Nr. 303 Der Preußische Gesandte in Karlsruhe an den Minister der auswärtige Angelegenheit (Reichskanzler), 28. Juli 1914

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Nr. 303
Der preußische Gesandte in Karlsruhe an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten (Reichskanzler)1

                                                  Karlsruhe, den 27. Juli 19142

     Angesichts der bedrohlichen politischen Lage erlaubte ich mir,
telegraphisch den vorläufigen Verzicht auf meinen Urlaub nach
Cowes zu melden.
     Sollten Ew. Exz. meine Anwesenheit in England indessen für
erwünscht halten, weil ich dort durch viele einflußreiche Freunde
vielleicht nützlich wirken könnte, so wäre ich jederzeit bereit abzu-
reisen.
     Von der Haltung Englands hängt es jetzt zweifellos vornehm-
lich ab, ob der Krieg lokalisiert bleibt. Ergeht von London eine
entschiedene Warnung nach Petersburg und Paris, so wird man
sich dort kaum in das Abenteuer eines großen Krieges stürzen.
     Es rächt sich bitter, daß unsere Politik in der Vergangenheit
die guten Beziehungen zum Britischen Reiche nicht zu wahren
wußte und seit dem Frieden von Schimonoseki das englische Miß-
trauen oft geradezu hervorgerufen hat. Das war unbedingt zu ver-
meiden, unsere früheren verantwortlichen Staatsmänner tragen eine
schwere Verantwortung in dieser Beziehung. Wir hatten es
meines Erachtens in der Hand, die Entente mit den Zweibund-
mächten zu verhüten und uns und dem Dreibund die Freundschaft,
zum mindesten die wohlwollende Neutralität der Briten, zu er-
halten,
     Straßendemonstrationen provokatorischer Art sind hier bis
jetzt nicht vorgekommen. Vor einigen Zeitungsredaktionen und
Kaffeehäusern haben radaulustige Leute die Wacht am Rhein und
Deutschland über alles gesungen, aber von einer gerüchtweise aus
Mannheim gemeldeten feindlichen Kundgebung vor dem dortigen
russischen Konsulat ist dem Minister des Innern nichts bekannt.
Die Großherzogliche Regierung wird solche aufreizenden Kund-
gebungen mit aller Energie verhindern.
     Fast die gesamte Presse und öffentliche Meinung tritt dafür
ein, daß wir gegebenenfalls verpflichtet sind, Österreich unsere
Hilfe zu gewähren, aber ehrliche Begeisterung für einen Krieg zum
Schutze des beinahe halbslawischen Bundesgenossen besteht nach
meinen Wahrnehmungen nicht.
     Auf Italiens tatkräftige Unterstützung rechnet im Grunde hier
niemand.

                                                       v.   E i s e n d e c h e r


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli nachm.