Nr. 65. Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler, 18. Juli 1914

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Nr. 65
Der Botschaftsrat in Wien an den Reichskanzler1

Geheim!                                         Wien, den 17. Juli 19142

     Wie mir Graf Berchtold sagt, soll die Note, welche die an
Serbien zu stellenden Forderungen enthält, am Donnerstag, den
23. d. M. nachmittags, in Belgrad überreicht werden3. In dem Wunsche,
die Angelegenheit möglichst zu beschleunigen, habe man das Datum
um einige Tage verfrüht und den Tag der Abreise des Herrn Poincaré
aus St. Petersburg hierfür festgesetzt. Man rechnet damit, daß der
Präsident sich bereits eingeschifft haben würde, wenn die Belgrader
Demarche in St. Petersburg bekannt werde.
     Der Wortlaut der Note, so sagt mir der Minister, ist noch
nicht definitiv festgestellt, und es finden noch Verhandlungen mit
Graf Tisza statt; am Mittwoch, den 22. d. M., soll sie S. M. dem
Kaiser Franz Joseph zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden.
     Graf Berchtold ließ die Hoffnung durchblicken, daß Serbien
die Forderung Österreich -Ungarns nicht annehmen werde, da ein
bloßer diplomatischer Erfolg hierzulande wieder eine flaue Stimmung
auslösen werde, die man absolut nicht brauchen könne.

                                                                 W.   P r z.   S t o l b e r g


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts 18. Juli nachm. Ausfertigung
wurde am 18. Juli an den Kaiser gesandt, von ihm am 20. Juli zurück-
gegeben, am 23. Juli wieder in Berlin. Abschrift am 18. Juli vom Aus-
wärtigen Amt an den Reichskanzler geschickt.
3 Siehe Nr. 67 und 69.