Nr. 68. Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in Wien, 18. Juli 1914

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Nr. 68
Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in Wien1

                                                       Berlin, den 18. Juli 19142

     Graf Szögyény hat heute den in anliegender Notiz3 angegebenen
Auftrag ausgeführt.
     Zunächst scheinen die inzwischen bereits dementierten Zeitungs-
meldungen über Truppen ansammlungen in Bari der tatsächlichen
Grundlage zu entbehren. Ebenso unwahrscheinlich ist es mir, daß
Italien zu einer Aktion gegen Valona, wenn überhaupt, so ohne vor-
heriges Benehmen mit Wien schreiten sollte.
     Den von Graf Berchtold gewünschten Schritt in Athen zu tun,
ist der k. Geschäftsträger daselbst angewiesen worden und der k. Bot-
schafter in Rom davon behufs Mitteilung an Marquis San Giuliano
informiert worden. Was jedoch den Vorschlag einer internationalen
Flottendemonstration und die Besetzung Valonas durch Detachements
mehrerer Mächte betrifft, so sprechen für mich folgende Gründe da-
gegen. Falls Valona von den Aufständischen eingenommen werden
sollte, so würde eine einfache Flotten demonstration kaum mehr ge-
nügen, um die Räumimg der Stadt herbeizuführen, und es müßte, wie
nach Graf Berchtold dies offenbar im Auge hat, zur Landung von De-
tachements und eventuell zum Kampf gegen die Aufständischen ge-
schritten werden. Zur Verwendung weiterer Truppen in Albanien
würden sich aber die Mächte kaum bereit finden. Die Erklärungen
Sir Edward Greys lassen hierauf mit Bestimmtheit schließen, eben-
sowenig dürfte auf eine Teilnahme Rußlands oder Frankreichs an
einer derartigen Aktion zu rechnen sein. Wir selbst wollen unsere
Truppen nicht zu Kämpfen in Albanien verwenden. Es ist mir daher
zu meinem Bedauern nicht möglich, Italien eine Anregung zu sug-
gerieren, der wir dann selbst keine Folge leisten könnten.
     Schließlich möchte ich der Erwägung des Grafen Berchtold an-
heimgeben, ob eine Beschäftigung Italiens in Valona nicht die öster-
reichische Aktion gegen Serbien wesentlich erleichtern könnte. Man
darf sich in Wien — wie ich dies schon an anderer Stelle ausgeführt
habe — keiner Illusion darüber hingeben, daß ein österreichischer
Angriff auf Serbien in Italien nicht nur eine sehr ungünstige Auf-
nahme finden, sondern voraussichtlich auf direkten Widerstand stoßen
wird. Ich halte deswegen eine rechtzeitige Auseinandersetzung des
Wiener Kabinetts mit dem römischen für dringend geboten und
meine, daß diese wesentlich erleichtert werden könnte, wenn Italien
mit österreichischer Zustimmung in Albanien engagiert würde.
     Ew. Exz. wollen sich dem Grafen Berchtold gegenüber mit Nach-
druck in diesem Sinne aussprechen.

                                                                 v.   J a g o w


1 Nach dem Konzept von Jagows Hand.
2 Abgegangen am 18. Juli.
3 Das ist eine Mitteilung der k. u. k. Botschaft in Berlin betr. die eventuelle
Besetzung Valonas durch Italien.