin hier stets energisch für den österreichischen Standpunkt
eingetreten und habe den Herren Sir E. Grey und Sir W. Tyrrell aus-
einandergesetzt, daß schon der Selbsterhaltungstrieb den Grafen
Berchtold veranlassen müßte, eine aktive Tätigkeit zu entfalten, da
er und Österreich sonst in eine unhaltbare Stellung gerieten. Das
haben sie auch eingesehen, und ich glaube, daß die bisherige objektive
Haltung der hiesigen Regierung nicht zum geringsten Teil auf unseren
vertrauensvollen Beziehungen beruht.

                                                                 L i c h n o w s k y


1 Nach der Entzifferung. — Siehe Nr. 361.
2 Aufgegeben in London 1258 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt
345 nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm.
3 Dazu die Randbemerkung des Reichskanzlers vom 28. Juli: »Diese Zwei-
deutigkeit Österreichs ist unerträglich. Uns verweigern sie Auskunft über
ihr Programm, sagen ausdrücklich, daß die Ausführungen des Grafen Hoyos,
welche auf eine Zerstückelung Serbiens hinausliefen, rein private gewesen
seien, in Petersburg sind sie die Lämmer, die nichts Böses im Schilde
führen, und in London spricht ihre Botschaft von Verschenkung serbischer
Gebietsteile an Bulgarien und Albanien.«