Nr. 862 Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt, 4. August 1914

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 4 > Nr. 862.
Nr. 862
Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt1

Telegramm 170                               Wien, den 4. August 19142
Geheim !

     Hiesiger Generalstab hatte seinerzeit bei General Cadorna an-
gefragt, ob mit der Ausführung der mit Italien getroffenen geheimen
militärischen und maritimen Abmachungen begonnen werden könne.
Daraufhin erfolgte Antwort, die Abmachungen hätten derzeit keinen
praktischen Wert, da Italien neutral bleibe. Das italienische Ant-
wortschreiben enthielt weiter die Bemerkung, daß Italien nichts
gegen Österreich-Ungarn unternehmen werde, falls dieses den
Lowtschen nicht besetzen und das Gleichgewicht am Balkan zu-
ungunsten Italiens nicht stören werde.

     Nach Rücksprache mit General Conrad Frhr. v. Hötzen-
dorf hat Graf Berchtold heute Herrn v. Avarna die formelle Zu-
sicherung gegeben, daß Österreich-Ungarn selbst bei militärischem
Vorgehen Montenegros gegen die Monarchie den Lowtschen völlig un-
berührt lassen würde, und daß es Österreich-Ungarn ganz fern liege,
das Gleichgewicht am Balkan zuungunsten Italiens zu stören. Herr
v. Mérey erhält entsprechende Instruktion. Graf Kageneck bestätigt
mir obige Angabe bezüglich des Lowtschen nach seinen bestimmten
Nachrichten aus dem Generalstab.

     Graf Berchtold äußerte, es müsse alles daran gesetzt werden, zu
versuchen, daß Italien wenigstens bei seiner Neutralität erhalten
bleibt.

                                                                      T s c h i r s c h k y


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in Wien 90 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt
1130 nachm. Eingangsvermerk: 5. August vorm. Am 4. August dem
Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab und Reichmarineamt mit-
geteilt. Entzifferung am 5. August dem Kaiser vorgelegt, von ihm am
5. August ins Amt zurückgelangt. Eine telegraphische Mitteilung von
Tschirschkys Telegramm an den Botschafter in Rom lag im Entwurt von
Bergens Hand vor, ging jedoch nicht ab.