Difference between revisions of "Nr. 12 Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat"

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Latest revision as of 18:24, 29 September 2015

WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 4 > Anhang IV. > Nr. 12
Nr. 12
Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat1

Bericht 406                                    Berlin, den 28. Juli 1914

     Das Telegramm Ew. Exz. von vorgestern habe ich gestern vor
meiner Abreise noch erhalten. Es war in St. Gilla liegengeblieben, da
man dort irrtümlich annahm, ich sei bereits telephonisch von dessen
Inhalt verständigt.
     Heute habe ich versucht, den Reichskanzler zu sehen, leider
vergeblich, weil er zum Kaiser nach Potsdam gerufen worden war.
Vom Unterstaatssekretär Wahnschaffe habe ich aber erfahren, daß
der Reichskanzler beabsichtige, Sr. M. dem König die Lage schriftlich
darzulegen, und deswegen mit mir noch sprechen will.
     Einstweilen kann ich über den Stand der Dinge auf Grund von
Rücksprachen mit anderen Persönlichkeiten folgendes melden:
     Der Konferenz Vorschlag Greys wird hier für durchaus inopportun
gehalten, weil er wegen des Verlangens, daß einstweilen die Feind-
seligkeiten zu ruhen haben, für Österreich-Ungarn nicht annehmbar
ist. Man verdenkt es dem deutschen Botschafter in London, daß er
den Versuch unterlassen hat, Sir E. Grey von dem Schritte abzu-
bringen.
     Ich gestehe, daß auch auf mich der Vorschlag einen be-
fremdenden Eindruck gemacht hat. Denn wenn der englische
Minister erklärt, sich nicht in den Streit zwischen Österreich- Ungarn
und Serbien einmischen zu wollen, so kann er nicht von Österreich-
Ungarn verlangen, daß dieses bis zum Spruch der Konferenz Serbien
nicht angreift.
     Man rechnet hier mit Bestimmtheit darauf, daß in Wien ab-
gelehnt wird, die verlangte Zusicherung zu geben, und daß damit
die Konferenz, jedenfalls in der vorgeschlagenen Form, nicht zu
Stande kommt.
     Sehr wenig erbaut ist man hier, daß Österreich-Ungarn sich
außer Stande erklärt, vor Ablauf von 14 oder mindestens 10 Tagen
den Angriff zu eröffnen. Vom mihtärischen Standpunkt mag diese
Vorsicht berechtigt sein. Vom politischen aber nach der hiesigen
Ansicht nicht, denn man befürchtet ein gewisses Abflauen des
Enthusiasmus, den das entschiedene Vorgehen des Kaiserstaates dort
und in Deutschland hervorgerufen hat.
     Bisher bin ich hier noch niemand begegnet, der eine bestimmte
Ansicht über die weitere Entwicklung der Dinge geäußert hätte.
Daß keine der Großmächte einen europäischen Krieg will, daß
namentlich Frankreich und England für eine Lokalisierung des
Kampfes zwischen Österreich - Ungarn und Serbien sehr entschieden
in Petersburg eintreten, steht außer Zweifel. Krieg oder Frieden
wird also nur davon abhängen, ob die russische Regierung gewillt
und im Stande ist, dem Drängen der Panslawisten auf Einmischung
Widerstand zu leisten. Sowohl hier als in Wien sind die Militärs
der Ansicht, daß die russische Armee nicht fertig ist. Bekanntlich
haben aber die Russen sich dadurch bei anderen Gelegenheiten nicht
hindern lassen, einen Krieg zu beginnen.
     Während ich Ew. Exz. schreibe, erfahre ich, daß Deutschland
den Konferenzvorschlag Greys abgelehnt hat.

                                                                 G.  H.   L e r c h e n f e l d


1 Vorher erfolgte kurze telephonische Inhaltsangabe nach München.