Difference between revisions of "Nr. 32. Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler, 11. Juli 1914"

From World War I Document Archive
Jump to: navigation, search
(Created page with " WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 1 > ''' Nr. 32.'''<hr> Nr. 32 Der Gesandte...")
 
 
(12 intermediate revisions by one other user not shown)
Line 1: Line 1:
 
[[Main_Page | WWI Document Archive ]] > [[Official Papers]] > [[Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 &mdash; Volume 1]] > ''' Nr. 32.'''<hr>
 
[[Main_Page | WWI Document Archive ]] > [[Official Papers]] > [[Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 &mdash; Volume 1]] > ''' Nr. 32.'''<hr>
  
Nr. 32  
+
<center>Nr. 32</center>
  
Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler<sup>1</sup>
+
<center><font size=4>'''Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler<sup>1</sup>'''</font></center>
  
 
{| width="90%" cellpadding="3"  
 
{| width="90%" cellpadding="3"  
 
|+ align="top" |<br />
 
|+ align="top" |<br />
| width="30%" height="25"  valign="top" align="center" |  
+
| width="20%" height="25"  valign="top" align="center" |  
 +
<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
 +
<i>Blech ! ! ! !
 +
<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
 +
Blech ! </i>
  
Blech ! ! ! !
+
| width="80%" height="25"  valign="top" align="left" |
 +
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Belgrad, den 8. Juli 1914<sup>2</sup> <br><br>
 +
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Herr Paschitsch sprach sich mir gegenüber heute <br>
 +
gelegentlich der Vorstellung des Militärattachés <br>
 +
lange über das Attentat in Sarajevo und die Maß- <br>
 +
nahmen aus, welche die serbische Regierung im <br>
 +
Zusammenhang damit und zur Verhinderung weiterer <br>
 +
anarchistischer Freveltaten zu ergreifen <i>beabsichtigt</i><sup>3</sup>. <br>
 +
Er begann zunächst mit Versicherungen seiner <br>
 +
tiefsten Entrüstung und seines größten Abscheues <br>
 +
über die Tat und hob dann hervor, daß man doch <br>
 +
nicht eine <i>zivilisierte</i><sup>4</sup>  Regierung für die <i>Exzesse <br>
 +
unreifer</i> und <i>überspannter Burschen verantwortlich <br>
 +
machen</i> dürfe. Die österreichisch-ungarische Presse <br>
 +
schieße weit über das Ziel hinaus. Die Über- <br>
 +
wachung der nationalistischen Vereine und ihrer <br>
 +
Verbindungen im In- und Auslande stelle der ser- <br>
 +
bischen Regierung die <i>schwierigsten Aufgaben;</i> die <br>
 +
demokratisch -freisinnige Verfassung des Landes, <br>
 +
namentlich auf dem Gebiete des Vereinswesens und <br>
 +
der Presse, biete der Regierung nahezu keine Hand- <br>
 +
habe, und jeder Versuch, die Macht der Regierung <br>
 +
zu erweitern und ihr ein energisches Durchgreifen <br>
 +
zu ermöghchen, sei stets noch an dem Widerstand <br>
 +
der Skupschtina gescheitert. Soweit es in seiner <br>
 +
Macht, innerhalb der bestehenden Gesetzgebung, <br>
 +
liege, werde er die Tätigkeit der nationalistischen <br>
 +
Verbindungen <i>streng kontrollieren und alle Elemente <br>
 +
ausweisen, die hier einen Unterschlupf</i> suchen. Er <br>
 +
habe sich auch mit dem Kultusminister bereits ins <br>
 +
Benehmen gesetzt, um durch eine schärfere Kontrolle <br>
 +
der Schulen und der mit ihnen in Verbindung <br>
 +
stehenden Turnvereine zu verhindern, daß unver- <br>
 +
stehende politische Theorien in diesen gelehrt und <br>
 +
verbreitet und die Jugend mit solchen angefüllt <br>
 +
und verhetzt werde. Endlich solle der freie Handel <br>
 +
und Verkehr mit Schußwaffen und Explosivstoffen <br>
 +
eingeschränkt und strengeren Kautelen als bisher <br>
 +
unterworfen werden. Eine gesetzliche Regelung <br>
 +
dieser Materie liege im <i>Projekt bereits</i> vor, sei aber <br>
 +
von der Skupschtina bis jetzt nicht votiert worden. <br>
  
Blech !  
+
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;V. &nbsp; G r i e s i n g e r <br>
 +
<i>Phrasen ! </i><br>
  
| width="70%" height="25"  valign="top" align="center" |
+
<hr>
Belgrad, den 8. Juli 1914<sup>2</sup>  
+
<sup>1</sup> Nach der Ausfertigung. <br>
 +
<sup>2</sup> Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juli nachm. Bericht lag dem <br>
 +
Kaiser vor von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt <br>
 +
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter in Wien <br>
 +
die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist. <br>
 +
<sup>3</sup> »beabsichtigt« vom Kaiser zweimal unterstrichen. <br>
 +
<sup>4</sup> »zivilisierte« vom Kaiser zweimal unterstrichen. <br>
  
Herr Paschitsch sprach sich mir gegenüber heute
+
[[Category:Documents dated 1914-07-08]]
gelegentlich der Vorstellung des Mihtärattaches
 
lange über das Attentat in Sarajevo und die Maß-
 
nahmen aus, welche die serbische Regierung im
 
Zusammenhang damit und zur Verhinderung weiterer
 
anarchistischer Freveltaten zu ergreifen beabsichtigt<sup>3</sup>.
 
Er begann zunächst mit Versicherungen seiner
 
tiefsten Entrüstung und seines größten Abscheues
 
über die Tat und hob dann hervor, daß man doch
 
nicht eine zivilisierte<sup>4</sup>  Regierung für die Exzesse
 
unreifer und überspannter Burschen verantiPortlich
 
machen dürfe. Die österreichisch-ungarische Presse
 
schieße weit über das Ziel hinaus. Die Über-
 
wachung der nation ah sti sehen Vereine und ihrer
 
Verbindungen im In- und Auslande stelle der ser-
 
bischen Regierung die schwierigsten Aufgaben; die
 
demokratisch -freisinnige Verfassung des Landes,
 
namenthch auf dem Gebiete des Vereinswcsens und
 
der Presse, biete der Regierung nahezu keine Hand-  
 
=» ''beabsichtigte vom Kaiser zweimal unterstrichen.
 
"Zivilisierte.! vom Kaiser zweimal unterstrichen.
 
habe, und jeder Versuch, die Macht der Regierung
 
zu erweitern und ihr ein energisches Durchgreifen
 
zu ermöghchen, sei stets noch an dem Widerstand
 
der Skupschtina gescheitert. Soweit es in seiner
 
Macht, innerhalb der bestehenden Gesetzgebung,
 
liege, werde er die Tätigkeit der nationahstischen
 
Verbindungen streng kontrollieren und alle Elemente
 
 
 
ausweisen, die hier einen Unterschlupf suchen. Er
 
habe sich auch mit dem Kultusminister bereits ins
 
Benehmen gesetzt, um durch eine schärfere Kontrolle
 
der Schulen und der mit ihnen in Verbindung
 
stehenden Turnvereine zu verhindern, daß unver-  
 
standene politische Theorien in diesen gelehrt und
 
verbreitet imd die Jugend mit solchen angefüllt
 
und verhetzt werde. Endlich solle der freie Handel
 
und Verkehr mit Schußwaffen und Explosivstoffen
 
eingeschränkt und strengeren Kautelen als bisher
 
unterworfen werden. Eine gesetzliche Regelung
 
dieser Materie liege im Projekt bereits vor, sei aber
 
von der Skupschtina bis jetzt nicht votiert worden.
 
 
 
V. &nbsp; G r i e s i n g e r
 
Phrasen !
 
 
 
<sup>1</sup> Nach der Ausfertigung.
 
 
 
<sup>2</sup> Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juli nachm. Bericht lag dem
 
Kaiser vor von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt
 
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter in Wien
 
die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist. '
 

Latest revision as of 09:35, 10 March 2019

WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 1 > Nr. 32.
Nr. 32
Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler1












Blech ! ! ! !















Blech !

                                   Belgrad, den 8. Juli 19142

     Herr Paschitsch sprach sich mir gegenüber heute
gelegentlich der Vorstellung des Militärattachés
lange über das Attentat in Sarajevo und die Maß-
nahmen aus, welche die serbische Regierung im
Zusammenhang damit und zur Verhinderung weiterer
anarchistischer Freveltaten zu ergreifen beabsichtigt3.
Er begann zunächst mit Versicherungen seiner
tiefsten Entrüstung und seines größten Abscheues
über die Tat und hob dann hervor, daß man doch
nicht eine zivilisierte4 Regierung für die Exzesse
unreifer
und überspannter Burschen verantwortlich
machen
dürfe. Die österreichisch-ungarische Presse
schieße weit über das Ziel hinaus. Die Über-
wachung der nationalistischen Vereine und ihrer
Verbindungen im In- und Auslande stelle der ser-
bischen Regierung die schwierigsten Aufgaben; die
demokratisch -freisinnige Verfassung des Landes,
namentlich auf dem Gebiete des Vereinswesens und
der Presse, biete der Regierung nahezu keine Hand-
habe, und jeder Versuch, die Macht der Regierung
zu erweitern und ihr ein energisches Durchgreifen
zu ermöghchen, sei stets noch an dem Widerstand
der Skupschtina gescheitert. Soweit es in seiner
Macht, innerhalb der bestehenden Gesetzgebung,
liege, werde er die Tätigkeit der nationalistischen
Verbindungen streng kontrollieren und alle Elemente
ausweisen, die hier einen Unterschlupf
suchen. Er
habe sich auch mit dem Kultusminister bereits ins
Benehmen gesetzt, um durch eine schärfere Kontrolle
der Schulen und der mit ihnen in Verbindung
stehenden Turnvereine zu verhindern, daß unver-
stehende politische Theorien in diesen gelehrt und
verbreitet und die Jugend mit solchen angefüllt
und verhetzt werde. Endlich solle der freie Handel
und Verkehr mit Schußwaffen und Explosivstoffen
eingeschränkt und strengeren Kautelen als bisher
unterworfen werden. Eine gesetzliche Regelung
dieser Materie liege im Projekt bereits vor, sei aber
von der Skupschtina bis jetzt nicht votiert worden.

                                                  V.   G r i e s i n g e r
Phrasen !


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juli nachm. Bericht lag dem
Kaiser vor von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter in Wien
die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist.
3 »beabsichtigt« vom Kaiser zweimal unterstrichen.
4 »zivilisierte« vom Kaiser zweimal unterstrichen.