Nr. 370 Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt, 29. Juli 1914

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Nr. 370
Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt1

Telegramm 186                          St. Petersburg, den 29. Juli 19142

     Militärattache meldet auch für Generalstab:
Generalstabschef bat mich zu sich und eröffnete mir, er komme
soeben von S. M., Kriegsminister habe ihn beauftragt, mir noch-
mals zu bestätigen, daß alles geblieben sei, wie Minister mir vor
zwei Tagen mitgeteilt. Er gab mir in feierlichster Form Ehren-
wort und bot schriftliche Bestätigung an, daß bis zur Stunde drei
Uhr nachmittags nirgends Mobilmachung, d. h. Einziehung eines
einzigen Mannes oder Pferdes erfolgt sei. Er könne sich für Zu-
kunft nicht verbürgen, aber nachdrücklichst bestätigen, daß S. M.
in den auf unsere Grenze gerichteten Fronten nach wie vor keine
Mobilisierung wünscht.
     Hier liegen vielfache Nachrichten über erfolgte Einziehung von
Reservisten in verschiedenen Reichsteilen, auch Warschau und
Wilna, vor. Bei hiesigen Truppenteilen sollen nach glaubwürdigen
Nachrichten Pferde eingestellt sein. Ich hielt deshalb dem General
vor, daß seine Eröffnungen mich vor ein Rätsel stellen. Er erwi-
derte auf Offiziersparcle, daß solche Nachrichten unrichtig seien,
allenfalls hie und da falscher Alarm.
     General gab Truppenverschiebungen zu Grenzschutz zu. Das
seien Maßnahmen, die nicht von ihm ressortierten und lediglich aus
Vorsicht getroffen würden.
     Er unterstrich nochmals strenge Scheidelinie zwischen den
gegen Österreich und gegen Deutschland gerichteten Bezirken und
nahm von den ersteren ausdrücklich den Kaukasus aus.
     Bei nochmaliger Betonung der Friedensliebe (?) ließ General
durchblicken, als ob man auch im Falle eines Krieges keine Offen-
sive (?) beabsichtige.
     In Anbetracht der zahlreichen und positiven Nachrichten über
erfolgte Einziehungen muß ich das Gespräch als Versuch der Irre-
führung über Umfang der bisherigen Maßnahmen halten. Odessa
meldet 28. nachmittags: Dortige Truppen sollen zum großen Teil an
österreichische Grenze gesandt sein, ebenso drei Regimenter aus
Kischinew. Rumänische Grenze entblößt.
     Kiew meldet heute mittag: 8. Eisenbahnbataillon dem 7. ge-
folgt mit Feldbahnmaterial, Infanterieregiment 166 vorgerückt.
Von Artillerie soll nur eine kriegsstarke Batterie zurückgeblieben
sein. Mobilisierung militärischer Bezirke Kiews dort heute
erwartet.
     27. abends 16. Husaren von Riga nach Libau abbefördert.

                                                            P o u r t a l è s


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in Petersburg 29. Juli 70 nachm., angekommen im Auswärtigen
Amt 945 nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. Am 29. Juli dem
Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab und Reichsmarineamt mitgeteilt.