Nr. 43. Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 14. Juli 1914

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 1 > Nr. 43.
Nr. 43
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 129                                         London, den 14. Juli 19142
Geheim !

     Ich habe bereits versucht, in diesem Sinne3 vertraulich und
vorsichtig Fühlung zu nehmen, verspreche mir aber angesichts der
bekannten Unabhängigkeit der hiesigen Presse derartigen Einwir-
kungen gegenüber nur wenig Erfolg. Es wird schwer halten, die
gesamte serbische Nation als ein Volk von Bösewichten und Mördern
zu brandmarken imd ihm dadurch, wie der Lokalanzeiger bestrebt
ist, die Sympathien des gesitteten Europas zu entziehen; noch
schwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persönlichkeit dem
Wiener Vertreter des Daily Telegraph gegenüber tut, auf dieselbe
Stufe zu stellen mit den Arabern in Ägypten und in Marokko oder
mit den Indianern in Mexiko. Es ist vielmehr anzunehmen, daß
die hiesigen Sympathien sich dem Serbentiun sofort und in lebhafter
Form zuwenden werden, sobald Österreich zur Gewalt greift, und
daß die Ermordung des hier schon wegen seiner klerikalen Nei-
gungen wenig beliebten Tronfolgers nur als ein Vorwand gelten
wird, den man benutzt, um den unbequemen Nachbarn zu schädigen.
Die britischen Sympathien, namentlich aber die der liberalen Partei,
haben sich in Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt,
bei den Kämpfen der Italiener gegen die österreichische, päpstliche
oder bourbonische Herrschaft, und haben bei Balkankrisen gewöhn-
lich den dortigen Slawen gegolten. Sowohl während der Annexions-
krisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragen neigte die
hiesige öffentliche Meinung zur Parteinahme für Serbien und Mon-
tenegro, und es wäre daher damals schwer gefallen, die britische
Zustimmung zu einem energischeren Vorgehen gegen König Nikolaus
zu erlangen.
     So sehr man also auch eine unnachsichtige strafrechtliche
Verfolgung der Mörder begreifen wird, so wenig, fürchte ich, wird
die öffentliche Meinung dafür zu haben sein, daß man die An-
gelegenheit auf das politische Gebiet hinüberspielt und sie zum Aus-
gangspunkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk von Ver-
brechern macht. In diesem Falle dürfte auch das durch die innere
Krise bereits geschwächte gegenwärtige Kabinett kaum die Kraft
besitzen, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl den ethischen
Empfindungen der Nation als der Geschmacksrichtung der (liberalen)4
Partei widerspräche5.

                                                                 L i c h n o w s k y

1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in London 14. Juli 555 nachm., angekommen im Auswärtigen
Amt 843 nachm. Eingangsvermerk: 15. Juli vorm.
3 Siehe Nr. 36.
4 »liberalen« fehlt in der Entzifferung, da Zifferngruppe unverständlich,
5 Siehe Nr. 48.