Nr. 160. Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt, 25. Juli 1914

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Nr. 160
Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt1


Telegramm 149                               St. Petersburg, den 25. Juh 19142

gut Blech !

Das ist Ansichts- sache !

nicht zu trennen

richtig panslavistischen

ganz bestimmt nicht !

bravo ! gut gesagt

Seit seiner Ver- brüderung mit der französ. Sozialre- publik nicht mehr !

Fürstenmord

sehr gut

na denn zu !

das will es ja scheints nicht richtig

Hatte eben lange Unterredung mit Sasonow, in der ich Inhalt Erlasses 5923 eingehend ver- wertet. Minister, der sehr erregt war und sich in maßlosen Anklagen gegen Österreich-Ungarn er- geht, erklärte auf das bestimmteste, Rußland könne unmöglich zulassen , daß österreichisch - serbische Differenz zwischen beiden Beteiligten allein ausge- tragen werde. Die Verpflichtungen, die Serbien nach der bosnischen Krisis übernommen habe und auf welche österreichische Note anspielt, seien Europa gegenüber übernommen worden, folglich sei die An- gelegenheit eine europäische, und es sei an Europa,

{u untersuchen *, ob Serbien diesen Verpflichtungen

nachgekommen sei. Er beantragt daher, daß das Dossier über die Untersuchung den Kabinetten der sechs Mächte vorgelegt werde ^. Österreich könne nicht in eigener Sache Richter und Ankläger sein. Sasonow erklärte,, die von Österreich - Ungarn in der Note behaupteten Tatsachen könne er in keiner Weise als bewiesen ansehen, die enquete flößt ihm vielmehr das größste [Mißtrauen] * ein. Er fuhr fort, in der rein rechtlichen Frage könne Serbien, fplls die behaupteten Tatsachen erwiesen seien, Österreich Satisfaktion geben, in den Forderungen politischer Art dagegen nicht. Ich weise darauf hin, daß es unmöghch sei, die rechtliche von der politischen Seite des Falles zu trennen, da das Attentat mit der großserbischen Propaganda unzer- trennlich verbunden sei.

Ich versprach, seine Auffassung meiner Re- gienmg zu übermitteln, glaubte aber nicht, daß wir unserem Verbündeten zumuten würden, das Resultat der von ihm geführten Untersuchung noch einem europäischen Areopag vorzulegen. Österreich werde sich gegen diese Zumutung ebenso wehren, wie jede Großmacht es ablehnen müsse , sich einem Schiedsgericht zu unterwerfen, wo ihre vitalen Inter- essen in Frage ständen.

Mein Hinweis auf das monarchische Prinzip machte auf den Minister wenig Eindruck. Rußland wisse, was es dem monarchischen Prinzip schuldet, um das es sich hier eben gar nicht handle. Ich habe Sasonow sehr ernst, aber unter Vermeidung alles, was als Drohung scheinen könnte, gebeten, sich von seinem Haß gegen Österreich nicht hinreißen zu



habe zu

lassen und nkeine schlechte Sache :{ii verteidigen*. Rußland könne sich unmöglich zum Anwalt von Königsmördern machen.

Im Laufe des Gesprächs rief Sasonow aus:

»Wenn Österreich-Ungarn Serbien verschlingt, werden

wir mit ihm den Krieg führen«; hieraus läßt sich

vielleicht schließen, daß Rußland erst in dem Fall

zu den Waffen greifen würde, daß Österreich auf

Kosten Serbiens territoriale Erwerbungen machen

wollte. Auch der Wunsch einer Europäisierung der

Frage scheint darauf hinzuweisen, daß ein sofortiges

Einschreiten von Rußland nicht zu erwarten ist.

                                                       P o u r t a l è s


1 Nach der Entzifferung. Siehe auch deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, S. 27, Nr. 4. 2 Aufgegeben in Petersburg i** vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 3*» vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Worte »in der ich Inhalt verwertet. Minister« und »aber unter Ver- meidung scheinen könnte« telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt 25. Juli 1'^ nachm., im Hoflager angekommen 26. Juli 5^ nachm. Entzifferung des Hoflagers, vom Kaiser am 26. Juli zurückgegeben, war am 27. Juli in Berlin. Pourtales' Bericht am 25. Juli desgleichen von Jagow, nach Vornahme stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Worte »in der ich Inhalt verwertet. Minister«, »und auf welche anspielt», »falls die behaupteten erwiesen seien« und »aber unter Vermeidung scheinen könnte«  den Botschaftern in Wien, Rom, Paris und London mitgeteilt, Telegramme 2*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt; auf der Botschaft in Wien 8'^ nachm. eingetroffen. 3 Siehe Nr. 100. 4 Jagow stilisiert im Telegramm an den Kaiser: »und Europa untersuchen«; Kaiser unterstreicht die vier letzten Worte. 5 Am Rand Rufzeichen des Kaisers. 6Zifferngruppe fehlt, Wort von Jagow ergänzt.