Anhang VI Aufzeichnung des Botschafters in Petersburg über die russische Politik vom 29. bis 31, Juli 1914

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Aufzeichnung des Botschafters in Petersburg über die russische Politik vom 29. bis 31, Juli 19141

                                        Berlin, den 13. August 1915

     Dem Bericht des Herrn Ballin zufolge hat der Zar dem Etats- rat Andersen erzählt, er habe die Absicht gehabt, Sr. M. unserem Kaiser zur mündüchen Erörterung der gefahrdrohenden politischen Kom- plikation eine Zusammenkunft in einem Ostseehafen vorzuschlagen, als das deutsche auf 12 Stunden begrenzte Ultimatum eingelaufen sei, welches ihm diesen Schritt unmöglich gemacht habe.

     Hierzu gestatte ich mir Nachstehendes gehorsamst anzuführen:

     Am 29. Juli hatte bekanntlich der russische Chef des General- stabes General Januschkjewitsch unserem MiHtärattach^ die drei Tage vorher dem Kriegsminister gegebene feierliche Versicherung wiederholt, daß gegen Deutschland nicht mobilisiert werden solle. Dasselbe hatte mir am selben Tage Herr Sasonow, als ich ihm meine ernsten Besorgnisse wegfen der russischen Mobilmachung an der galizischen Grenze aussprach, ebenfalls in feierÜcher Form be- teuert. Der 30. JuH brachte, was Petersburg betrifft, keine wesent- liche Veränderung der Lage. Solange die russische Regierung erklärte, von Rüstungen gegen uns Abstand nehmen und keine feindseligen Handlungen gegen Österreich-Ungarn unternehmen zu wollen, waren noch schwache Aussichten auf eine friedhche Lösung vorhanden. Herr Sasonow wußte aber aus den sehr ernsten Vor- stellungen, die ich am 29. mittags aus eigener Initiative und am Abend desselben Tages auf ausdrückliche Weisung des Herrn Reichs- kanzlers gegen die russischen Rüstungen erhoben hatte, daß jedes weitere Fortschreiten dieser Rüstungen militärische Maßnahmen von unserer Seite zur Folge haben würde. Es war ihm dabei nicht verschwiegen worden, daß dann der Krieg kaum noch zu verhindern sein werde.      Dem Zaren mußte daher am 30. JuH der große Ernst der Lage bekannt sein. Wollte er einen ernsten Schritt zur Herbei- führung einer friedlichen Lösung des Konfliktes tun, so war es hier- zu am 30. JuH die höchste Zeit. Er konnte es zu diesem Zeitpunkt noch tun, ohne einem Druck von uns nachzugeben.      Am 31. Juli früh erhielt ich die Mitteilung aus Berlin, daß wir das Wiener Kabinett dazu vermocht hatten, die direkten Besprechungen mit Petersburg wieder aufzunehmen. Ich schickte mich gerade an, diese höchst wichtige Nachricht, die geeignet war, die Lage erheblich zu entspannen, Herrn Sasonow persönhch zu überbringen, als mir der Mihtärattach^ die Meldung machte, daß in der Nacht vom 30. zum 31. Juh die Mobilmachung der ganzen russischen Armee be- fohlen worden sei. Vom Fenster aus konnte ich mich selbst davon überzeugen, daß der Mobilmachungsbefehl bereits an den Straßen- ecken angeschlagen wurde. Ich begab mich sofort in das Ministerium, wo ich nur Herrn Neratow fand, da Herr Sasonow bereits nach Peterhof gefahren war. Ich erklärte Herrn Neratow direkt und Herrn Sasonow telephonisch, ich hielte die Situation für verloren, wenn der un.Nelige Schritt der Mobilmachung nicht sofort rückgängig gemacht würde. Ein Anhalten der Mobilmachung schiene mir um so mehr mögUch und angezeigt, als unsere Vermittelung den Er- folg gehabt habe, die direkte Aussprache zwischen Wien und Peters- burg wieder in Gang zu bringen. Um Mittag entschloß ich mich darauf, selbst nach Peterhof zum Zaren zu fahren und ihm die Sachlage offen darzulegen. Der Zar hat dabei aus meinem Munde gehört, daß die allgemeine russische Mobilmachung, nach den uns erst vor wenigen Tagen erteilten beruhigenden Versicherungen, in ganz Deutschland als eine unerhörte Herausforderung und Bedrohung angesehen werden würde, und daß es jetzt nur noch ein Mittel gebe, den Frieden zu erhalten, nämlich ein sofortiger Befehl zum Anhalten der Mobil- machung. In diesem Augenblick hatte es also der Zar noch in der Hand, den rollenden Stein aufzuhalten. Die Überreichung unseres Ultimatums, durch welches wir die Einstellung der Mobilmachung forderten, erfolgte erst in der darauffolgenden Nacht um Mitternacht. Es ist also nicht richtig, wenn der Zar jetzt sagt, das deutsche Ultimatum habe es ihm unmöglich gemacht, den beabsichtigten freundschaftlichen Schritt, durch - den der Krieg hätte verhindert werden können, zu unternehmen.                                                                       F.  P o u r t a l è s


1 Nach der Niederschrift Pourtales' vom 13. August 1913.