3. Deutschlands Stellungnahme

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3. Deutschlands Stellungnahme


Nach der Bluttat von Sarajevo war auch in Deutschland jedermann überzeugt, daß Österreich-Ungarn Serbien zur Rechen- schaft ziehen werde, denn niemand zweifelte daran, daß dies Ver- brechen ein Ausfluß der großserbischen Propaganda sei. Dieser ein Ende zu machen, erschien geboten. Mit seiner Randglosse vom 4. Juli ,, Jetzt oder nie" (Weißbuch Nr. 7) bewegte sich der Kaiser ganz auf dem Boden der öffentlichen Meinung Deutsch- lands.

Was die Haltung der deutschen Regierung anlangt, so ist der Ausgangspunkt für die Betrachtung der damaligen Lage in dem österreichisch-ungarischen Memorandum zu suchen, das am 5. Juli in Berlin überreicht wurde (Weißbuch Nr. 14). Diese Denkschrift verdient deshalb sorgfältiges Studium, weil sie die Auffassung des Wiener — und soweit unwidersprochen — des Berliner Kabinetts über die politische Gesamtlage wiedergibt. Nur über einen Punkt erteilt sie keinen Aufschluß, und auch die Akten schweigen hierüber. Das ist die Frage, wie sich Deutsch- land zur früheren österreichisch-ungarischen Balkanpolitik, und insbesondere zu Serbien, gestellt hat. Wir wissen aber aus dem österreichischen Rotbuch 1919 (I, Nr. 2), daß sich Tisza am 1. Juli über die ,, Eingenommenheit" des deutschen Kaisers für Serbien beklagt hat. Er bat, die Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Wien zu benutzen, um seine Sympathie für Serbien ,,an der Hand der letzten empörenden Ereignisse zu bekämpfen". Der Kaiser kam nicht nach Wien. Die Weitergabe der Gerüchte von einem gegen ihn geplanten Attentat (Weißbuch Nr. 6a, 6b, 9; Rotbuch 1919, I, Nr. 3) hat aber anscheinend dem Zwecke dienen sollen, ihn gegen Serbien einzunehmen.

Auch der englische Botschafter in Wien hat unter dem 5. Juli berichtet, daß der „deutsche Kaiser mit der Serbien feindlichen Politik Österreich-Ungarns nicht einverstanden gewesen sei" (Oman*), S. 14; vgl. auch Weißbuch Nr. 16, 41). Bethmann Hollweg hatte, wie aus dem Rotbuch 1919 (I, Nr. 7) hervorgeht, Österreich-Ungarn „bisher stets den Rat erteilt, sich mit Serbien zu vertragen". Berlin scheint nach der Wiener Auffassung die Ausführung österreichisch-ungarischer Balkanpläne wiederholt be- einträchtigt zu haben. Nach dem Umschwung schrieb deshalb Tisza, am 8. Juli, von dem „langersehnten vollen Erfolg in Berlin" (Rotbuch 1919, I, Nr. 12).


  • ) „The Outbreak of the War of 1914-1918." Eine offiziöse Dar-

stellung auf Grund der Akten des englischen Ministeriums des Äußern, die 1919 erschien.


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In Deutschland bestand kein Grund zu zweifeln, daß die Regierung in Belgrad für das Attentat gegen den Erzherzog- Thronfolger verantwortlich zu machen sei. Es schien eine ernst- hafte Untersuchung in Sarajevo stattzufinden (Weißbuch Nr. 7, 8, 13). Von dem Bericht Wiesners über das zweifelhafte Ergebnis der Vernehmungen (Rotbuch 1919, I, Nr. 17) hat Berlin keine Kenntnis erhalten. Die deutschen Berichte aus Belgrad (Weiß- buch Nr. 10, 19a) schienen die Wiener Auffassung von der Schuld Serbiens zu bestätigen. Es ist auch nicht zu vergessen, daß die serbische Presse in jenen Tagen eine maßlose Hetze gegen Öster- reich-Ungarn betrieb, daß serbische Diplomaten sich zu unge- hörigen Äußerungen hinreißen ließen, und daß nach glaubwürdigen Nachrichten damals in Belgrad wiederholt österreichfeindliche Demonstrationen stattgefunden haben. Alles dies war geeignet, BerHn von der Notwendigkeit eines Einschreitens gegen Serbien zu überzeugen.

Was nun den Inhalt des österreichisch-ungarischen Memo- randums (Weißbuch Nr. 14) anlangt, so wird hinsichtlich der all- gemeinen Lage in Europa darauf hingewiesen, daß die Mittel- mächte eine konservative Politik betrieben, während der Zwei- bund Frankreich-Rußland einer offensiven Tendenz huldigte. Der europäische Friede sei bisher nur dank der militärischen Überlegenheit des durch Rumänien verstärkten Dreibundes er- halten worden. Die Wiener Regierung zog ferner eine Bilanz der Ergebnisse des Balkankrieges, in der die Passivposten die Aktiva überwogen. Zwar sei ein albanischer Staat gegründet worden, Griechenland nehme eine dem Dreibund freundliche Haltung ein, und Bulgarien habe sich von dem russischen Einfluß befreit. Dagegen sei die Türkei sehr geschwächt und Serbien außerordent- lich vergrößert worden. Die Union Serbiens mit Montenegro stehe bevor. Die bedenklichste Erscheinung sei aber die Ent- fremdung Rumäniens, seine Annäherung an Rußland und sein enges Einvernehmen mit Serbien. Das Bündnis der Mittelmächte mit Rumänien sei nahezu entwertet. Durch diese Verschiebung der Kräfte und des politischen Gesamtbildes sei die Hauptfriedens- garantie Europas, die militärische Überlegenheit der Mittelmächte, im Begriff zu verschwinden.

Dazu komme, daß Rußland und Frankreich sich mit dem ihnen günstigen Ergebnisse der Balkankriege nicht zufrieden gäben. Ihre Politik gehe offenbar darauf aus, die gegenwärtig vorhandene Spaltung der Balkanvölker zu beseitigen und den neu zusammengeschlossenen Balkanbund als Waffe gegen Mittel- europa zu gebrauchen, um die militärische Überlegenheit des Dreibundes zu beseitigen. Als Mittel zu diesem Zwecke diene


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anscheinend (dies wurde übrigens inzwischen durch russische und serbische Dokumente bestätigt) das Versprechen einer Vergröße- rung der Balkanstaaten auf Kosten Österreich-Ungarns im Wege einer allgemeinen Grenzverschiebung von Ost nach West. Eine solche Politik sei um so gefährlicher, als die Revanchepläne Frank- reichs zur Genüge bekannt seien, und Rußland außerordentliche Rüstungen betriebe, die sich offensichtlich gegen Deutschland richteten.

Als Mittel, diese Gefahren zu beschwören, schlug die Wiener Regierung vor, Bulgarien an Stelle von Rumänien zum Balkan- exponenten der Mittelmächte zu machen. Werde Bulgarien vor der von Rußland und Frankreich erstrebten Isolierung be- wahrt, so könne es vom Anschluß an den neuen Balkanbund abgehalten werden. Hierzu sei ein Vertragsverhältnis mit Bulgarien erforderlich, das durch ein bulgarisch-türkisches Bündnis zu er- gänzen sei. Auf diese Weise lasse sich die russisch-französische Balkanpolitik und ihre aggressiven Absichten vereiteln,

Serbien wird in dieser Denkschrift nur ganz kurz erwähnt. Österreich-Ungarns Stellung zu diesem Nachbar wird dagegen in einem Schlußabsatz, der nach der Mordtat von Sarajevo ge- schrieben ist, dargelegt. Wie wir heute wissen, liegt das Bedenk- liche in Österreich-Ungarns Stellungnahme zu Serbien weniger in dem, was in dieser Denkschrift gesagt worden ist, als in dem, was sie nicht enthält. Denn sowohl in dem ersten Entwurf des Memorandums (vom Mai), wie auch in seiner zweiten Fassung (vom Juni) ist die Möglichkeit einer Wiederannäherung Serbiens an Österreich-Ungarn durch rumänische Vermittlung noch vor- gesehen. Durch die Streichung dieses Punktes, die natürlich in Berlin nicht bekannt war, gewinnen im Anhang zur Denkschrift die Worte ,, Unüberbrückbarkeit des Gegensatzes zwischen der Monarchie und Serbien" und ,,die Notwendigkeit, mit entschlossener Hand die Fäden zu zerreißen" eine Bedeutung, die ohne Kenntnis der Vorgeschichte des Memorandums nicht ersichtlich war.

Das Handschreiben des Kaisers Franz Joseph vom 2. Juli (Weißbuch Nr. 13) faßt den Inhalt des Memorandums, der ein an sich einwandfreies politisches Programm darstellt, noch einmal zusammen und verschärft seine Grundgedanken, namentlich in der serbischen Frage. Es bleibt aber als Hauptinhalt das durchaus friedUche Ziel, einen neuen, den Mittelmächten freundlichen Balkanbund zu schaffen. Wenn das Wiener Kabinett, das hierin mit Petersburg und Paris übereinstimmte, die Besitzverhältnisse auf dem Balkan so kurz nach den Balkankriegen noch nicht als endgültig ansah, so ist dies nur natürlich. Bulgarien war im Frieden von Bukarest schweres Unrecht geschehen. Nichts ist begreif-


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lieber, als daß man in Wien geneigt war, aus dieser Tatsache politischen Nutzen zu ziehen. Wenn es demnach in dem Schreiben des Kaisers Franz Josef heißt, das Bestreben Österreich-Ungarns müsse ,,in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein", so ist dies ebenfalls nicht befremdlich. Zu Un- recht ist hieraus die erklärte Absicht eines österreichisch-unga- rischen Eroberungskrieges gefolgert worden. Eine solche Absicht konnte dem Schreiben nicht entnommen werden, denn es heißt anschließend: ,,die erste Etappe auf diesem Wege wäre in einer Stärkung der Stellung der gegenwärtigen bulgarischen Regierung zu suchen". Dies bedeutete ein Programm, das sich erst in Jahr und Tag verwirklichen ließ. Hält man dieser Stelle die des Memo- randums gegenüber, in der es heißt, Bulgarien müsse vor russischen Lockungen eines Wiedererwerbes Mazedoniens bei einer staffel- weisen Verrückung der Grenzen von Ost nach West bewahrt werden, so scheint es, daß in V/ien die Absicht bestanden hat, Bulgarien in der Hoffnung auf einen künftigen Krieg gegen Serbien zu bestärken.

Was schließlich die Haltung Deutschlands gegenüber den österreichisch-ungarischen Vorschlägen anlangt, so ist zunächst festzustellen, daß zwischen dem Kaiser, dem Kanzler und dem Auswärtigen Amt Übereinstimmung geherrscht hat. Eine Stellung- nahme zur Wiener Darlegung der allgemeinen europäischen Lage erfolgte nicht, doch ist die Auffassung der deutschen Regierung und ihre Beunruhigung aus dem Erlaß nach London vom 16. Juni (Weißbuch Nr. 3) ersichtlich. Die österreichisch-ungarischen Sorgen wegen der Lage auf dem Balkan, und insbesondere Serbiens, wurden als berechtigt anerkannt. Die russischen und serbischen Urkunden haben ja auch die Wiener Darstellungen in allen wesent- lichen Punkten bestätigt. Die Berliner Regierung erklärte ihr Einverständnis mit jedem Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien, also auch mit einem Kriege. Sie gab der Wiener Regierung freie Hand. übrigens war auch die österreichisch-ungarische Regierung der Ansicht, daß sie allein zu entscheiden habe, was gegen Serbien unternommen werden müsse (Rotbuch 1919, I, Nr. 3). Deutscherseits ist aber nicht die Einwilligung zu einer machtpolitischen Aktion im Sinne einer Expansionspolitik gegeben worden. Von der Absicht eines „Vormarsches auf Konstantinoper ', von der die Entente zu berichten weiß, ist nach Maßgabe der Ber- liner und Wiener Akten keine Rede. Die Aktion war als rein de- fensives Unternehmen gedacht. Sie wurde deutscherseits ge- billigt trotz der Gefahr einer Verwicklung mit Rußland (Weiß- buch, Band I, S. XV, XVI; Reichstag-Denkschrift vom 3. 8. 1914; Rotbuch 1919, I, Nr. 6).


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^ Hinsichtlich der speziellen Vorschläge Österreich-Ungarns wurden deutscherseits zwar Bedenken gegen einen Anschluß Bulgariens an den Dreibund erhoben, schließlich diesem aber zugestimmt. Die Berliner Regierung wollte jedoch ihre früheren guten Beziehungen zu Rumänien nicht aufgeben, ohne noch ein- mal den Versuch zu machen, Rumänien vom Anschluß an einen den Mittelmächten feindlichen Balkanbund abzuhalten. Sie verlangte auch, daß der Vertrag mit Bulgarien keine Spitze gegen Rumänien haben dürfe. Eine Stellungnahme zur schwebenden österreichisch-serbischen Frage, also eine Erörterung der Mittel und Wege, wurde ausdrücklich abgelehnt, Österreich-Ungarn jedoch nahegelegt, rasch zu handeln, um für seine Aktion gegen Serbien die günstige Konstellation des Augenblickes auszunutzen. Dieser letztere Rat, der politisch zweifellos richtig war, ist im Laufe der nächsten Wochen mehrfach wiederholt worden.

     Bei diesem entscheidenden Wendepunkt vom 5. und 6. Juli ist zunächst festzustellen, daß von der Absicht, einen allgemeinen Krieg zu entfesseln, wie die Entente dies unterstellt hat, keine Rede gewesen ist. Dies zeigt einmal, daß in Wien und Berlin Pläne einer Balkanpolitik in Aussicht genommen wurden, die zu ihrer Verwirklichung längere Zeit erforderten. Über die Möglich- keit, daß aus einer österreichisch-ungarischen Aktion gegen Serbien ein allgemeiner Krieg entstehen könne, war man sich natürlich im klaren. Von einem dolus eventualis der deutschen Regierung zu sprechen, ist nicht berechtigt, denn dieser juristische Begriff ist auf politische Erwägungen nicht anwendbar, bei denen natur- gemäß alles relativ ist. Die Gefahr der Entfesselung eines euro- päischen Krieges bestand seit Jahren bei jeder politischen Aktion. Selbst die Entsendung der Militärmission nach der Türkei hat im Januar 1914 fast zum europäischen Kriege geführt, und es ist sehr zu fürchten, daß sich die europäischen Staatsmänner allzusehr an den Gedanken der immer vorhandenen Kriegsgefahr gewöhnt hatten. Für die Beurteilung der deutschen Politik zu Anfang des Juli 1914 ist nicht ausschlaggebend, ob sie die Möglichkeit eines Krieges voraussah, sondern, wie ernst sie diese Gefahr einschätzte. Hierüber geben die Akten genügenden Aufschluß. Offensichtlich sah man eine Gefahr für den Frieden nur auf Seiten Rußlands. Ein Eingreifen seitens Englands erwartete man nicht, und merk- würdigerweise hat man auch von französischer Seite nichts be- fürchtet. Über die Haltung der Petersburger Regierung scheint die übereinstimmende Ansicht geherrscht zu haben, daß Rußland nicht genügend gerüstet sei und deshalb keinen Krieg führen könne und werde. Zudem setzte man außerordentlich große und, wie sich bald zeigen sollte, ganz ungerechtfertigte Hoffnungen auf das Gefühl monarchischer Solidarität, das den Zaren abhalten werde, „sich auf die Seite der Prinzenmörder zu stellen".      Es sei übrigens darauf hingewiesen, daß in den Dokumenten die Erörterung der Kriegsgefahr vermutlich mehr Raum einnimmt, als den Umständen entsprach. Denn der ungünstigste Fall wird stets ausführlich behandelt, während man die Selbstverständlich- keiten einer günstigen Lösung kaum berührt.      Die deutsche Regierung hat aus den wesentlichsten Ge- sichtspunkten ihrer damaligen Haltung kein Hehl gemacht. In der Reichstags-Denkschrift vom 3. August 1914 wurde über die Lage zu Anfang Juli zutreffend gesagt:      „Die k. u. k. Regierung benaciirichtigte uns von dieser Auffassung (daß es weder mit der Würde nocli mit der Seibsterhaltung der Monarcliie verein- bar wäre, dem Treiben jenseits der Grenze noch länger tatenlos zuzusehen) und erbat unsere Ansicht. Aus vollem Herzen konnten wir unserem Bundes- genossen unser Einverständnis mit seiner Einschätzung der Sachlage geben und ihm versichern, daß eine Aktion, die er für notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung finden würde. Wir waren uns hierbei wohl bewußt, daß ein etwaiges kriegerisches Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns hiermit, unserer Bundespflicht ent- sprechend, in einen Krieg verwickeln könnte. Wir konnten aber in der Erkennt- nis der vitalen Interessen Österreich-Ungarns, die auf dem Spiele standen, unserem Bundesgenossen weder zu einer mit seiner Würde nicht zu verein- barenden Nachgiebigkeit raten, noch auch ihm unseren Beistand in diesem schweren Moment versagen. Wir konnten dies um so weniger, als auch unsere Interessen durch die andauernde serbische Wühlarbeit auf das empfindlichste bedroht waren. Wenn es den Serben mit Rußlands und Frankreichs Hilfe noch länger gestattet geblieben wäre, den Bestand der Nachbarmonarchie zu gefährden, so würde dies den allmählichen Zusammenbruch Österreichs und eine Unterwerfung des gesamten Slawentums unter russischem Szepter zur Folge haben, wodurch die Stellung der germanischen Rasse in Mitteleuropa unhaltbar würde. Ein moralisch geschwächtes, durch das Vordringen des russischen Panslawismus zusammenbrechendes Österreich wäre für uns kein Bundesgenosse mehr, mit dem wir rechnen könnten und auf den wir uns ver- lassen könnten, wie wir es angesichts der immer drohender werdenden Haltung unserer östlichen und westlichen Nachbarn müssen. Wir ließen daher Öster- reich völlig freie Hand in seiner Aktion gegen Serbien. Wir haben an den Vor- bereitungen dazu nicht teilgenommen."      Die deutsche Regierung hat bei der Aufstellung der an Serbien zu richtenden Forderungen nicht mitgewirkt und hat dadurch in kurzsichtiger Weise die Mitverantwortung zu vermeiden ge- sucht. Bereits am 4. Juli schrieb der Kaiser an den Rand eines Berichtes aus Wien (Weißbuch Nr. 7) : Es sei ,, lediglich Österreichs Sache, was es zu tun gedenkt. Nachher heißt es dann, wenns schief geht, Deutschland hat nicht gewollt." Die Haltung der deutschen Regierung Österreich-Ungarn gegenüber hat der baye- rische Gesandte in Wien, Freiherr von Tucher, seinerzeit sehr treffend gekennzeichnet :

,,Unsere Stellung Österreich-Ungarn gegenüber ist sehr heikel; wir müssen uns hüten, seine Empfindlichkeit zu verletzen, und bei Fragen dieser Art ent-

halten wir uns sorgfältig, ihm Ratschläge im einen oder im anderen Sinne zu erteilen, um uns nicht in der Folge Vorwürfen auszusetzen, falls die Ereignisse eine unerwünschte Wendung nehmen. Auch diesmal hat Deutschland seinem Verbündeten erklärt, dieser müsse lediglich seine eigenen Interessen berück- sichtigen und so handeln, wie er es für notwendig erachte. Es hat sich darauf beschränkt, hinzuzufügen, daß es ihm nötigenfalls zur Seite stehen würde." (Bericht des belgischen Gesandten in Wien vom 27. Juli 1914, Nr. 403/149, Deutsche Allgemeine Zeitung vom 22. Mai 1919.)      Die deutsche Regierung ist gemäß den bei Beginn der Krise mit Wien vereinbarten Richtlinien vorgegangen, Sie hat ihren Gesandten in Bukarest und Sofia entsprechende Weisungen erteilt und sich, von gelegentlichen Warnungen an Serbien abge- sehen, der Einmischung in die serbische Frage enthalten. Die Wiener Regierung machte allerdings den Versuch, Berlin zur Stellungnahme zu veranlassen. Am 10. Juli telegraphierte der deutsche Botschafter in Wien, Berchtold würde gern wissen, wie man in Berlin über die Formulierung geeigneter Forderungen gegenüber Serbien denke. Er meinte, man könnte unter anderem verlangen, daß in Belgrad ein Organ der österreichisch-ungarischen Regierung eingesetzt werde, um von dort aus die großserbischen Umtriebe zu überwachen (der spätere Punkt 5 der Note), eventuell auch die Auflösung von Vereinen (Punkt 2) und Entlassung einiger kompromittierter Offiziere (Punkt 4). Die Frist zur Be- antwortung müsse möglichst kurz bemessen werden, wohl mit 48 Stunden (Weißbuch Nr. 29).      Wie aus dem Bericht des bayerischen Geschäftsträgers vom 18. Juli (Weißbuch, Anhang IV, Nr. 2) bekannt ist, hatte man in Berlin Kenntnis von weiteren Punkten der beabsichtigten öster- reichisch-ungarischen Note, und zwar von der Forderung einer Proklamation und von den späteren Punkten 6 und 4. Woher diese Kenntnis stammte, ist weder aus den deutschen, noch aus den österreichisch-ungarischen Akten ersichtlich. Demnach war in Berlin über die Note bekannt: die Absicht, sie auf 48 Stunden zu befristen, die Forderung einer Proklamation (die von Serbien angenommen wurde), die Punkte 2, 4, 5 und 6 in Umrissen. (Von diesen wurde Punkt 2 angenommen, gegen Punkt 4, 5 und be- sonders 6 wurden mehr oder weniger ernste Bedenken erhoben.)      Wie aus dem Blaubuch (Nr. 161) bekannt ist, hat der eng- lische Botschafter in Wien bereits am 16. Juli telegraphisch über die beabsichtigte österreichisch-ungarische Demarche berichtet (siehe auch Oman, S. 14), und der französische Konsulatskanzler in Wien, der vielleicht einen tschechischen Freund im Ministerium des Äußeren hatte, schrieb am 20. Juli einen Bericht über die be- absichtigte Note, der den Inhalt der Punkte 1, 2 und 3 und 8 ziemlich zutreffend wiedergibt (Gelbbuch Nr. 14). Paris war demnach annähernd ebenso gut unterrichtet wie Berlin.      Die deutsche Regierung lehnte es am 11. Juli ab, zu Berchtolds Fragen Stellung zu nehmen (Weißbuch Nr. 31) und beschränkte sich darauf, nach Möglichkeit für einen glatten Verlauf der Krise zu sorgen. So erteilte sie den Rat, den geplanten Schritt vor der Öffentlichkeit eingehend zu begründen und befürwortete den österreichisch-ungarischen Entschluß, die Abreise Poincares aus Petersburg abzuwarten, damit nicht in der damaligen Verbrüde- rungsstimmung dort übereilte Schritte beschlossen würden.      Die verantwortlichen Persönlichkeiten in Berlin hätten eine baldige Demarche in Belgrad begrüßt, weil diese naturgemäß unter dem frischen Eindruck des Attentats von Sarajevo mehr Verständnis und Sympathie finden mußte, und haben auch dieser Auffassung wiederholt Ausdruck gegeben. Ferner zeigten sie eine nur aus der noch unbekannten Geschichte der deutsch-öster- reichischen Beziehungen begreifliche Sorge, in Wien nicht als hemmender Faktor zu erscheinen (Weißbuch Nr. 61, 70). Eine Beeinflussung Österreich-Ungarns durch die Berliner Regierung im Sinne einer Verschärfung der zu stellenden Forderungen ergibt sich, wie gesagt, aus den deutschen Akten nicht. Berlin hat keinen direkten Einfluß auf den Inhalt der Note an Serbien ausgeübt. Auch der deutsche Botschafter in Wien hat an den Beratungen über die in Belgrad zu stellenden Forderungen nicht teilgenommen. Dies bestätigte übrigens Tisza kurz vor seinem Tode in einer Rede im ungarischen Abgeordnetenhause am 22. Oktober 1918. Bis er durch das Telegramm vom 6. Juli (Weißbuch Nr. 15) verständigt wurde, daß Deutschland „zu den zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schwebenden Fragen naturgemäß keine Stellung nehme", hat Tschirschky in Wien zur Mäßigung und Vorsicht ge- raten. Bereits am 30. Juni berichtet er, daß er jeden Anlaß be- nutze, um nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen (Weißbuch Nr. 7). Er empfahl, vor allem die europäische Gesamtlage in Rechnung zu ziehen. Ähnlich äußerte er sich am 2. Juli dem Kaiser Franz Joseph gegenüber (Weißbuch Nr. 11).      In Berlin war aus den Berichten Tschirschkys bekannt, daß Berchtold persönlich eine kriegerische Lösung des Konfliktes be- vorzugte. Ebenso wußte man, daß Tisza zur Mäßigung riet. In diesen Konflikt der Meinungen wurde deutscherseits nicht ein- gegriffen. Die deutsche Regierung scheint selbst der Auffassung gewesen zu sein, daß eine Lösung des österreichisch-serbischen Konfliktes ohne kriegerische Auseinandersetzung möglich sei, wenn Serbien sich bereit erklärte, die Mordtat von Sarajevo zu sühnen und ausreichende Garantien für die Zukunft zu geben*).


  • ) Siehe Gelbbuch Nr. 9; serbisches Blaubuch Nr. 19, 26; Weiß-

buch Nr. 91.


     Zeigte sich Serbien nicht gewillt, die diesbezüglichen österreichisch- ungarischen Forderungen zu erfüllen, so sah man in Berlin in der Anwendung militärischer Zwangsmittel offenbar ein geringeres Übel als in der Fortdauer des durch die großserbischen Um- triebe geschaffenen Zustandes dauernder Beunruhigung.      Da über die Absichten der Wiener Regierung und den Inhalt der Note nichts Näheres bekannt war (Weißbuch Nr, 61), wurde deutscherseits am 19. Juli telegraphisch um Mitteilung ihres Wortlautes gebeten (Weißbuch Nr. 77). Dieser lag aber erst am Abend des 22. Juli in Berlin vor*). Da die Note, wie der österreichisch-ungarische Botschafter erklärte, bereits nach Belgrad abgegangen war (am 20. Juli! — Rotbuch 1919, I, Nr. 27), wäre es nicht möglich gewesen, eine Abänderung ihres Wortlautes zu erwirken. Die österreichisch-ungarischen Forderungen wurden jedoch von Bethmann Hollweg und von Jagow als zu weitgehend und die Sprache der Note als zu scharf beurteilt**). Daß man in Berlin den Vertretern des Dreiverbandes von dieser Einschätzung keine Mitteilung machte, ist ganz natürlich. Die Meldung: Szö- gyenys, Jagow habe ihm versichert, „daß die deutsche Regierung mit dem Inhalt dieser Note selbstverständlich ganz einverstanden sei" (Rotbuch 1919, II, Nr, 6), stimmt mit der Darstellung Jagows nicht überein.      Bei der Haltung der Belgrader Regierung in der Vergangenheit sowohl wie während der Krisis 1914 konnte es deutscherseits nicht als wahrscheinlich angesehen werden, daß Serbien den Wiener Forderungen nachkommen würde. Von vornherein war also damit zu rechnen, daß militärische Operationen Österreich-Ungarns gegen Serbien stattfinden würden. Es verdient aber hervorgehoben zu werden, daß die deutsche Regierung keineswegs einen Krieg gegen Serbien unter allen Umständen wünschte oder gar ihn herbeizuführen suchte. Dies geht zur Genüge aus ihrer Stellung- nahme zur serbischen Antwortnote hervor, (Siehe die Rand-


  • ) Der Bericht aus Wien vom 21. Juli (Weißbuch Nr. 106), mit dem der

Text der Note eingereicht wurde, ist im Weißbuch als erstes Dokument vom 22. Juli eingeordnet worden. Dadurch wird der Eindruck hervorgerufen, daß diese „nachmittags" registrierte Urkunde frühzeitig eingegangen sei. Dies ist nach Jagow: „Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges," Seite 109, nicht der Fall, denn sie wurde ihm erst in den Abendstunden vorgelegt (vgl. auch Rotbuch 1919, I, Nr. 46).

    • ) Vgl. Weißbuch, Anhang IX, Jagow, a. a. O., Bethmann Hollweg:

„Betrachtungen zum Weltkriege", S. 138 f. — Die Darstellung BethmannS und Jagows bestätigt eine Textveränderung bei der ersten Veröffentlichung des Runderlasses vom 21. Juli (Weißbuch Nr, 100). In diesem ohne Kenntnis des Wortlauts der Wiener Note geschriebenen Erlasse werden die österreichisch- ungarischen Forderungen als „billig und maßvoll" bezeichnet, in der Anlage zur Reichstagsdenkschrift vom 3. 8. 1914 dagegen nur als „gerechtfertigt".

bemerkung des Kaisers unter der serbischen Antwortnote Weiß- buch Nr. 271, sein Schreiben an Jagow vom 28.JuH, Weißbuch Nr. 293, das Schreiben des Generals von Plessen an den General- stabschef vom gleichen Tage, ,, Deutsche Politik", IV, 29, vom 28. 7. 1919, und das Telegramm des Reichskanzlers nach Wien, ebenfalls vom 28. Juli, Weißbuch Nr. 323.)      Die Haltung der deutschen Regierung in der Zeit bis zum österreichisch-ungarischen Ultimatum an Serbien setzt sie mancher- lei berechtigten Kritik aus. Das letzte Wort hierüber wird aber erst nach der Vernehmung der Beteiligten zu sagen sein. Zu allen wesentlichen Punkten der Anklagen der Entente kann man jedoch heute bereits Stellung nehmen. In ihrer Note vom 16. Juni 1919 haben die Alliierten und Assoziierten Mächte behauptet, „während langer Jahre hätten die Regierenden Deutschlands, getreu der preußischen Tradition, die Vorherrschaft in Europa angestrebt. ... Sie hätten getrachtet, sich dazu fähig zu machen, ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren.... Als sie festgestellt hätten, daß ihre Nachbarn entschlossen wären, ihren anmaßenden Plänen Widerstand zu leisten, da hätten sie beschlossen, ihre Vorherrschaft mit Gewalt zu begründen".      In den deutschen und österreichisch-ungarischen Akten findet sich nicht der geringste Beleg für diese Behauptungen. Deutscher- seits ist die Aktion gegen Serbien stets nur als Präventivmaßnahme betrachtet worden.      Ferner haben die Alliierten und Assoziierten Mächte in ihrer Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge erklärt: Die Mittel- mächte hätten versucht, „die Lösung einer europäischen Frage den Nationen Europas durch die Drohung eines Krieges aufzu- zwingen.... Die serbische Frage wäre nicht und hätte niemals eine rein österreichisch-serbische Frage sein können .... Sie war ihrem Wesen nach eine europäische Frage, da sie die Kontrolle des Balkans aufs Spiel setzte und daher nicht nur den Frieden auf dem Balkan, sondern den ganz Europas betraf".      Die Berechtigung dieser Auffassung vom Standpunkt des Dreiverbandes aus läßt sich vertreten, sobald man zugibt, daß Serbien der Exponent einer aggressiven Balkänpolitik des Dreiverbandes war. Sicher ist aber, daß man in Berlin im Juli 1914 nicht eine Lösung der serbischen Frage im Sinne einer europäischen Balkanfrage anstrebte, sondern allein eine nach- haltige Klärung der unhaltbar gewordenen austro-serbischen Beziehungen. Gewiß kann man der deutschen Regierung den Vorwurf machen, daß sie die europäische Gesamtlage nicht richtig einschätzte. Die Unterstellung weitgehender Pläne, die ihr jetzt nachträglich von ihren Gegnern vorgeworfen werden, entbehrt jedoch offensichtlich jeder Begründung. Vergegenwärtigt man sich all die Hilflosigkeit, Angst und Planlosigkeit, die in dem deutschen Aktenmaterial offenbar wird, dann wirkt die Auffassung der Alliierten und Assoziierten Mächte wie ein Hohn, wenn diese in der vorgenannten Denkschrift behaupten : ,,Das autokratische Deutschland wollte unter dem Einfluß seiner Lenker mit aller Macht die Vorherrschaft erlangen. Die Nationen Europas waren entschlossen, ihre Freiheit zu retten. Die Furcht der Führer Deutschlands, es möchten ihre Pläne der Weltherr- schaft durch die wachsende Flut der Demokratie zunichte gemacht werden, führte sie dazu, alle ihre Bemühungen darauf zu richten, jeden Widerstand mit einem Streiche zu brechen, indem sie Europa in einen Weltkrieg stürzten... In der Erkenntnis, daß es seine Ziele nicht anders erreichen konnte, entwarf und be- gann Deutschland den Krieg". Wenn diese Absichten bestanden hätten, müßten sie sich bereits in der Zeit vor der Überreichung des österreichisch - ungarischen Ultimatums deutlich offenbaren. Wir finden aber in den Akten ebensowenig Spuren von Plänen der Weltherrschaft wie von der wachsenden Flut der Demokratie. Die internen Meinungsäußerungen der Dreiverbandsmächte lassen sich weit eher als autokratisch, denn als demokratisch be- zeichnen.      Schließlich ist die Pariser Schuldkommission in ihrem Bericht vom 29. März 1919 zu dem Ergebnis gekommen: ,,Der Krieg ist von den Zentralmächten ebenso wie von ihren Verbündeten, der Türkei und Bulgarien, mit Vorbedacht geplant worden. Er ist das Ergebnis von Handlungen, die vorsätzlich und in der Absicht begangen wurden, ihn unabwendbar zu machen". Von diesem Vorsatz zum Weltkriege fehlt, wie gesagt, in dem deutschen Ur- kundenmaterial jede Spur. Daß die Türken und Bulgaren an der Entstehung des Weltkrieges nicht beteiligt waren, ist nun- mehr ebenfalls erwiesen. Die Berliner und Wiener Absichten, die auf einem Anschluß Bulgariens und der Türkei an den Drei- bund abzielten, sollten in einer Zeit verwirklicht werden, die erst nach der Regelung des austro-serbischen Konfliktes lag. Eine Berechtigung der Hauptanklagen unserer Gegner kann also nicht zugegeben werden.      Von anderer, namentlich von deutscher Seite ist ferner der Vorwurf, der nicht immer als Vorwurf gemeint ist, erhoben worden, die deutsche Regierung hätte einen Präventivkrieg plan- mäßig herbeigeführt. Die Anhänger dieser Auffassung berufen sich unter anderem auf die Reichstags-Denkschrift vom 3. August 1914, in der es heißt: ,,Wir waren uns hierbei wohl bewußt, daß ein etwaiges kriegerisches Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns hiermit, unserer Bundespflicht entsprechend, in einen Krieg verwickeln könnte". Diese Schlußfolgerung läßt aber außer acht, daß eine Kriegsgefahr in jenen Jahren immerwährend bestand. In der Politik ist alles relativ. Es darf daher nicht gefragt werden: Bestand bei einem Vorgehen gegen Serbien die Gefahr eines Weltkrieges? Die Frage muß vielmehr lauten: Wie groß war diese Gefahr, bzw. wie hoch wurde sie deutscherseits eingeschätzt? Nun hat die deutsche Regierung ganz offensichtlich geglaubt, daß Rußland nicht ge- nügend gerüstet sei und deshalb auch nicht zum Kriege schreiten werde. Dies geht nicht nur aus deutschen Aktenstücken, sondern auch aus denen unserer Gegner hervor (z. B. aus Blaubuch Nr. 32, 161). An die Möglichkeit, daß Frankreich und England vielleicht die Gelegenheit benutzen würden, einen Krieg herbeizuführen, falls Österreich-Ungarns Vorgehen Deutschland ins Unrecht setzte, hat man offenbar überhaupt nicht gedacht; ebensowenig daran, daß Österreich-Ungarn weitergehende Pläne haben könnte, als die, welche es nach Berlin mitteilte.      Die Regierung Bethmann Hollwegs hat zweifellos viele Mängel gehabt. Durch bewußten Leichtsinn wird sie aber nicht gekenn- zeichnet. Deshalb muß man als sicher annehmen, daß sie für einen beabsichtigten Präventivkrieg Vorbereitungen getroffen haben würde. Von derartigen Vorbereitungen ist aber nichts bekannt. Im Gegenteil wissen wir, daß Maßnahmen, die im Falle eines bevor- stehenden Krieges unerläßlich gewesen wären, nicht ausgeführt worden sind. Es sei nur an die obenerwähnte Verproviantierung der Festungen Straßburg und Neubreisach erinnert. Tisza hat am 1. Juli gefordert, daß, wenn es zum Kriege kommen solle, vorerst eine diplomatische Konstellation geschaffen werden müßte, welche das Kräfteverhältnis weniger ungünstig für die Mittelmächte ge- staltete (Rotbuch 1919, I, Nr. 2). Diese Forderung ist so selbst- verständlich, daß sich aus ihrer Nichterfüllung folgern läßt, die Absicht eines europäischen Krieges habe in Berlin nicht bestanden. Das Verhalten der Ententemächte zur Zeit der Balkankriege ver- anschaulicht, was Tisza mit diplomatischer Vorbereitung eines Krieges meinte. Nach Vermittelung des grundlegenden serbisch- bulgarischen Vertrages umspannte Rußland im Sommer 1912 den Balkan mit einem ganzen Netz von Bündnissen und Militärkonventionen. Dann schloß es am 8. Juli einen Ge- heimvertrag mit Japan, der ihm den Rücken sicherte. Am 16. Juli desselben Jahres wurde das erste russisch-französische Marine- Abkommen getroffen, das durch englisch-französische Ab- machungen ergänzt wurde, denen die englisch-russische Aussprache vom September 1912 folgte (Besuch Sasonows in Baimoral, 23. bis 28. September). Ihren Abschluß scheint diese Entwickslung in der diplomatischen Bestätigung d^r militärischen und maritimen Abmachungen zwischen England und Frankreich durch den be- kannten Notenwechsel vom 22. und 23, November 1912 gefunden zu haben. Wenn die deutsche Regierung den Weltkrieg auch 'nur im Sinne eines Präventivkrieges gewollt hätte, maSte sie ähn- liche Vorbereitungen treffen. Dies ist jedoch offenbar nicht geschehen.      Selbst die beabsichtigte Defensiv-Aktion gegen Serbien hätte diplomatisch besser vorbereitet werden mässen. Berlin hat auch jin dieser Hinsicht eingegriffen, als es sah, da3 Wien das Notwen- digste versäumte. Am 15. Juli wies Jagow den deutschen Bot- schafter in Wien an, die dortige Regierung darauf hinzuweisen, daß es unerläßlich sei, sich mit Italien über die Aktion gegen Serbien zu verständigen, die Frage der Kompensationen, des Ar- tikels VII des Dreibundvertrages und des Bündnisfalles zu regeln (Weißbuch Nr. 46). In der Folgezeit ist in dieser Hinsicht deutscher- seits noch viel veranlaßt worden, und fast der ganze Schriftwechsel zwischen Berlin und Rom behandelt die Frage der Kompensation für Italien. Berchtold hat aber für den von Jagow vertretenen, durchaus richtigen Gesichtspunkt kein Verständnis gezeigt. Wie aus dem neuen österreichischen Rotbuch hervorgeht, hat auch der Botschafter Merey in Rom in dieser Hinsicht eine unheilvolle Rolle gespielt (Rotbuch 1919, II, Nr. 50, 85, 86, III, Nr. 10, 60). Noch am 28. Juli vertrat er den Standpunkt: ,,Mein ceterum censeo ist, Kompensationsansprüche rundweg in Abrede zu stellen und uns ja in keine heiklen Verhandlungen oder Engagements einzu- lassen." Diese Verhandlungen betrafen aber immer nur die Stellung- nahme Italiens zum austro-serbischen Konflikt. Erst am 30. Juli ist davon die Rede, daß Österreich-Ungarn seinen Standpunkt in der Kompensationsfrage wegen der italienischen Haltung im ^drohenden Weltkriege aufgeben bzw. abändern müsse (Rotbuch •1919, III, Nr. 32).      I Die beabsichtigte Annäherung an Bulgarien trug eben- ifalls nicht den Charakter einer Vorbereitung auf den Weltkrieg. Der geolante Bündnisschluß wurde zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben (Weißbuch Nr. 19,21,22; Rotbuch 1919, I, Nr. 11). Um eine Ausdehnung des Konfliktes zu verhüten, wurden sehr zahlreiche Schritte unternommen, die die Neutralität Bulgariens in dem österreichisch - serbischen Streit zum Ziel hatten. In der ersten Periode der Krisis geschah dies lediglich in dem Streben nach Lokalisierung, später allerdings erschien die neutrale Haltung Bulgariens als Vorbedingung für die Bündnistreue Rumäniens (Weißbuch Nr. 544, 549). Auf Bulgarisn, einen für den Weltkrieg wertvollen Bundesgenossen, hat man in dieser Periode offensicht- lich nicht gerechnet. Nur einmal — am 26. Juli — erkundigte sich Jagow in Wien nach dem Stand der Angelegenheit (Weiß- buch Nr. 228). Die Verhandlungen über einen österreichisch- bulgarischen Vertrag haben bekanntlich erst am 2. August begonnen (Weißbuch Nr. 673).      Im Falle der Absicht eines Weltkrieges hätte Deutschland sich gewiß auch frühzeitig die Unterstützung der Türkei ge- sichert. Am 14. Juli wurde jedoch die Frage des Anschlusses der Türkei an den Dreibund verneint. Wie aus dem Telegramm Jagows nach Wien und Konstantinopel hervorgeht, rechnete dieser damals nicht mit einem Weltkriege (Weißbuch Nr. 45). Im ersten Stadium der Verhandlungen war überdies nur von einem Anschluß der Türkei an Österreich - Ungarn die Rede. Die Anregung zu einem deutsch - türkischen Bündnis gegen Rußland ging von der Türkei aus (Weißbuch Nr. 285). Deutscherseits wurde dieser Vorschlag am 28. Juli angenommen (Weißbuch Nr. 320). Da aber der mili- tärische Wert des türkischen Bündnisses sehr gering eingeschätzt wurde, ist anzunehmen, daß bei diesem Vertragsschluß die Furcht vor einem Abschwenken der Türkei zum Dreiverband (siehe Randvermerk des Kaisers zu Weißbuch Nr. 149), und nicht der Gedanke, die Zahl der Mitkämpfer zu erhöhen, den Aus- schlag gab.      Wäre deutscherseits ein Präventivkrieg geplant worden, dann hätte man sich in erster Linie der Bundestreue Rumä- niens versichert. Nichts dergleichen geschah. Alle beabsich- tigten und vollzogenen Verhandlungen mit Rumänien drehten sich um die Frage der künftigen politischen Zusammenhänge auf dem Balkan. Vom Kriege und Rumäniens Teilnahme am Kriege ist in der Zeit vor dem Wiener Ultimatum niemals die Rede ge- wesen. Am 26. und wiederum am 29. Juli bat die rumänische Regierung, ,, rechtzeitig informiert zu werden, wenn die Ereignisse zum Kriege drängen sollten" (Weißbuch Nr. 208, 351). Eine Ant- wort ist anscheinend nicht gegeben worden. Die Frage des Bündnis- falles und des rumänischen Eingreifens in den Krieg wurde erst nach der allgemeinen russischen Mobilmachung zur Sprache gebracht (Weißbuch Nr. 506, 582).      Von deutschen militärischen Maßnahmen aus dieser Zeit ist nichts bekannt; dasselbe gilt von wirtschaftlichen Kriegsvorbe- reitungen. Gewiß war ,,das Heer, wie immer, bereit", wie der Generalleutnant Graf Waldersee in seinem Schreiben vom 25. Ok- tober 1919 (Weißbuch, Band I, Seite XV) sagte. Im Falle eines beabsichtigten Krieges gibt es jedoch neben der allgemeinen Be- reitschaft der Armee zahllose militärpolitische Maßnahmen, die getroffen werden müssen. Wir wissen aber aus dem ersten Ent- wurf eines Schreibens des Generals Conrad vom 1 . August (Gooss, Seite 311), daß bis zu diesem Tage nicht einmal eine Verständigung zwischen den deutschen und österreichisch-ungarischen General- stäben über den Aufmarsch gegen Rußland herbeigeführt worden war.      Gewiß zeugen alle diese Tatsachen gegen die Behauptung, Deutschland habe den Weltkrieg gewollt, bzw. einen Präventiv- krieg herbeigeführt. Andererseits ist nicht zu bestreiten, daß sich die Reichsregierung in eine außerordentlich große Gefahr begeben hat, ohne genügende politische und militärische Vorbe- reitungen getroffen zu haben. Es wäre sehr viel besser gewesen, der so oft behauptete Potsdamer Kronrat hätte stattgefunden, und es spricht für die bessere politische Schulung unserer Gegner, daß sie so lange an diesem Märchen festgehalten haben und gar nicht fassen können, daß Deutschland bei Kriegsausbruch derartig mangelhaft vorbereitet war.      Der Weltkrieg ist aus dem österreichisch-ungarischen Kriege gegen Serbien hervorgegangen, und an der Entstehung des letzteren ist die deutsche Regierung zweifellos mitschuldig. Daraus zu folgern, daß sie den Weltkrieg verschuldet habe, wäre nur zulässig, wenn einwandfrei festgestellt würde, daß die europäische Kon- flagration eine unausbleibliche und unabwendbare Folge des österreichisch - ungarischen Vorgehens gegen Serbien war. Dieser Nachweis ist noch nicht erbracht. Die Berliner Regierung scheint sich jedenfalls zugetraut zu haben, die Gefahr des Welt- krieges bannen zu können. Dies Problem gehört zu den politischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, für die es eine objektive Lösung nicht gibt.      Die deutsche Regierung hat ihre Einwilligung zu einem Kriege Österreich-Ungarns gegen Serbien gegeben. Das Ziel, das ihr hierbei vorschwebte, war einzig und allein die Unterdrückung der großserbischen Bewegung, zur Erhaltung des Bestandes und der Bündnisfähigkeit der Donaumonarchie. Es fragt sich zunächst, v/eshalb Deutschland seinen Verbündeten in dieser ihn nur mittel- bar berührenden Angelegenheit unterstützte, und ob es notwendig war, wegen der serbischen Frage Gefahren zu laufen. Das letztere wird von der weiteren Frage der Notwendigkeit seiner Aktion ab- hängen. Darüber, daß Deutschland ,,im Einklang mit seinen Bündnispflichten und seiner alten Freundschaft treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen werde", bestand damals weder bei der Regierung, noch — daran sei besonders erinnert — bei der deutschen Öffentlichkeit der geringste Zweifel. Tschirschky hat bereits am 2. JuU erklärt, Kaiser Franz Joesph könne ,, sicher darauf bauen, Deutschland geschlossen hinter der Monarchie zu finden sobald es sich um die Verteidigung eines ihrer Lebensinteressen handele" (Weißbuch Nr. 1 1). Was Tschirschky hier o h n e A u f trag erklärte, war richtig, selbst im weitesten Sinne, wenn dies auch heute mancher nicht wahr haben mag. Ebenso haben offenbar weder der Kaiser, noch der Kanzler, noch das Auswärtige Amt am 5. und 6. Juli irgendwie gezögert, die deutsche Unterstützung zuzusagen. Klug und überlegt war diese Haltung wohl nicht, sie entsprach aber jedenfalls dem Empfinden der allgemeinen Meinung Sedann ist die Frage ^zu stellen, ob ein Vorgehen gegen Serbien von dem Gesichtspunkte der Erhaltung Österreich- Ungarns aus notwendig war. In Berlin und Wien hat man diese Frage seinerzeit übereinstimmend bejaht. Daß Österreich-Ungarn Grund und Anlaß hatte, gegen Serbien vorzugehen, ist früher auch in anderen Ländern anerkannt worden. Zum Beispiel hat das eng- lische Ministerium des Äußeren selbst nach Kriegsausbruch dies nicht bestritten. Es heißt in der Einleitung zum Blaubuch: ,, Öster- reich war provoziert. Es hatte über eine gefährliche Volksbewegung gegen seine Regierung zu klagen." Im übrigen scheinen die rus- sischen und serbischen Veröffentlichungen die Auffassung der österreichisch - ungarischen Regierung zu rechtfertigen. Die En tentemächte nehmen heute den entgegengesetzten Standpunkt ein. Sie sind aber Partei, da sie zum Teil Anstifter Serbiens waren während den Mittelmächten als Geschädigten ebenfalls das objek tive Urteil mangelt. Dieses kann erst die Geschichte fällen.      Ferner fragt es sich, ob bei dem beabsichtigten Vorgehen gegen Serbien Methoden vorgesehen wurden, die zu den damals üblichen und erlaubten gehörten. Dies wird man an der Hand der eben (S. 20) angeführten Beispiele kaum verneinen können. Selbst im Rahmen des Pariser Völkerbundes ist der Krieg als Mittel der Politik zulässig.      Schließlich und vor allem ist zu fragen, ob das Serbien gegen- über beabsichtigte Verfahren zweckentsprechend und daher politisch klug war. Dies muß verneint werden, und zwar nicht allein im Hinblick auf die eingetretenen Folgen. Jedoch fehlt jeder Anhalt für einen dolus malus der Beteiligten,      Selbst die Nolw^endigkeit und (um von der Unzweckmäßig- keit abzusehen) die Zulässigkeit des Vorgehens gegen Serbien zu gegeben, bleibt aber unerklärlich, weshalb die Berliner Regierung Österreich-Ungarn ihre unbedingte Unterstützung gewährte, und weshalb sie — trotz des zu gewärtigenden Wiener Widerstrebens — nicht eine Kontrolle über das beabsichtigte Vorgehen ausbedungen hat. Gewiß, der Hochmut und die Empfindlichkeit der Hofburg kreise waren ungeheuer. Auch werden diese Wiener Herren wohl geltend gemacht haben, daß sie sich auf Balkanfragen besser ver- stünden und schon Ruhe schaffen würden, wenn man ihnen nur freie Hand Heße. Das genügt aber nicht als Erklärung. Entweder schenkte man in Berlin der Wiener Regierung ein unbegreifliches und ganz unverdientes Vertrauen, oder man sah den Bundesgenossen als so schwach an, daß sein größter Aufwand an Energie nur eben dem gedachten Zweck genügen werde. Frühere Erfahrungen mögen auch gelehrt haben, daß man am Ballhausplatz wohl gerne große Worte machte, denen aber nicht die entsprechenden Taten folgen ließ. Tatsächlich war ja auch zuerst von einer völligen Aufteilung Serbiens die Rede (Weißbuch Nr. 18), während schließ- lich aus eigenem Antriebe Verzicht auf Annexionen ausgesprochen wurde — wenigstens Berlin gegenüber (Weißbuch Nr. 94). Auf jeden Fall ist aber diese Passivität der deutschen Regierung und die gleichmütige Aufnahme aller beunruhigenden Nachrichten aus Wien unbedingt zu verurteilen.