IX. Der Einmarsch in Belgien

From World War I Document Archive
Revision as of 21:46, 15 December 2015 by Woodz2 (talk | contribs) (Created page with "<p align="right"> WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > Glossen z...")

(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to: navigation, search

WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 5 (Commentary) > Glossen zu den Vorkriegsakten > IX. Der Einmarsch in Belgien


     Die Verletzung der luxemburgischen und belgischen Neutra- lität bildet zweifellos das für Deutschland am meisten belastende Moment. Die Frage kann aber nicht mit einer einfachen Anklage erledigt werden, namentlich dann nicht, wenn man wie Kautsky die Ansicht ausspricht: „rein militärisch betrachtet war also der Durchbruch durch Belgien sicher geboten" (K. Seite 156). Ich stehe nicht mehr auf diesem Standpunkt, der früher auch der meinige war, und glaube, daß sogar vom rein militärischen Gesichtspunkt ein anderes Verfahren möglich gewesen wäre.

     Hingegen ist es fraglich, ob Frankreich und England das Recht zusteht, sich zu Richtern über das deutsche Vorgehen aufzuwerfen. Im April 1919 ist vor der französischen Untersuchungskommission über die vorzeitige Räumung des Beckens von Briey zur Sprache gekommen, daß von 1911 bis 1913 ein Operationsplan in Kraft war, wonach die französischen Armeen nicht wie 1914 korrekterweise südlich der belgischen Grenze, sondern auf der ganzen Strecke „von Beifort bis zur Nordsee" aufmarschieren sollten. Wo war damals, wenn die Franzosen diese ganze Strecke einnahmen, die Versammlung der Engländer gedacht, über die ja seit dem Januar 1906 ständig Besprechungen zwischen den beiden Generalstäben stattfanden? Wie war die Erfüllung des Artikels 3 der französisch- russischen Militärkonvention geplant, in aller Eile zu nachdrück- lichsten Operationen zu schreiten? Das war doch nur möglich durch einen Vormarsch auf der ganzen Front, also durch einen Ein- marsch in Belgien.

     Das ist keine Rechtfertigung Deutschlands und keine Anklage Belgiens, das nach dem gesamten bisher vorliegenden Material sich durchaus loyal benommen hat und auch einem französischen Ein- bruch Widerstand geleistet haben würde. Aber Frankreich und England können nicht mehr als Kläger gegen Deutschland in dieser Frage auftreten. Daß man in Frankreich über die Verletzung der luxemburgischen und belgischen Neutralität auch 1914 innerlich keineswegs entrüstet war, sie vielmehr als einen großen Glücksfall betrachtete, beweist die schon angeführte Depesche Iswolskis vom 2. August. Der russische Botschafter fährt nämlich fort:

        „Heute ist die Nachricht eingetroffen, daß deutsche Truppen    das luxemburgische Territorium betreten und so die Neutralität    des Großherzogtums verletzt haben, die durch den u. a. von    England und Italien unterzeichneten Traktat von 1867 garantiert    wurde. Dieser Umstand wird für sehr vorteilhaft für Frankreich    betrachtet, denn er wird unvermeidlich (Lücke im Telegramm)    seitens Englands hervorrufen und es zu einer energischeren    Handlungsweise veranlassen. Es liegt auch die Nachricht vor,    daß die deutschen Truppen sich angeblich in Richtung Arlon    bewegen, was auf die Absicht hinweist, auch die belgische Neu-    tralität zu verletzen. Das wird noch fühlbarer für England sein.    Der Vorsitzende des Ministerrats telegraphierte sofort nach Lon-    don und beauftragte Cambon, die Aufmerksamkeit Greys darauf    zu lenken."

     Ein Kommentar zu diesen Ausführungen ist entbehrlich.