Nr. 4 Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

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Nr. 4
Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

Bericht 394                                    Berlin, den 23. Juli 1914

     Wie ich gestern abend in später Stunde erfahren und Ew. Exz.
soeben mit chiffrierter Depesche1 gemeldet habe, soll nach einem
neueren Entschluß des Wiener Kabinetts die Überreichung der öster-
reichischen Note an Serbien nicht erst am 25., sondern schon heute
gegen abend erfolgen, und zwar tunlichst so spät, daß ihr Inhalt in
Petersburg nicht vor der heute abend um 11 Uhr stattfindenden
Abreise des Herrn Poincaré nach Stockholm bekannt werden kann.

     Morgen vormittag soll dann die Note den Großmächten durch
die Vertreter Österreich-Ungarns offiziell zur Kenntnis gebracht
werden. Die Note wird von einem Annexe begleitet sein, in dem
das Ergebnis der Untersuchung über das Attentat von Sarajevo
niedergelegt ist, und die Mitschuld auch amtlicher serbischer Kreise
nachgewiesen wird.

     Die von einzelnen Blättern gebrachte Meldung, wonach der
serbischen Regierung eine Frist für die Annahme der österreichischen
Forderungen nicht gestellt werde, ist unzutreffend; vielmehr wird,
wie ich Ew. Exz. bereits zu melden die Elire hatte, eine Frist von
nur 48 Stunden statuiert.

     Das lange Zuwarten des Wiener Kabinetts hat an den hiesigen
amtlichen Stellen unangenehm berührt, und man hätte gewünscht,
daß das Sühne verlangen der Ermordung des Erzherzogs möglichst
auf dem Fuße gefolgt wäre. Aber das mehr scheinbare Zaudern
der österreichischen leitenden Kreise hat doch auch sein Gutes ge-
habt, denn in Serbien hat man sich dadurch zu dem Glauben ver-
leiten lassen, daß Österreich es auch diesmal nicht zum Äußersten
kommen lassen werde. In diesem Glauben aber hat die serbische
Presse und hat sogar der serbische Ministerpräsident Österreich
gegenüber eine Sprache angenommen, die für die österreichische Re-
gierung die beste Rechtfertigung zu ihrem Vorgehen vor der Welt
bildet.

     Über die weitere Entwicklung der Dinge läßt sich heute eine
sichere Voraussage nicht geben. Die Möglichkeit besteht ja immerhin,
daß Serbien zu Kreuz kriecht und sich den Forderungen Österreichs
unterwirft. Nach seiner bisherigen Haltung zu schließen, ist die
Wahrscheinlichkeit hierfür allerdings eine recht geringe. Weist es
die österreichischen Forderungen zurück, so fragt es sich, ob man
in Österreich dann zunächst die Mobilisierung durchführt — wozu
12 bis 16 Tage benötigt werden — oder ob man zur Durchsetzung
der Forderungen gleich in Serbien einrückt.

     Auch über die Haltung, die die österreichische Regierung nach
der Niederwerfung Serbiens einzunehmen gedenkt, ist das Auswärtige
Amt noch nicht unterrichtet. Wie mich mein Gewährsmann hat
wissen lassen, hat die Unterredung des Botschaftsrats Prinzen Stolberg
mit dem Grafen Berchtold, von der ich Ew. Exz. in meinem ge-
horsamsten Bericht vom. 18. lfd. M., Nr. 3862 Meldung machte, nur
»zum Teil« stattgefunden. Graf Berchtold soll nämlich erklärt haben,
daß »eine dauernde Besetzung serbischen Gebietes von österreichischer
Seite nicht beabsichtigt sei, und daher auch etwaige Kompensationen
für dritte (Italien) nicht in Frage kämen«.

     Offenbar will sich das Wiener Kabinett nicht vorzeitig die Hände
binden, sondern den weiteren Verlauf der nun beginnenden Ausein-
andersetzung abwarten.

     Von entscheidender Bedeutung wird es dabei sein, ob die Lokali-
sierung des Konflikts gelingt oder nicht.

     Genehmigen Ew. Exz. usw.

                                                                           v.  S c h o e n


1 Siehe Nr. 3.
2 Siehe Nr. 2.