Nr. 662 Der Chef des Generalstabs der Armee an das Auswärtige Amt, 2. August 1914

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Nr. 662
Der Chef des Generalstabs der Armee an das Auswärtige Amt1

Geheim !                               Berlin, den 2. August 19142

     Dem Auswärtigen Amt beehre ich mich, anliegend einige Ge-
sichtspunkte militärpolitischer Art zu überreichen, denen ich von
militärischem Standpunkt aus Wichtigkeit beimesse.

                                                                           v.   M o l t k e

                                             T ü r k e i

     Der Bündnisvertrag mit der Türkei ist alsbald zu veröffent-
lichen. Die Türkei hat sobald wie möglich den Krieg an
Rußland zu erklären3 .

                                           E n g l a n d

     Es müssen Versuche gemacht werden, einen Aufstand in Indien
zu entfachen, wenn England als unser Gegner auftritt.
     Dasselbe ist in Ägypten zu versuchen. Ebenso in den südafrika-
nischen Dominien.
     Sollte England seine Neutralität in dem deutsch-österreichisch-
russisch-französischen Kriege von der Zusicherung Deutschlands,
»daß es bei einem Siege über Frankreich maßvoll vorgehe« (Ausw.
Amt Nr. 218 vom 2. 8. 14), abhängig machen, so kann ihm diese Zu-
sicherung unbedingt in bündigster Form gegeben werden. Für uns
kommt es nicht darauf an, Frankreich zu zertrümmern, sondern nur
darauf, es zu besiegen. Die Neutralität Englands ist für uns von
solcher Wichtigkeit, daß ihm dieses Zugeständnis unbedingt gegeben
werden kann.

                                        S c h w e d e n

     Es ist anzustreben, daß Schweden sofort seine gesamten Streit-
kräfte mobilisiert und mit seiner 6. Division sobald wie möglich
gegen die finnische Grenze vorgeht. Das Bestreben Schwedens muß
darauf hingelenkt werden, durch seine Maßnahmen die Befürchtung
Rußlands vor einem Vorgehen durch Finnland sowie vor einer even-
tuellen Landung schwedischer Kräfte an der russischen Küste zu
erwecken und wachzuerhalten. Wir müssen Schweden alle seine
Wünsche, sei es in bezug auf Rückerwerb Finnlands, seien es
Wünsche sonstiger Art, unbedingt zusagend erfüllen, soweit sie mit
deutschem Interesse vereinbar sind.
     Erklärt sich Schweden zu gemeinsamer kriegerischer Handlung
mit Deutschland bereit, so ist hiervon sofort in Kopenhagen Mit-
teilung zu machen unter dem Ersuchen, dasselbe zu tun wie
Schweden.
     Ähnliche Aufforderung an Norwegen, unter Hinweis auf die in
Norwegen wohlbekannten Aspirationen Rußlands auf Besitzergrei-
fung eines eisfreien Hafens an der norwegischen Küste, die Ruß-
land unbedingt zur Tat werden lassen wird, wenn es in dem jetzigen
Kriege siegreich wird. Die russischen Aspirationen können wirksam
verhindert werden, wenn die skandinavischen Staaten gemeinsam
mit Deutschland sich der unersättlichen Ländergier Rußlands ent-
gegenstellen.
     Deutschland beabsichtigt in keiner Weise, den Bestand des
norwegischen Reiches anzutasten, und ist gern bereit, allen darauf
abzielenden Unternehmungen Rußlands jetzt und in Zukunft ent-
gegenzuwirken.

                                          D ä n e m a r k

     Keine weiteren Maßnahmen erforderlich. Es bleibt bei der
schon abgegebenen Erklärung der Schonung der Neutralität, solange
nicht die Maßnahmen unserer Gegner uns zu Gegenmaßnahmen
zwingen.

                                             B a l k a n

     Es ist erforderlich, baldmöglichst eine Klärung der Verhältnisse
auf dem Balkan herbeizuführen. Österreich muß sich darüber aus-
sprechen, ob es unter der jetzigen Kriegslage Abmachungen, die mit
Bulgarien getroffen sind, in Wirksamkeit treten lassen will. Ebenso
muß das Verhalten Griechenlands sowie dasjenige Rumäniens völlig
klargestellt werden.
     Alle Nachrichten, die in bezug auf die Balkanstaaten bei uns er-
langt werden können, müssen sofort an Österreich und an die Türkei
weitergegeben werden.
     Nimmt Italien am Kriege teil, so ist auch dieses über die Ver-
hältnisse auf dem Balkan dauernd zu orientieren. Die meines
Wissens hier vorliegende Nachricht, daß Rumänien im russisch-
österreichischen Konflikt gezwungen sei, neutral zu bleiben, aber
bündig erklärt habe, unter keinen Umständen auf die Seite Ruß-
lands treten zu wollen, ist von größter Bedeutung für Österreich und
muß diesem sofort mitgeteilt werden.

                                             B e l g i e n

     Antwort auf deutsche Sommation muß spätestens bis morgen,
Montag, den 3. August, 2 Uhr nachm., zu meiner Kenntnis kommen.
Ich schlage vor, Erteilung der Antwort auf zwölf Stunden zu be-
fristen. Wenn dies nach Ansicht des Auswärtigen Amts nicht mög-
lich, muß Termin der Überreichung dementsprechend bemessen
werden. Ich halte aber zwölfstündige Befristung für günstiger.
     Gleichzeitig Übergabe der Note an Holland mit Abschrift der
Note an Belgien.
     Dasselbe gleichzeitig an England unter der Hinzufügung dort,
daß Deutschland auch im Falle kriegerischen Konfliktes mit Belgien
keine Gefährdung dieses Staates herbeiführen, vielmehr seinerseits
auch dann nach erfolgtem Friedensschluß Integrität Belgiens wahren
werde. England wolle auch in diesem Falle das Vorgehen Deutsch-
lands nur als Akt der Notwehr gegen französische Bedrohung deut-
schen Gebietes betrachten.

                                             I t a l i e n

     Unbedingt erforderlich ist Herbeiführung einer alsbaldigen Er-
klärung, ob Italien gewillt ist, seinen Dreibundpflichten gemäß an dem
bevorstehenden Kriege aktiv teilzunehmen. Ich lege keinen Wert
darauf, daß Italien die uns zugesagten Truppenentsendungen nach
Deutschland in vollem Umfange erfolgen läßt. Kann Italien der
allgemeinen politischen Lage wegen nur ganz geringe Truppen nach
Deutschland entsenden, und sei es selbst nur eine Kav[allerie] division,
so genügt mir dies. Es kommt nicht darauf an, daß Italien uns mit
starken Kräften aktiv unterstützt, sondern darauf, daß der Dreibund
als solcher im Kriege geschlossen auftritt. Das ist erreicht mit der
geringst denkbaren Truppenentsendung. Ich mache aufmerksam auf
das dem Auswärtigen Amt übergebene Schreiben des Generals
Pollio Nr. 2 » le Gouvernement me charge de dire à Votre
Excellence pp. « 
     Erklärt Italien, am Kriege teilnehmen zu wollen, so ist für uns
erforderlich, baldige Mitteilung über die seitens Italiens beabsich-
tigten militärischen Maßnahmen, w^as durch direktes Benehmen von
Generalstab zu Generalstab erfolgen könnte, sowie Mitteilung des
Datums des ersten Mobilmachungstages in Italien.

                                           R u ß l a n d

     Kriegserklärung gegen Rußland, resp. Rußlands gegen uns, ist
belanglos geworden durch den russischen Einbruch über unsere
Ostgrenze. Ist Kriegserklärung Rußlands bei uns noch nicht, resp.
erst nach den russischen Unternehmungen überreicht worden, so
hat Rußland damit sich in Widerspruch mit den Haager Ab-
machungen gesetzt.

                                        F r a n k r e i c h

     Unsere eventuelle Kriegserklärung ist völlig unabhängig von
dem in Belgien unternommenen Schritt. Eins bedingt nicht das
andere. Ich halte es nicht für erforderlich, schon jetzt die Kriegs-
erklärung an Frankreich zu überreichen, vielmehr rechne ich damit,
daß bei vorläufigem Zurückhalten derselben Frankreich seinerseits
durch die Volksstimmung gezwungen sein wird, kriegerische Unter-
nehmungen gegen Deutschland anzuordnen, auch ohne daß formelle
Kriegserklärung abgegeben ist. Voraussichtlich wird Frankreich in
der Rolle des Protektors der belgischen Neutralität in Belgien ein-
rücken, sobald der Schritt Deutschlands gegen Belgien in Paris be-
kannt sein wird.
     Diesseits sind Anordnungen getroffen, daß Überschreitung der
französischen Grenze vermieden wird, bis Unternehmungen I^rank-
reichs dieselbe herausfordern.

                                              J a p a n

     Japan ist aufzufordern, die günstige Gelegenheit zu benutzen,
um seine sämtlichen Aspirationen im fernen Osten jetzt zu be-
friedigen, am besten unter kriegerischer Aktion gegen das im euro-
päischen Kriege gefesselte Rußland.
     Wünsche, die Japan eventuell durch deutsche Beihilfe erreichen
zu können glaubt, müssen ihm zugesagt werden. Wir können Japan
alles versprechen, was es in dieser Beziehung von uns wünscht.

                                            P e r s i e n

     Persien ist aufzufordern, die günstige Gelegenheit zu benutzen,
das russische Joch abzuschütteln, und wenn möglich, gemeinsam mit
der Türkei4 vorzugehen.


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 2. August nachm. Lag offenbar
schon bei Abfassung von Nr. 648 vor, wo Nr. 662 »Belgien« verwertet ist.
3 Unter dem Text die Bemerkung von Rosenbergs Hand vom 4. August:
»Die Sache ist wunschgemäß erledigt.« 
4 Zu den Worten: »Gemeinsam mit der Türkei« die Notiz Mirbachs: »Das
würde vermutlich nur zu endlosem und resultatlosem Gedankenaustausch
zwischen den beiden schwerfälligen und übervorsichtigen Muselmanen-
Regierungen führen.«