Nr. 204. Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler, 26. Juli 1914

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Nr. 204
Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler1

                                                  St. Petersburg, den 25. Juli 19142

     Die Unterredung, die ich gestern abend mit Herrn Sasonow
hatte, und über die ich anderweitig schon zu berichten die Ehre hatte3,
drehte sich, nachdem ich dem Minister den Standpunkt der
k. Regierung entwickelt hatte, zunächst hauptsächlich um die
Frage der vom Minister befürworteten europäischen Enquete über
die Konnivenz der serbischen Regierung gegenüber den Treibereien
der groß-serbischen Propaganda. Herr Sasonow vertrat den Stand-
punkt, daß die Frage eine europäische sei, da Serbien nach der
bosnischen Krisis Europa gegenüber Verpflichtungen übernommen
habe, und daß Europa Serbien nicht der Vergewaltigung durch seinen
mächtigen Nachbarn preisgeben dürfe.
     Ich versuchte, dem Minister zu beweisen, daß es im Interesse der
dringend erwünschten Vermeidung aller etwaiger weiterer Kompli-
kationen durchaus geboten erscheine, den österreichisch-serbischen
Konflikt zu lokalisieren. Ich wies ferner darauf hin, daß nach
meiner Überzeugung Österreich-Ungarn auf die Zumutung, die
Untersuchung gegen die Urheber des Attentats von Sarajevo einer
Superrevision der Mächte zu unterwerfen, niemals eingehen werde
und auch nicht eingehen könne, wenn es nicht auf seine Stellung als
Großmacht verzichten wolle.
     Ich machte endlich darauf aufmerksam, daß mir der ganze Vor-
schlag, die Angelegenheit vor einen europäischen Areopag zu bringen,
auch abgesehen von der zweifellos zu gewärtigenden österreichischen
Ablehnung, auch durchaus unpraktisch erscheine, da unbedingt zu
erwarten sei, daß der allgemeine politische Standpunkt der ver-
schiedenen Mächte und Mächtegruppen bei der Stellungnahme zu der
Frage der ausschlaggebende sein werde. Was aber habe ein solches
»Gerichtsverfahren« für einen praktischen Zweck, wenn sich »die
politischen Freunde« Österreich-Ungarns auf seine Seite und die
Gegner auf die Gegenseite stellten? Wer solle in diesem Falle die
Entscheidung fällen?
     Herr Sasonow war durch diese Argumente nicht von seiner Idee
abzubringen und bat mich dringend, sie meiner Regierung zu über-
mitteln. Ich entgegnete, es sei natürlich meine Pflicht, meiner
Regierung über seine Stellungnahme zu berichten, ich könnte ihm
aber nicht die geringste Aussicht machen, daß Ew. Exz. diesen, nach
meiner Ansicht ganz unpraktischen und auch für Österreich
demütigenden Vorschlag überhaupt als diskutabel anerkennen würde.
Herr Sasonow erwiderte sehr verstimmt, er merke allerdings schon
seit mehreren Tagen, daß wir in der Frage voreingenommen seien
und unsere Stellungnahme bereits in einer bestimmten Richtung fest-
gelegt hätten.
     Ich bemerkte darauf, unser Standpunkt sei ein durchaus klarer
und loyaler. Er werde uns nicht allein durch unsere Pflichten gegen
unseren Verbündeten, sondern auch durch unser Gerechtigkeitsgefühl
und vor allem durch unser treues Festhalten an dem monarchischen
Prinzip diktiert.
     Der Appell an das monarchische Prinzip war Herrn Sasonow
sichtlich unangenehm. Er stellte sich auf den Standpunkt, daß es
sich hier in keiner Weise um die Verteidigung monarchischer
Interessen handele. Rußland, fügte er ärgerlich hinzu, brauche sich
gewiß, was die Heilighaltung des monarchischen Prinzips betreife,
keine Lehren erteilen zu lassen. »Und doch«, erwiderte ich, »sollten
Sie ernstlich prüfen, ob Sie nicht im vorliegenden Falle eine schlechte
Sache vertreten. Rußland kann unmöglich die Sache des Fürsten-
mordes verteidigen.« 
     Herr Sasonow, der bei diesem Teil des Gespräches immer
nervöser und gereizter wurde, suchte von diesem Thema abzulenken
und unter Berufung auf frühere Attentate wieder den Standpunkt zu
vertreten, daß noch nie Regierungen und Völker für die Taten
einzelner verantwortlich gemacht worden seien. Ich bemerkte darauf,
daß es in der neueren Geschichte wohl auch kaum ein Beispiel gäbe,
daß ein Staat eine verbrecherische Propaganda gegen den Nachbarn,
wie dies jetzt in Serbien nachgewiesenermaßen geschehen sei, ge-
duldet habe.
     Herr Sasonow gab darauf zu verstehen, daß ihn die von Öster-
reich-Ungarn vorgebrachten, »Beweise« in keiner Weise überzeugten;
er erging sich dabei in den maßlosesten Anklagen und Verdäch-
tigungen gegen die österreichisch-ungarische Regierung. Diesen in
größter Erregung vorgebrachten Ausfällen gegenüber konnte ich
nicht umhin, dem Minister die Befürchtung auszusprechen, daß er
sich ganz unter der Herrschaft seines unversöhnlichen blinden Hasses
gegen Österreich befinde, der ihn leider anscheinend für alle anderen
ruhigen Erwägungen unzugänglich mache. »Haß entspricht nicht
meinem Charakter,« erwiderte der Minister, »ich hege daher auch
keinen Haß gegen Österreich, aber Verachtung.« 
     Herr Sasonow führte dann aus, daß Österreich-Ungarn nach
seiner Überzeugung nur nach einem Vorwand suche, um Serbien zu
»verschlingen« (avaler). »In diesem Falle aber«, fügte der Minister
hinzu, »wird Rußland mit Österreich Krieg führen.« Es war das
einzige Mal, daß Herr Sasonow, der sich sonst in seinen Äußerungen
wenig Zwang auferlegte, eine Anspielung auf die Möglichkeit eines
bewaffneten Einschreitens Rußlands machte. Ich möchte daraus
schließen, daß übereilte Schritte in dieser Richtung, trotz der zweifel-
los in hiesigen Regierungskreisen herrschenden großen Erregung,
vorläufig nicht zu gewärtigen sind.
     Ich habe dem Minister meine Überzeugung dahin ausgesprochen,
daß es sich im äußersten Falle nur um eine Strafexpedition Öster-
reichs gegen Serbien handeln werde, und daß Österreich weit davon
entfernt sei, an territoriale Erwerbungen zu denken. Herr Sasonow
schüttelte zu diesen Ausführungen ungläubig den Kopf und sprach
von weitgehenden Plänen, die Österreich habe. Erst solle Serbien
verspeist werden, dann werde Bulgarien darankommen und dann
»werden wir sie am Schwarzen Meer haben«.
     Ich bemerkte hierauf, solche phantastischen Übertreibungen
schienen mir überhaupt einer ernsten Diskussion nicht wert.
     Mein Gesamteindruck ist der, daß trotz der sehr erregten Stim-
mung, in der sich Herr Sasonow befindet, er doch vor allem zu
temporisieren wünscht, und daß dieser Wunsch seinem Vorschlag,
die Angelegenheit vor den Richterstuhl Europas zu bringen, in erster
Linie zugrunde liegt. Ein gefährliches Moment der hiesigen
Situation ist allerdings der leidenschaftliche nationale und besonders
auch religiöse Haß des Ministers gegen Österreich-Ungarn.
     Die hiesige öffentliche Meinung hat sich bis jetzt dem öster-
reichisch-serbischen Konflikt gegenüber merkwürdig gleichgültig ge-
zeigt. Dies dürfte sich allerdings, wie schon die heutige Presse
zeigt, in den nächsten Tagen ändern.
                                                                 F.   P o u r t a l e s


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Randnotiz des
Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen: v. B. H. 27.«
3 Siehe Nr. 160.