Nr. 323 Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien, 28. Juli 1914

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Nr. 323

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien1

Telegramm 174 Berlin, den 28. Juli 19142 3

Dringend !

     Die österreichisch-ungarische Regierung hat Rußland bestiimnt erklärt, daß sie an territoriale Erwerbungen in Serb.en nicht denkt4. Dies stimmt mit der Meldung Ew. Exz. überein, daß weder die österr. noch die ungarischen Staatsmänner die Vermehrung des slawischen Elements in der Monarchie für wünschenswert halten. Hiervon abgesehen hat uns die österreichisch-ungarische Regierung trotz wiederholter Anfragen über ihre Absichten im Unklaren ge- lassen. Die nunmehr vorliegende Antwort der serbischen Regierung auf das österreichische Ultimatum läßt erkennen, daß Serbien den österreichischen Forderungen doch in so weitgehendem Maße ent- gegengekommen ist, daß bei einer völlig intransigenten Haltung der österreichisch-ungarischen Regierung mit einer allmählichen Abkehr der öffentlichen Meinung von ihr in ganz Europa gerechnet werden muß.      Nach den Angaben des österreichischen Generalstabs wird ein aktives militärisches Vorgehen gegen Serbien erst am 12. August möglich sein. Die k. Regierung kommt infolgedessen in die außerordentlich schwierige Lage, daß sie in der Zwischenzeit den Vermittlungs- und Konferenzvorschlägen der anderen Kabinette ausgesetzt bleibt, und wenn sie weiter an ihrer bisherigen Zurück- haltung solchen Vorschlägen gegenüber festhält, das Odium, einen Weltkrieg verschuldet zu haben, schließlich auch in den Augen des deutschen Volkes auf sie zurückfällt. Auf einer solchen Basis aber läßt sich ein erfolgreicher Krieg nach drei Fronten nicht einleiten und führen. Es ist eine gebieterische Notwendigkeit, daß die Ver- antwortung für das eventuelle Übergreifen des Konflikts auf die nicht unmittelbar Beteiligten unter allen Umständen Rußland trifft. In der letzten Unterredung Herrn Sasonows mit dem Grafen Pourtales hat der Minister bereits zugegeben, daß Serbien die »ver- diente Lektion« erhalten müsse5. Der Minister stand überhaupt dem österreichisclien Standpunkt nicht mehr so bedingungslos ab- lehnend gegenüber wie früher. Es liegt hiemach die Schlußfolgenmg nicht fem, daß die russische Regiemng sich auch der Erkenntnis nicht verschließen wird, daß, nachdem einmal die Mobilisierung der österreichisch-ungarischen Armee begonnen hat, schon die Waffen- ehre den Einmarsch in Serbien erfordert. Sie wird sich aber mit diesem Gedanken umsomehr abzufinden wissen, wenn das Wiener Kabinett in Petersburg die bestimmte Erklärung wiederholt, daß ihr6 territoriale Erwerbungen in Serbien durchaus fernliegen, und daß ihre militärischen Maßnahmen lediglich eine vorübergehende Besetzung von Belgrad und anderen bestimmten Punkten des serbischen Gebietes bezwecken, um die serbische Regierung zu vöUiger Erfüllung ihrer Forderungen und zur Schaffung von Garan- tien für künftiges Wohlverhalten zu zwingen, auf die Österreich- Ungarn nach den mit Serbien gemachten Erfahrungen unbedingt Anspruch hat. Die Besetzimg sei gedacht wie die deutsche Okku- pation in Frankreich nach dem Frankfurter Frieden zur Sicher- stellung der Forderung auf Kriegsentschädigung. Sobald die öster- reichischen Forderungen erfüllt seien, werde die Räumung erfolgen. Erkennt die russische Regierung die Berechtigung dieses Stand- punktes nicht an, so wird sie die öffentliche Meinung ganz Europas gegen sich haben, die im Begriffe steht, sich von Österreich abzu- wenden. Als eine weitere Folge wird sich die allgemeine diplo- matische und wahrscheinlich auch die militärische Lage sehr wesent- lich zugunsten Österreich-Ungarns und seiner Verbündeten verschieben.      Ew. pp. wollen sich umgehend in diesem Sinne dem Grafen Berchtold gegenüber nachdrücklich aussprechen und eine entsprechende Demarche in St. Petersburg anregen. Sie werden es dabei sorgfältig zu vermeiden haben, daß der Eindruck entsteht, als wünschten wir Österreich zurückzuhalten. Es handelt sich lediglich darum, einen Modus zu finden, der die Verwirklichung des von Österreich-Ungarn erstrebten Ziels, der großserbischen Propaganda den Lebensnerv zu unterbinden, ermöglicht, ohne gleichzeitig einen Weltkrieg zu ent- fesseln, und wenn dieser schließlich nicht zu vermeiden ist, die Bedingungen, unter denen er zu führen ist, für uns nach Tunlich- keit zu verbessern.

     Drahtbericht.7                     B e t h m a n n   H o l l w e g


1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumm diktiert und von ihm hand-
schriftlich korrigiert.
2 1015 nachm. zum Haupttelegraphenamt. Auf der Botschaft in Wien ange-
kommen am 29. Juli 430 vorm.
3 Siehe Nr. 293 und 308.
4 Siehe Nr. 198—200.
5 Siehe Nr. 282.
6 So im Konzept für »ihm« 
7 Siehe Nr. 377 und 388.