Nr. 676 Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt, 2. August 1914

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 3 > Nr. 676.
Nr. 676
Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt1

Telegramm 221                               London, den 2. August 19142 3

     Es ist mir bisher gelungen, eine für uns durchaus freundliche
Stimmung hier zu erhalten, und möchte ich dringend warnen, dieselbe
durch irgendwelche herausfordenden Maßnahmen zu gefährden;
hierzu rechne ich vor allem einen Angriff der deutschen Flotte auf
die nordfranzösische Küste sowie auch jede Annäherung unserer
Flotte in die britischen Gewässer. Ich bin überzeugt, daß vorläufig
nicht die geringste Absicht besteht, uns den Krieg zu erklären, daß
man vielmehr den Lauf der Ereignisse zunächst abwarten will. Da
ich erfahren hatte, daß heute die entscheidende Sitzung des Ka-
binetts stattfindet, nach welcher Asquith morgen ein Statement im
House of Commons machen wird, habe ich den Premierminister
soeben besucht und mit ihm eingehend unseren Standpunkt be-
sprochen. Dem alten Herrn traten wiederholt die Tränen in die
Augen, und er sagte mir: »A war between our two countries is
quite unthinkable«. Ich wies ihn auf die große Gemeinschaft unserer
beiderseitigen Interessen hin, die in letzter Zeit eine so wesentliche
Förderung und Ausgestaltung erfahren hätten und die Unmöglich-
keit, jemals wieder so vertrauensvolle Beziehungen anzuknüpfen,
nachdem einmal beide Länder sich befehdet hätten. Um das Haupt-
argument der Engländer, Frankreich beschützen zu müssen, zu ent-
kräften, wies ich darauf hin, daß wir es eigentlich seien, die viel
eher des Schutzes bedürften, da wir es mit zwei Gegnern zu tun
hätten und Frankreich nur mit einem. Bliebe Großbritannien heraus
aus dem Streit, so sei es viel leichter in der Lage, als Unparteiischer
bei Wiederherstellung des Friedens zu vermitteln, als wenn es an
einem Krieg, der alsdann ein Vernichtungskrieg für die ganze
europäische Kultur werden würde, teilnehme.
     Asquith entgegnete, daß ein Krieg zwischen England und
Deutschland bei der hiesigen heutigen Stimmung sehr unpopulär
sein würde, daß aber eine neutrale Haltung der hiesigen Regierung
durch zwei Dinge sehr erschwert würde:
     1. Durch die Verletzung der Neutralität Belgiens, die von
England mit garantiert sei. Im Jahre 1870 habe Gladstone erklärt,
die Verletzung der belgischen Neutralität würde für Großbritannien
den Kriegsfall bedeuten. Auf jeden Fall würde alsdann ein bedenk-
licher Umschwung in der hiesigen öffentlichen Meinung eintreten.
     2. Durch einen etwaigen Angriff deutscher Kriegsschiffe auf die
gänzlich unbeschützte Nordküste Frankreichs, die die Franzosen in
gutem Glauben auf die britische Unterstützung zugunsten ihrer Mit-
telmeerflotte entblößt hätten4. Er wolle nicht sagen, daß Großbritan-
nien alsdann eingreifen müsse, es würde es aber der hiesigen Re-
gierung sehr erschweren, die vorläufig beabsichtigte neutrale Haltung
durchzuführen.
     Ich habe den bestimmten Eindruck, daß England sich vorläufig
uns gegenüber zurückhalten wird, möchte aber dringend raten, soweit
als irgend möglich der hiesigen Stimmung Rechnung zu tragen.
     Ich habe soeben auch noch Sir E. Grey vor der Sitzung ge-
sprochen und ihm abermals eindringlich die Wichtigkeit vor Augen
geführt, unser beiderseitiges, in der letzten Zeit so ersprießliches
Zusammenwirken nicht für alle Zukunft zu zerstören.
     Der Minister wiederholte, er könne mir keine bestimmten Ver-
sicherungen abgeben. Aus seinen Worten ging aber hervor, daß
er sich am liebsten jedes Eingriffs enthalten würde. Wir dürfen
uns aber nicht verhehlen, daß die zweifellos vorhandenen guten Ab-
sichten der Regierung und die allgemein deutschfreundliche Stimmung
durch die Verletzung der belgischen Neutralität eine harte Probe
zu bestehen haben wird, die namentlich, falls wir glänzende Siege
in Frankreich erfechten oder etwa bis Paris vordringen, sehr in
Frage gestellt sein würde.
     Einen ungünstigen Eindruck für uns hat hier unsere Kriegs-
erklärung an Rußland gemacht, da man meint, daß der Zar auch
weiter noch bestrebt war zu vermitteln und sein Wort gegeben hatte,
daß kein Soldat die Grenze überschreiten würde, solange Hoffnung
auf friedliche Lösung vorhanden sei. Ich entgegnete diesem Ein-
wurf natürlich mit dem Hinweis auf die in Rußland erfolgte Mo-
bilisierung trotz der auf den Wunsch des Zaren von Sr. M. ein-
geleiteten Vermittlungsaktion5.
                                                                           L i c h n o w s k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in London 123 nachm.; angekommen im Auswärtigen Amt
2. August 648 nachm. Eingangsvermerk: 2. August nachm. Auf Verfügung
Zimmermanns sofort dem Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab
und Reichsmarineamt mitgeteilt; abgesandt am 2. August 210 vorm.
3 Siehe Nr. 626.
4 Vgl. hierzu Nr. 669 und 714.
5 Siehe Nr. 696.