Nr. 19a. Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler, 9. Juli 1914

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Nr. 19a
Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler1

Belgrad, den 6. Juh 19142

Die schicksalsvollen Ereignisse der vergangenen Wochen haben die allgemeine Aufmerksamkeit in so hohem Maße auf die Wirksam- keit der sogenannten »Narodna Odbranat (wörthch übersetzt Volkswehr hingelenkt, daß eine zusammenfassende Übersicht ihrer Entstehung, Organisation, Ziele und Mittel im gegenwärtigen Zeitpunkt von be- sonderem Interesse sein dürfte.

Das Jahr 1908, wo Serbien sich gegen die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch die Nachbarmonarchie wild aufbäumte, aber dann, von Rußland im Stich gelassen, sich mit der Einver- leibung dieser »echt serbischen Ländero in Österreich-Ungarn ab- finden und sogar vor aller Welt erklären mußte, hierdurch »nicht beleidigt zu sein«, hatte der serbischen Volksseele eine nicht ver- narbende Wunde geschlagen. Kurz zuvor waren durch den Aus- bruch der jimgtürkischen Revolution die Hoffnungen Serbiens auf Erwerb von Mazedonien und Altserbien stark verringert worden, und die Früchte einer vieljährigen, kostspieligen und opferreichen Propa- ganda drohten verloren zu gehen. Die Pohtiker aller Parteien salien die Zukunft des Landes auf das Äußerste gefährdet ; sie waren über- zeugt, daß Serbien sich nwi mit Einsatz aller Kräfte der Umklamme- rung durch den übermächtigen Nachbarn erwehren könne. Damals begannen die radikalen Regierungen in Serbien sich ernstlich für einen Entscheidlingskampf vorzubereiten und eine Rüstungsanleihe nach der andern aufzunehmen. Im Zusammenhang damit trat die Idee der Narodna Odbrana in die Erscheinung.

Sie war gedacht als ein patriotisch-nationalistischer Geheimbund, der nicht bloß das König-reich Serbien, sondern sämtliche Länder mit serbischen Bevölkerungselementen umfassen sollte und bestimmt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Stammeseinheit zu entwickeln und zu kräftigen und auf dem so vorbereiteten Boden an der realen Durchführung dieser Vereinigung mit aUen Mitteln zu arbeiten. Das Schlagwort lautete: »Arbeit an der Befreiung der unterjochten Brüder.« In die Leitung des Gebeimbundes, als dessen Ehren- präsident der General a. D. Bosidar Jankowitsch, später Komman- mandant der Ibardivision im serbisch-türkischen Kriege, fungierte, traten Männer der verschiedensten Berufsarten ein : Bccimte, Offiziere (insbesondere diejenigen aus der Gruppe der viel besprochenen iischwar^en Hand»), Abgeordnete, Kaufleute, Handwerker u. dgl. Ver- trauensmänner des Bundes wurden wie für das Innere Serbiens, so auch für Südungarn, Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Alt- serbien und Mazedonien bestellt. Aber gewitzigt durch die un- angenehmen Erfahrungen, die man mit dem früheren »Jugoslowenski Klub« (Südslawischer Verein) in Serbien gemacht hatte, vermied es der neue Geheimbund, sich durch schriftliche Festsetzungen der Gefahr einer Kompromittierung auszusetzen. Insbesondere wurden weder schrifthche Statuten abgefaßt, noch über die Sitzungen schrift- liche Protokolle aufgenommen. Die Sitzungen wurden je nach Um- ständen und Verabredung bei dem einen oder andern der Vorstands- mitglieder abgehalten.

Man war sich darüber einig, daß vor allem die Jugend mit ihrer Begeisterungsfähigkeit für unklare Freiheitsideen gewonnen werden mußte. So begann die Narodna Odbrana mit der systematischen Verhet:(ung und Fanatisierung der Jugend, namenthch der Schuljugend. Im Königreich Serbien eigneten sich treffhch hierzu die Sokol- und Duschanow\i- Vereine, in denen mit der großserbischen Agitation praktische Unterweisung im Waffengebrauch verbunden wurde. In den südslawischen Ländern Österreich-Ungarns, wo derartige öffent- liche Verbindungen auf Widerstand der Behörden stießen, bildeten sich überall unter den Schülern serbischer NationaUtät geheime Konventikel die sich an der Lektüre aus Serbien eingeschmuggelter chauvinistischer und auch einheimischer großserbischer Blätter be- rauschten. Solcher großserbischer Blätter gibt es in Sarajevo, Fiume, Agram die Fülle. In letzterer Stadt ist es z. B. der »Srbobran«, ein Organ des kroatischen Landtagsabgeordneten und großserbischen Agitators Swetosar Pribitschewitsch, eines Bruders des jet^t mit dem Attentat in Sarajevo öffentlich in Verbindung ge- brachten serbischen Majors Milan Pribitschewitsch.

Ihren Zielen entsprechend wendete die Narodna Odbrana ferner dem Bandenwesen in der Türkei ihre besondere Aufmerksamkeit zu. Sie hat es zwar nicht geschaffen, denn die Komitadjis bestanden lange vor ihr, aber sie hat zu ihrer Vermehrung und besseren Ausrüstung viel beigetragen. Auf ihre Bearbeitung der Jugend ist es mit zurückzuführen, wenn fast täglich Schüler aus den Gymnasien und Studenten von der Universität verschwanden, um als Freischärler in Makedonien aufyiitauchen, oder wenn junge Offiziere aus der Armee austraten und, mit falschen Pässen versehen, nach Altserbien gingen. Fragt man, was aus diesen Komitadjis jetzt, nach be- endetem Krieg und erobertem Mazedonien geworden ist, so ist die Antwort : ein Teil ist vom Staat bei den verschiedensten Betrieben (Eisenbahn, Post, Monopol, Zoll, Pohzeiverwaltung) untergebracht, wo sie meistens kleine Sinekuren inne haben ; ein anderer Teil strolcht arbeitsscheu, und wahrscheinlich von der Narodna Odbrana unterstützt, umher, auf eine Gelegenheit lauernd, wieder seine wilden Instinkte !{u betätigen. Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt, die auf die Gefahr hinwiesen, jene Komitadjis möchten sich, nun- mehr ihre Arbeit in der Türkei beendet war, Bosnien und Südungarn zum Feld neuer Tätigkeit aussuchen.

Was die Mittel betrifft, mit welchen die Narodna Odbrana ihre mannigfachen Ziele bestreitet, so appelhert sie in erster Reihe an freiwillige Massenbeiträge des Pubhkums. Sie geht dabei von der gewiß richtigen Ansicht aus, daß kleine Beiträge, die in Massen geleistet werden, ein ungleich ergiebigeres Erträgnis liefern, als ver- einzelte größere Spenden. Es wÄrden daher bei gewissen Gelegen- heiten und namentlich an dem auf den 15. Juni a. St. fallenden St. Veitstage (Widowdan), der der Erinnerung an den Untergang des mittelalterlichen Großserbiens in der Schlacht auf dem Amsel- feld gewidmet ist, öffentliche Sammlungen in ganz Serbien veran- staltet, die regelmäßig höchst respektable Summen einbringen. So- dann ist es Brauch geworden, bei letzt willigen Verfügungen die Narodna Odbrana mit Legaten zu bedenken, ebenso, zum Gedächtnis an verstorbene Famihenangehörige der Narodna Odbrana Beiträge zu überweisen. Doch hat es mit diesen freiwilhgen Beiträgen keines- wegs sein Bewenden. Oft genug entsendet die Narodna Odbrana ihre Vertrauensmänner zu reichen Kaufleuten, Banken usw., auch solchen, die, ohne Serben \u sein, mit Serbien in dauernder Geschäfts- verbindung stehen, oder, wie man hier zu sagen pflegt, an Serbien sverdienent und fordert Beiträge. So wurde mir erst kürzUch ein Fall erzählt, wonach ein solcher Vertrauensmann bei der hiesigen Filiale der Banque franco-serbe einen Beitrag verlangte und als ihm bemerkt wurde, daß die Bank ohne Genehmigung der Pariser Zentrale nicht über 100 Fr. beisteuern könne, ausfällig und drohend wurde. Der Staat selbst, wenn er gleich, um Verantwortlichkeiten zu ver- meiden, darauf halten muß, daß die Narodna Odbrana ihren privaten Charakter bewahre, beschränkt sich indes keineswegs auf die Rolle eines passiven Zuschauers. Unter harmlosen Titeln si?id in das Staatsbudget gewisse Positionen aufgenommen, die der Narodna Odbrana :^ugute kommen. Bezüglich der Anschaffung von Flinten für Schüler, von Revolvern für Freischärler ist es notorisch, daß der Staat sie geliefert hat. Charakteristisch ist, daß als Zentral- stelle für die Verausgabung von Staatsmitteln für solche Zwecke und die Abrechnung weder das Ministerium des Äußern, noch das Kriegs- ministerium, sondern dasjenige für Kultus und Unterricht mitwirkt. Mag daher die serbische Regierung noch so sehr ihren Abscheu und ihre Entrüstung über die in Sarajevo begangene Bluttat kund- geben, mag sie noch so sehr ihre Unschuld beteuern und darauf hin- weisen, wie sinn- und zwecklos dieses Verbrechen sei und wie es der Sache des Serbentums viel eher geschadet als genützt habe, eines kann sie nicht ableugnen. Sie hat die Atmosphäre geschaffen, in der solche Explosionen des blinden Fanatismus allein möglich sind. In ihrem Lande und unter den Augen ihrer Behörden sind die Elemente groß gezogen worden, die Serbien vor der ganzen gesitteten Welt bloßgestellt und auf eine Stufe wieder herabgedrückt haben, wie der verabscheuungs würdige Königsmord des Jahres 1903.

V. Griesinger sehr gut


1 Nach der Ausfertigung.

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 9. Juli vorm. Lag dem Kaiser vor. Durch Randverfügung des Kaisers an Kultusminister, Minister des Innern und den Polizeipräsidenten von Berlin mitgeteilt.