Nr. 217. Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt, 26. Juli 1914

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Nr. 217
Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt1

Telegramm 157                               St. Petersburg, den 26. Juli 19142

     Habe Sasonow, mit dem ich eben wieder lange Unterredung
hatte, heute viel ruhiger und versöhnlicher gefunden. Er betont mit
der größten Wärme, daß Rußland nichts ferner liege, als Krieg zu
wünschen, daß es vielmehr bereit sei, alle Mittel zu erschöpfen, um
denselben zu vermeiden, man müsse durchaus, und er bäte uns
dringend, dabei zu helfen, eine Brücke finden, um einerseits den
österreichischen Forderungen, deren Berechtigung er, soweit sie sich
direkt auf die Verfolgung der Urheber des Attentats bezögen, aner-
kenne, Genugtuung zu verschaffen3. Einige Forderungen jedoch4,
welche direkt Angriffe gegen serbische Souveränität bedeuteten,
müßten abgeschwächt werden, und er bitte im Interesse des Friedens
dringend um Mitwirkung aller Mächte, auch Deutschlands, um
Wiener Kabinett zu einer Milderung einiger Punkte zu bewegen, es
sei falsch, zu glauben, daß hiesige Politik sich lediglich durch
»Sympathien« leiten lasse. Für Rußland sei aber das Gleichgewicht
auf dem Balkan Lebensfrage, und es könne daher eine Herab-
drückung Serbiens zu Vasallenstaat Österreichs unmöglich dulden.
Von Vorschlägen über Revision österreichischer Untersuchung durch
Europa war nicht mehr die Rede. Dagegen scheint Minister Idee
einer Vermittelung vorzuschweben, bei der Deutschland und Italien
Rolle spielen könnten.
     Ich habe Sasonow gegenüber besonders betont, daß, wenn Öster-
reich wirklich, wie er glaube, nach Vorwand suche, um über Serbien
herzufallen, man jetzt bereits von Beginn österreichischer Aktion
höre5.
     Dieser Hinweis schien zur Beruhigung des Ministers beizu-
tragen.

                                                                      P o u r t a l è s


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in Petersburg 315 nachm., angekommen im Auswärtigen
Amt 71 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Unter dem 26. Juli von
Jagow, unter Fortlassung der Sätze: »Ich habe . . . . . . . . . . . . Ministers
beizutragen«, telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm
am 27. Juli 125 vorm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. Auf einer
Abschrift der Entzifferung der Randvermerk des Reichskanzlers vom
27. Juli: »S. M, vorgetragen. B. H. 27.« 
3 In besonderem Telegramm vom 26. Juli, aufgegeben in Petersburg
26. Juli 525 nachm., Eingangsvermerk des Amts: 27. Juli vorm., bittet
Pourtales, in dem obenstehenden Telegramm hinter »Genugtuung zu
verschaffen« die Worte einzuschalten: »Andererseits ihre Annahme
serbischerseits überhaupt möglich zu machen«.
4 In dem berichtigenden Telegramm vom 26. Juli (siehe Anm. 31 bittet
Pourtales, das Wort »jedoch« zu streichen. Die Änderungen Pourtalès'
sind in dem Telegramm nach Wien und in der dem Reichskanzler vor-
gelegten Abschrift der Entzifferung (siehe oben Anm. 2) noch nicht
berücksichtigt.
5 So in der Entzifferung.